Meine Woche: Meinung und Menschlichkeit

Marius Koity über den Kampf um die Wahrheit in unseren Corona-Zeiten

Marius Koity.

Marius Koity.

Foto: Peter Cissek / Andreas Wetzel

Es gibt Leser, welchen aufgefallen ist, dass ich mich mit Kommentaren zum Corona-Geschehen zurückhalte. Das stimmt. Und das liegt daran, dass ich da nicht wie so viele andere Zeitgenossen die Wahrheit gepachtet habe.

Ich begegne den Herausforderungen rund um Covid-19 eher mit der Ehrfurcht, die dem Menschen von Naturgewalten abgerungen werden, die sich ebenso wenig erklären lassen wie die mehr oder minder spürbaren Corona-Wellen. Und ich wundere mich, dass Leute am Grill oder in sozialen Netzwerken Grundrechte wie jene der körperlichen Unversehrtheit, der Bewegungs- und der Berufsfreiheit so lange gegeneinander aufrechnen können, bis nichts mehr übrig bleibt an zwischenmenschlicher Kommunikation. Und da kommt ein von mir eigentlich sehr geschätzter Pößnecker und hält mir vor, dass wir, „die Presse“, die Bevölkerung schon durch die Tatsache spalten würden, dass wir vom Auf und Ab des lokalen Infektionsgeschehens berichten.

Richten wir mit einer weiß Gott zurückhaltenden Bekanntmachung aktueller Entwicklungen wirklich Schaden an? Mal abgesehen davon, dass die Daten längst nicht mehr nur von uns verbreitet werden – was wäre denn besser? So zu tun, als wäre da nichts? Auf solche Nachfragen bekommt man dann immer keine Antwort.

Mir machen eher jene Leute Angst, die die Meinungsfreiheit wie eine Zitrone ausquetschen und ihre wie auch immer gearteten Auffassungen so lange in Diskussionen reindrücken, bis alle anderen Teilnehmer aufgegeben haben. Gewonnen hat da keiner, schon gar nicht ist die Wahrheit der Sieger.

Gewissermaßen auf der Strecke bleiben auch Menschen wie jene Frau, die mir berichtete, dass sie in einem Pößnecker Supermarkt von einem erwachsenen Mann angespuckt worden sei, weil sie diesen auf den fehlenden Mund-Nasen-Schutz aufmerksam gemacht habe. Sie will die Details nicht in der Zeitung lesen, weil Pößneck ein Dorf sei. Und sie wollte keine Anzeige erstatten, weil sie in ihren mehr als 70 Jahren ganz gut ohne Polizei zurechtgekommen sei. Sie habe die Spuckattacke ja überlebt. Ich soll nur mal schreiben, sagte sie, dass es in Deutschland schon schlimmere, aber irgendwie menschlichere Zeiten gegeben habe.