Demokratie-Verteidiger treffen Bundesfamilienministerin in Mödlareuth

Mödlareuth  Franziska Giffey lässt sich von Zeiten des Mauerfalls und heutigen Problemen berichten

Museumsmitarbeiter und Ex-DDR-Grenzsoldat Ingolf Hermann erklärt dem Hofer Landreat Oliver Bär, Bundesfamilienministerin Franziska Giffey und der ­Geraer SPD-Bundestagsabgeordneten Elisabeth Kaiser (von links) die erhaltenen Grenzanlagen in Mödlareuth.

Museumsmitarbeiter und Ex-DDR-Grenzsoldat Ingolf Hermann erklärt dem Hofer Landreat Oliver Bär, Bundesfamilienministerin Franziska Giffey und der ­Geraer SPD-Bundestagsabgeordneten Elisabeth Kaiser (von links) die erhaltenen Grenzanlagen in Mödlareuth.

Foto: Peter Cissek

„Ich bin sehr froh, dass ich nie in die Situation kam, auf Landsleute schießen zu müssen“, sagte Ingolf Hermann. Der ehemalige DDR-Grenzsoldat ist mittlerweile Mitarbeiter des Deutsch-Deutschen Museums in Mödlareuth. Als solcher erklärte er Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) am Donnerstagnachmittag die erhaltenen DDR-Grenzanlagen im einst von der innerdeutschen Grenze geteilten Dorf Möd­lareuth, das auch Little Berlin genannt wurde.

„Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass meine Tochter einen Mann aus Würzburg heiratet und meine Enkel dort wohnen werden. Auch hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich eines Tages einen Nord- und einige Südkoreaner bei uns über das Museumsgelände führen werde und sie das erste Mal hier miteinander sprechen“, sagte er.

Klaus Grünzner (CSU), Bürgermeister aus Töpen, zu dem der bayerische Teil Mödlareuths gehört, stand als Bundesgrenzschützer Ende der 70er-Jahre auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs. „Heute kommen wir sehr gut miteinander zurecht“, sagte er zu Ingolf Hermann. Ministerin Franziska Giffey, die sich bei der Anreise aus Radebeul 70 Minuten verspätet hatte, fand es „spitze“, dass sich beide Herren so sehr in Möd­lareuth engagieren.

Sie informierte sich aus ­Anlass des Mauerfalls vor knapp 30 Jahren auf ihrer Sommertour über die Entwicklungen und den Zustand der Demokratie im Dreiländereck zwischen Thüringen, Sachsen und Bayern. Die Ministerin kam im Museum mit mehreren Zeitzeugen ins Gespräch, so auch mit Jürgen Senitz, der zu DDR-Zeiten gegen seinen Willen nach Schleiz umziehen und dort Kreisarzt werden musste. Er ­erzählte, wie er sich damals weigerte, einen Totenschein zu manipulieren, nachdem DDR-Grenzsoldaten am 5. August 1976 den italienischen Last­wagenfahrer Benito Corghi am Grenzübergang Hirschberg erschossen hatten; paradoxerweise einen italienischen Kommunisten.

Franziska Giffey kam auch mit regionalen Akteuren der „Partnerschaften für Demokratie“ ins Gespräch, die über das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ unterstützt werden, für das sie in Mödlareuth warb. „In Pößneck verabreden sich Schüler über Whats­App-Gruppen als neue Hitler-Jugend“, sagte Willy Jobst, der bis 31. Juli 2019 über das Bundesprogramm beschäftigt war, während der Diskussionsrunde mit 80 Gästen.

„Was ist in den Jahren schief gelaufen, dass sich Menschen von der Demokratie abwenden“, stellte die Ministerin eine eher rhetorische Frage in den Raum. Eine Frau aus dem sächsischen Vogtland sagte, dass es im Osten viele Menschen gibt, die auch 30 Jahre nach dem Mauerfall sehr niedrige Löhne haben und sich nicht viel leisten können. „Das ist der Nährboden für Unzufriedenheit“, sagte sie.

Andere bedauerten, dass AfD-Anhänger heute Sprüche der DDR-Bürgerrechtsbewegung für ihre fremdenfeindlichen Zwecke vereinnahmen würden.

Klaus Grünzner aus Töpen sagte, dass es auch der Grenzöffnung zu verdanken sei, dass sich in seinem Ort dennree zum umsatzstärksten Fachgroßhändler für Bio-Lebensmittel und Naturkosmetik im deutschsprachigen Raum entwickeln konnte. „Hier arbeiten sehr viele Menschen aus den neuen Bundesländern“, sagte er. Franziska Giffey fragte: „Sagen Sie wirklich noch neue Länder? Wie alt muss ein Land eigentlich werden, damit es nicht mehr neu ist?“

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