Lücken in der Erinnerungskultur

Pößneck.  Schüler stellen fest, dass insbesondere den jungen Pößneckern etliche Gedenkorte in der Stadt nicht bekannt seien.

Erik Peißker, Lina Heintz und Vivienne Würth (von links) im Pößnecker Ehrenhain am Grabmal von Iwan Kot, dem wohl einzigen hier liegenden sowjetischen Kriegsgefangenen oder russischen Zwangsarbeiter, dessen Grab je von Angehörigen besucht werden konnte.

Erik Peißker, Lina Heintz und Vivienne Würth (von links) im Pößnecker Ehrenhain am Grabmal von Iwan Kot, dem wohl einzigen hier liegenden sowjetischen Kriegsgefangenen oder russischen Zwangsarbeiter, dessen Grab je von Angehörigen besucht werden konnte.

Foto: Foto: Marius Koity

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Vielen Pößneckern, insbesondere den jüngeren Generationen, sind etliche Denkmale und Gedenkstätten in der Stadt nicht bekannt. Das haben die Pößnecker Gymnasiasten Erik Peißker, Lina Heintz und Vivienne Würth festgestellt.

Vielleicht liege es daran, so die Jugendlichen, dass „zu wenige Informationen allgemein zugänglich“ seien. Das wollten sie mit ihrer dieser Tage vorgestellten Seminarfacharbeit zur Geschichte und Gegenwart des Ehrenhains und anderer Denkmale in Pößneck ändern.

Es seien eigene Wissenslücken gewesen, die sie zur Auseinandersetzung mit Erinnerungsorten veranlasst hätten, bekannten die jungen Leute. So hätten sie bis vor knapp drei Jahren, als die Stadt Pößneck Freiwillige für Erneuerungsarbeiten auf der Anlage in der Rudolf-Diesel-Straße suchte, nicht gewusst, dass es in Pößneck einen Ehrenhain gibt. Bis dahin sei ihnen auch der Begriff „Ehrenhain“ fremd gewesen.

2017 wurden die Grabsteine instandgesetzt

Diese letzte Ruhestätte umgebetteter Weltkriegstoter – Rotarmisten, Zwangsarbeiter, Todesmarschopfer – wurde 1965 auf einem Gelände angelegt, das zuvor als Schulgarten gedient hatte. 1992, als sich die russische Armee aus Mitteldeutschland verabschiedete, verpflichtete sich die Stadt Pößneck gegenüber der Sowjetunion, sich um den Ehrenhain zu kümmern. Tatsächlich sei er eher vernachlässigt worden – bis 2017.

Da wurden die 33 Grabsteine auf dem Gelände gesäubert und instandgesetzt. Geschichtsinteressierte Jugendliche aus Pößneck und Umgebung wie Erik Peißker, Lina Heintz und Vivienne Würth machten die Inschriften und Symbole wieder les- und erkennbar.

Für ihre Studie befragten die Abiturienten Zeitzeugen wie den pensionierten Russischlehrer Hubert Dressler und dieser erzählte auch während der Seminarfacharbeits-Präsentation eine bemerkenswerte Geschichte. So habe er in den 1970ern den Ehrenhain mit einer Klasse der damaligen Otto-Grotewohl-Schule aus Pößneck-Ost besucht und hierbei sei die Frage aufgekommen, ob denn die Angehörigen der Toten wüssten, dass diese in Pößneck liegen.

Das ließ Hubert Dressler keine Ruhe, so dass er der „Komsomolskaja Prawda“, einer Moskauer Zeitung, einen Brief schrieb. Die veröffentlichte dann tatsächlich einen Bericht, in welchem die Namen der Toten im Pößnecker Ehrenhain genannt wurden. Daraufhin meldete sich die in Wolgograd, vormals Stalingrad, lebende Mutter von Iwan Kot (1924-1944) in der Schule, um nach einiger Zeit gemeinsam mit einem Bruder des Toten das Grab ihres verschollenen Sohnes zu besuchen.

„Die Mutter von Iwan Kot fiel auf die Knie und küsste den Boden, in dem ihr Sohn begraben lag“, berichtete Hubert Dressler heute noch ergriffen. Dies seien wohl die einzigen Angehörigen gewesen, die jemals die Toten im Pößnecker Ehrenhain besucht hätten.

Erinnerungsorte wieder stärker ins Bewusstsein junger Leute bringen

In ihrer Seminarfacharbeit gingen die drei Abiturienten unter anderem auch auf die Stolpersteine im Gebiet der Stadt, das Öpitzer Gefallenendenkmal und die Sportlergedenksteine ein. Und sie fragten sich, wie man diese mehr oder weniger versteckten Erinnerungsorte wieder stärker ins Bewusstsein junger Leute bringen könnte.

So entwickelten sie einen Rundgang, der beispielsweise in einer Doppelstunde Geschichte absolviert werden könnte. Die Abiturienten empfehlen neben einem Besuch des Ehrenhains und einigen Stolperstein-Stationen auch den Ethel-und-Julius-Rosenberg-Platz und das Vereinsdenkmal an der katholischen Kirche. Das Material ist im Gymnasium abrufbar.

„Menschen, die Opfer der Geschichte wurden, verdienen eine bessere Würdigung“, fand Vivienne Würth. „Unglaublich, wie wenig über so viele Schicksale bekannt ist!“, sagte Lina Heintz. „Wahnsinn, wie viele Menschen Tausende Kilometer von ihrer Heimat entfernt bei uns begraben sind!“, resümierte Erik Peißker.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.