Rosenbrauerei wagt alkoholfreies Bier: 900.000 Flaschen pro Jahr als Ziel

Pößneck  Der Pößnecker Traditionsbetrieb will am wachsenden Markt teilhaben und investiert in eine neue Produktionslinie eine halbe Million Euro. Denn der Bierabsatz ist rückläufig - nicht nur aufgrund der Pandemie.

Nico Wagner führt die Pößnecker Rosenbrauerei mit unverbrüchlichem Optimismus.

Nico Wagner führt die Pößnecker Rosenbrauerei mit unverbrüchlichem Optimismus.

Foto: Marius Koity

Die Herstellung von alkoholfreiem Bier war für Nico Wagner, dem Inhaber der Pößnecker Rosenbrauerei, bisher ein Tabu. Jetzt bricht er es. Eine entsprechende Produktion wird seit einem guten halben Jahr vorbereitet. Wie kam es denn zum Sinneswandel?

"Wenn ich ein alkoholfreies Getränk zu mir nehmen will, dann trinke ich Wasser", stellt der Brauerei-Chef klar. "Es geht hier aber nicht um meinen Geschmack. Ich muss mich danach richten, was die Leute trinken wollen. Auf den rasant steigenden Marktanteil der alkoholfreien Biere müssen wir einfach reagieren. Wir merken selbst, dass die Leute Alkohol bewusster konsumieren. Unser Radler ging im vergangenen Jahr so gut, dass wir zeitweise nicht liefern konnten."

Rund 15-teilige Palette an Bierspezialitäten

Für den Betrieb gehe es auch darum, Gaststätten ein komplettes Getränkesortiment anbieten zu können. Neben Mineralwasser und Limonaden werde man künftig auch eine komplette, rund 15-teilige Reihe an Bierspezialitäten vorhalten können. Deren Palette reicht derzeit vom Hellen und Pils über das Keller-, Cola- und Bockbier bis zur Glüh- und zur Schwarzen Rose. Mit der Diversifizierung versuche man, ein möglichst breites Publikum zu erreichen.

Alkoholarmes oder -freies Bier lasse sich auf verschiedenen Wegen herstellen und in der Rosenbrauerei habe man sich für die natürlichste Methode entschieden, so Nico Wagner. "Wir denken, dass wir ein passables geschmackliches Erlebnis anbieten können", sagt der Brauerei-Chef. "Unser alkoholfreies Bier wird auf keinen Fall süßlich schmecken, keine Sorge, aber auch nicht herb." Die von Braumeister Jens Unglaub entwickelte Rezeptur stehe nach mehreren Tests im Großen und Ganzen fest.

Neue Produktionslinie für eine halbe Million Euro

Nun ist kaum ein alkoholfreies Bier wirklich alkoholfrei. Mit wie viel Prozent kommt denn das neue Produkt auf den Markt? "Grundsätzlich ist es so, dass sich Biere mit weniger als 0,5 Prozent alkoholfrei nennen dürfen", erläutert Nico Wagner. "Ein 0,0-Prozent-Bier werden wir nicht herstellen können. Wir gehen bei unserem alkoholfreien Rosenpils von einem Alkoholgehalt von 0,25 Prozent aus."

Für das neue Pößnecker Bier soll in den nächsten Wochen eine neue Produktionslinie aufgebaut werden, und zwar in einem seit Jahren ungenutzten Keller. Zwei größere, gebraucht angeschaffte Tanks stehen schon bereit und ein sogenannter Separator zur Abtrennung der Hefe gehört ebenfalls zum erforderlichen Großgerät. Hinzu kommen unter anderem etliche Ventile und zig Meter an Rohrleitungen. In der vorhandenen Bauhülle soll vor allem mit den betriebseigenen Handwerkern ein "lebensmittelgerechtes Umfeld" geschaffen werden. Nico Wagner geht von einer Investition von einer knappen halben Million Euro aus.

Mehr als 900.000 Flaschen pro Jahr als Ziel

Mit etwas Glück könnte das alkoholarme Rosenpils zur Eröffnung der Biergartensaison 2021 ausgeliefert werden. Das neue Getränk soll in 0,33-Liter-Flaschen abgefüllt werden. Ein Jahresabsatz von 3000 Hektoliter – also von mehr als 900.000 Flaschen – wäre schon nicht schlecht, so Nico Wagner.

Und wie wird das neue Produkt heißen? "Darüber haben wir uns noch keine Gedanken gemacht, das Etikett ist noch nicht entworfen", antwortet Nico Wagner. "Wir werden da keine Experimente machen. Wir sind ein bodenständiges Unternehmen."

Corona wird bleibende Spuren hinterlassen

Genau deshalb komme man auch gut durch die Zeit. "In ihren 155 Jahren hat die Rosenbrauerei wirtschaftlich viel erlebt, das bisschen Corona wird uns nicht umhauen", sagt Nico Wagner. So sei eine vorsorglich verhandelte Kreditlinie bei der Hausbank bisher kaum in Anspruch genommen worden.

Für den gut vernetzten Unternehmer steht allerdings fest: "Corona wird in der Gastronomie bleibende Spuren hinterlassen." Es müsse mit Gaststättenschließungen gerechnet werden und auch damit, dass Feste, die 2020 ausgefallen sind, nicht wieder aufgelegt werden.

Flaschenbierboom macht Fassbierabsatzeinbruch nicht wett

Im vergangenen Jahr habe die Rosenbrauerei mehr als 36.000 Hektoliter Bier verkauft, davon etwa zwanzig Prozent im Fass, so Nico Wagner. Ein gewisser Flaschenbierboom habe den Fassbierabsatzeinbruch, der unmittelbar auf das weitestgehend lahmgelegte gesellschaftliche Leben zurückzuführen sei, nicht wettgemacht. Vor ein paar Jahren flossen noch mehr als 50.000 Hektoliter Bier durch die Kehlen in Mitteldeutschland und vereinzelt auch darüber hinaus. Beim Mineralwasser und den Limonaden blieb der Ausstoß mit knapp 20.000 Hektolitern im Durchschnitt der vergangenen Jahre.

Fachveröffentlichungen zufolge, wird in Deutschland zum einen immer weniger Bier getrunken, zum anderen steige der aktuell bei sieben bis acht Prozent liegende Marktanteil des alkoholfreien Bieres stetig. Derzeit soll es um die 500 solcher Gerstensäfte auf dem Markt geben. Die Rosenbrauerei ist nicht das erste thüringische Unternehmen, das auf den fahrenden Zug springt.

Neustädter brauten in den 1980ern alkoholfrei

Das erste deutsche alkoholfreie Bier wurde übrigens 1972 in der DDR hergestellt. Dem Ostberliner Getränk wurde der Name Aubi wie Au(tofahrer)bi(er) verpasst. In den 1980ern soll das Getränk auch im Betriebsteil Neustadt/Orla des damaligen Volkseigenen Betriebes Rosenbrauerei gebraut worden sein. Heute beziehungsweise seit 1998 lebt die Marke Aubi in Thüringen beziehungsweise im Sortiment der Dingslebener Privatbrauerei Metzler fort.