Liebesgeschichte mit reichlich Pößnecker Lokalkolorit

Pößneck  Titelgebende Erzählung eines neuen Buches spielt im Pößneck der 1920er bis 1950er Jahre

Die Villa Berger in der Pößnecker Kastanienallee ist einer der Schauplätze in der titel­gebenden Erzählung des im Nora Verlag Berlin erschienenen Taschenbuches ­„Umsonst haben wir nicht gelebt“ von German Taub.

Die Villa Berger in der Pößnecker Kastanienallee ist einer der Schauplätze in der titel­gebenden Erzählung des im Nora Verlag Berlin erschienenen Taschenbuches ­„Umsonst haben wir nicht gelebt“ von German Taub.

Foto: Joerg-Uwe Jahn

„Diese verdammten Kriege!“, schimpfte Martha quasi aus heiterem Himmel. Mit einem Schlag war es ihr bewusst geworden, dass der Russe Afonassij ihrem Paul, einem Deutschen, das Leben gerettet hat. Um später, im Ersten Weltkrieg, von einer deutschen Kugel getötet zu werden. „Ist das nicht verrückt?“ fragte sich Martha. Diese Erkenntnis gewinnt sie in den 1950ern. Da waren Marthas und Pauls Söhne längst tot – der eine an der Ostfront draufgegangen, der anderen mit seinem U-Boot vom Atlantik verschluckt.

Marthas Monolog ist die Schlüsselszene in der rund 200-seitigen Erzählung „Umsonst haben wir nicht gelebt“ aus dem gleichnamigen und insgesamt drei Texte umfassenden Büchlein von German Taub. Erschienen ist der Band im Nora Verlag Berlin, der einst vom Raniser Hans Westerheide mit aus der Taufe gehoben wurde.

German Taub ist ein Pseudonym. Dahinter versteckt sich wohl ein älterer Pößnecker, der unter gar keinen Umständen mit seinen Erzählungen in Verbindung gebracht werden will. So wird es beispielsweise keine ­Lesung aus dem Buch geben.

Die titelgebenden Geschichte „Umsonst haben wir nicht gelebt“, die German Taub schon 2001 vollendet hat, könnte gut und gerne als Pößneck-Roman durchgehen. Martha ist eine Einheimische und Paul ein zugezogener Baltendeutscher. Sie arbeiten in den 1920ern im Vogel-Verlag, kommen sich beim Tanz im Café Dittmann näher, heiraten bald. Zwei Söhne sind ihnen vergönnt, und als die Jungen früh aus dem Leben gerissen werden, ist Hitler-Verehrerin Martha überzeugt, dass das nicht umsonst gewesen sei. Paul hingegen nennt den Führer einen Verbrecher und landet in Gestapo-Kellern. Paul überlebt sie und Martha unter anderem die Luftangriffe auf Pößneck, doch nichts ist mehr so, wie es war. Bis zu dem Moment in den 1950ern, als in einem kalten Winter das Eis zwischen den Eheleuten endlich schmilzt.

German Taub schreibt die Liebes- und Lebensgeschichte mit reichlichem Lokalkolorit und mitunter spannenden historischen Bezügen bisweilen poetisch, insgesamt aber schnörkellos auf, so dass sie jeder verstehen kann. Das Leben der beiden fiktiven Protagonisten wird mit Personen der Pößnecker Zeit­geschichte verwoben, vor allem mit jener des Buchhändlers ­Arthur Müller. Der hat eine „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ unterm Ladentisch, deren Berichterstattung in einem bestimmten Fall mit einer Verlautbarung der „Volkswacht“ verglichen wird. In einer Szene sucht Martha die Familie Eismann in ihrem Uhren- und Schmuckgeschäft auf, in einer anderen läuft Paul durch die halbe Stadt, um Blumen extra in der Gärtnerei Telle zu besorgen. Luges Lebensmittelladen, das Schreibwarengeschäft Beck, Seiges Gaststätte werden in Erinnerung gerufen, es wird zur Bildermollenhöhle gewandert und bis zur Teufelskanzel am Stausee. Einige der interessantesten Episoden spielen in der Villa Berger zu jenen Zeiten, als in der Kastanienallee noch die sowjetische Kommandantur zu finden war.

Die Handlungen der beiden anderen, jeweils kürzeren Prosastücke sind in der Gegenwart angesiedelt und runden die Pößneck-Erzählung gut ab. „Gemeinsam ist allen Geschichten ein tief verankerter Hu­manismus der Menschen, die der Autor einfühlsam und berührend beschreibt“, findet der Nora Verlag in einer Empfehlung des Taschenbuches.

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