Die Liebe in Zeiten von Corona: Neues Jugendbuch von Verena Zeltner aus Neustadt-Neunhofen

Marius Koity
| Lesedauer: 3 Minuten
Verena Zeltner aus Neustadt-Neunhofen veröffentlicht seit 1999 regelmäßig Kinder- und Jugendbücher, die mitunter allerdings auch Eltern zu empfehlen sind.

Verena Zeltner aus Neustadt-Neunhofen veröffentlicht seit 1999 regelmäßig Kinder- und Jugendbücher, die mitunter allerdings auch Eltern zu empfehlen sind.

Foto: Peter Cissek

Neustadt-Neunhofen.  Vom Analphabetismus bis zum Umweltschutz: Kein Jugendbuch von Verena Zeltner aus Neustadt-Neunhofen ist so politisch wie das neueste.

„Was passiert, wenn man einen Schwur bricht? Geht die Welt unter? Landet man vielleicht in der Hölle, wird man womöglich vom Blitz getroffen?“

Mit solchen Fragen beschäftigt sich der 15-jährige Alex im neuesten Jugendbuch von Verena Zeltner. „Lass uns Liebe buchstabieren“ heißt der 256-seitige Band, der dieser Tage im Thami Verlag aus Neu-stadt-Neunhofen erschienen ist.

Es ist einer der noch wenigen Romane, die in der Corona-Gegenwart angesiedelt sind. Da ist es ohnehin schwer, Menschen auf der gleichen Wellenlänge zu finden, sich in einen zu verlieben. Wenn dann noch der eigene Gefühlshaushalt angespannt ist, weil sich zu viel Be- und zu wenig Entlastung für einen Fünfzehnjährigen aufgetürmt hat, stellt man sich natürlich blöde Fragen.

Von Angela Merkel über Fridays for Future bis Donald Trump

So hat Alex nicht nur mit dem plötzlichen Tod seiner Mutter zu kämpfen, sondern auch mit der Tatsache, dass sein Vater ein intelligenter Mensch, aber funktionaler Analphabet ist. Der Vater kann keine Warenbeschriftung im Supermarkt verstehen, keine Rechnung prüfen, kein amtsdeutsches Formular ausfüllen. Nur gut, dass es in seinem systemrelevanten Beruf vor allem auf seine Hände, sein Augenmaß, seine Motivation ankommt.

Dennoch sitzen beide Männer bald zu Hause – der eine im Homeschooling, der andere in Kurzarbeit. Und bevor ihnen die Decke auf den Kopf fällt, kommt es zum Hausunterricht in doppeltem Sinne. Der Junge bringt seinen Vater dazu, nicht nur H-u-n-d-e-k-a-c-k-e, sondern auch L-i-e-b-e zu buchstabieren. Vielleicht trotz, vielleicht auch dank Corona finden sowohl der Vater, als auch der Sohn die seelenverwandten Menschen, die sie brauchen, um durch die verrückte Zeit zu kommen.

Beim Pandemie-Hintergrund der Selbstfindungsprozesse spart sich Verena Zeltner allerdings jede Effekthascherei, jede Übertreibung. Ängste und Ausreden, Informationsüberflutung und Infektion, die Klopapier-Hamsterkäufe und der Fahrrad-Boom, aber auch die Nachbarschaftshilfe – alles, was man so erlebt hat in der ersten Corona-Welle, streut die erfahrene Schriftstellerin ebenso sorgfältig ein wie das Bedürfnis vieler jungen Menschen, beim Klimaschutz aktiv zu werden.

Angela Merkel und Boris Johnson, Fridays for Future und Donald Trump finden in den rund fünfzig Kapiteln des Romans Erwähnung – kein bisheriges Jugendbuch von Verena Zeltner ist so politisch wie der neue Band. Wobei die 70-jährige Schriftstellerin eher Fragen aufwirft, nicht so sehr einem bestimmten Sendungsbewusstsein unterliegt – einmal abgesehen vom Analphabetismus.

„Dieses Thema ist für mich nicht abgeschlossen“

Zum zweiten Mal nach dem Kinderbuch „Ein Indianer weint doch nicht“ von 2012 setzt sich Verena Zeltner mit dem unterschätzten gesellschaftlichen Problem auseinander, dass Millionen Deutsche der langjährigen Schulpflicht zum Trotz weder lesen, noch schreiben können. „Dieses Thema ist für mich nicht abgeschlossen“, bekennt die Autorin auf Nachfrage. Sie möchte Menschen Mut machen, den funktionalen Analphabeten in ihrem privaten, beruflichen oder sozialen Umfeld gefühlvoll aus einem Zustand herauszuhelfen, den der betroffene Protagonist in ihrem neuen Band etwa als „endlosen Alptraum“ beschreibt.

Die Muße zum neuen Buch fand Verena Zeltner dank eines Sonderstipendiums der Kulturstiftung des Freistaates Thüringen. Die Neunhoferin wurde im vergangenen Jahr vom Programm „Resilienzen“ gefördert, welches einerseits existenzbedrohende ökonomische Pandemie-Folgen für Literaturschaffende abwenden, andererseits zur Auseinandersetzung mit der „gegenwärtigen Verfasstheit der Gesellschaft“ anregen wollte. Ihren Beitrag dazu hat Verena Zeltner nun geleistet.