Saale-Orla-Kreis: Wut über "Murks" bei Corona-Impfungen

Pößneck  Christian Herrgott, CDU-Landtagsabgeordneter aus dem Saale-Orla-Kreis und Thüringer CDU-Generalsekretär, rechnet mit der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen ab

Der CDU-Landtagsabgeordnete Christian Herrgott.

Der CDU-Landtagsabgeordnete Christian Herrgott.

Foto: Sascha Fromm

"Die Politik darf Ärzte nicht als Befehlsempfänger betrachten", reagierte Veit Malolepsy, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen (KV), am 4. Januar auf Kritik aus der Parteienlandschaft an der Impfstrategie seiner Standesorganisation. "Hätte die KV mal mit den politisch Verantwortlichen vor Ort geredet und auch zugehört, dann wäre es nicht zu einem solchen Murks gekommen", entgegnet jetzt der CDU-Landtagsabgeordnete Christian Herrgott aus dem Saale-Orla-Kreis in einem Gespräch mit dieser Zeitung.

So seien bei ihm inzwischen "sehr viele Beschwerden" von älteren Herrschaften und deren Angehörigen eingegangen, die sich bislang vergeblich um einen Impftermin bemüht hätten beziehungsweise mit der Auskunft abgespeist worden seien, dass es "nicht genügend Impfstoff" gebe. "Solche Erklärungen sind überhaupt nicht vertrauensbildend, sie fördern weder die Impfbereitschaft noch tragen sie zur Verbesserung der Stimmung in der Bevölkerung bei, wenn gleichzeitig Krankenhäuser Impfstoff zurückgeben", sagt Herrgott.

Zwei Impfzentren wären im Saale-Orla-Kreis besser gewesen

Ausdruck "organisatorischer Kurzsichtigkeit" sei auch die Wahl des Impfzentrum-Standortes für den Saale-Orla-Kreis. Kein politisch Verantwortlicher in der Region verstehe, wie die Entscheidung für den Altbau des Pößnecker Krankenhauses zustande gekommen sei.

"Das Impfzentrum ist verkehrstechnisch schlecht angebunden und nur bedingt barrierefrei", kritisiert Herrgott. "Wenn Pößneck, dann wäre die Shedhalle am Viehmarkt der bessere Standort gewesen." In der Halle sei jede Menge Platz für leicht abgrenzbare Impf-, Beratungs- und Wartebereiche, diese sei zudem tatsächlich barrierefrei, und an der Halle stünden hunderte Parkplätze kostenfrei zur Verfügung. Außerdem sei der Viehmarkt ebenerdig vom Busbahnhof zu erreichen, damit hätte man vielen Senioren eine Autofahrt mitten im Winter ersparen können.

"Zwei zentrale Standorte im Saale-Orla-Kreis, einen für das Orlatal und einen für das Oberland, wären grundsätzlich besser gewesen", so Herrgott. "In Schleiz steht eine ganze Krankenhausabteilung leer und auch die Wisentahalle hätte man buchen können." Für viele ältere Menschen aus dem Oberland, insbesondere aus der Region Bad Lobenstein, sei die Frage der umständlichen Erreichbarkeit des Impfzentrums in Pößneck "ungeheuer belastend", so der Eindruck des CDU-Landtagsabgeordneten aus dem Orlatal.

Menschen mit dem höchsten Infektionsrisiko vernachlässigt

Ein weiterer seiner Kritikpunkte sind die Impfprioritäten. Herrgott: "Ich gönne es den Krankenhäusern, dass sie im ersten Schwung mit Impfstoff für ihre Mitarbeiter versorgt wurden. Wenn sie schon nicht vorgezogen wurden, dann hätten die Pflegeheime aber zumindest gleichzeitig und genauso flächendeckend versorgt werden müssen. Denn da haben wir die Menschen mit dem größten Infektionsrisiko, da haben wir zurzeit leider auch viele coronabedingte Sterbefälle." Während in Sachsen-Anhalt 49 Prozent der verabreichten Impfungen bisher an Pflegeheimbewohner gegangen seien, stehe man in Thüringen erst bei neun Prozent.

Behauptungen, wonach die Pflegeheime noch nicht auf Corona-Impfkampagnen vorbereitet seien, weist Herrgott als "unwahr" zurück. In vielen Einrichtungen aus dem Saale-Orla-Kreis seien die Bedingungen für den Empfang mobiler Impfteams bereits am 27. Dezember, binnen weniger Tage nach Bekanntmachung, erfüllt gewesen. Dennoch habe die KV bisher lediglich eine diakonische Einrichtung in Ebersdorf bedient. Am Donnerstag, 14. Januar, folgen die Pflegeheime der Volkssolidarität in Pößneck und Gräfendorf. "Alle anderen Einrichtungen haben meines Wissens bisher noch keine Informationen über die Impfzeitpunkte", so Herrgott. "Auf Nachfragen bei der KV bekommen Pflegeheime Auskünfte wie `Sie sind dran, wenn Sie dran sind, sehen Sie von weiteren Nachfragen ab`. Das ist doch kein Umgang und keine ordentliche Informationspolitik!"

Impfsituation ist thüringenweit unbefriedigend

Für Herrgott, der seit knapp vier Monaten auch Generalsekretär der Thüringer CDU ist, steht fest: "Es war eine schlechte Idee der Linke-Gesundheitsministerin, die Organisation der Corona-Impfungen allein der Kassenärztlichen Vereinigung anzuvertrauen. Dort hat man doch gar keine Erfahrungen mit Impfkampagnen! In den Gesundheitsämtern gibt es solche Kompetenzen durchaus. In anderen Bundesländern kommt man deutlich besser voran als in Thüringen. Die Situation ist landesweit unbefriedigend."

Herrgotts Forderung lautet: "Die Kassenärztliche Vereinigung sollte die Kreis- und Stadtverwaltungen nicht als Gegner empfinden, sondern mit diesen in einen tatsächlichen Dialog eintreten. Offensichtlich unpraktikable Festlegungen zu den Impfzentren müssen zügig überprüft und geändert werden, bevor es vor Ort noch chaotischer wird."