„Silvester ist die schlimmste Nacht“

Ranis.  Dirk und Sohn Philipp Patzer berichten im Interview von den Herausforderungen des Taxi-Geschäfts und ihre Rolle im Gesundheitssystem

Der ehemalige Geschäftsführer des Raniser Taxi-Unternehmens Dirk Patzer (links) übergibt an Sohn Philipp die Schlüssel.

Der ehemalige Geschäftsführer des Raniser Taxi-Unternehmens Dirk Patzer (links) übergibt an Sohn Philipp die Schlüssel.

Foto: Martin Schöne

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Seit 30 Jahren bringt Taxi Patzer aus Ranis Menschen von A nach B. Meist sind es wichtige Ziele, an die Fahrgäste zuverlässig gelangen müssen: Kliniken, Therapieeinrichtungen, Flughäfen, große Familienfeiern. Nun hat der bisherige Inhaber Dirk Patzer die Verantwortung an den Sohn, Philipp Patzer, weitergereicht. Dieser hat nun neben seiner Arbeit beim Zweckverband Wasser und Abwasser Orla im heimischen Betrieb den Hut auf. Im Gespräch berichten beide von den Bedingungen der Branche, viel Papierkram und spontanen Anrufen in der Silvesternacht.

Seit dem ersten Januar sitzt bei Taxi Patzer die jüngere Generation am Steuer. Daher zum Einstieg ein paar Fragen über das Autofahren an den neuen Chef: Navi oder Atlas?

Philipp Patzer (PP): Das Navi.

Ampelkreuzung oder Kreisverkehr?

PP: Kreisverkehr.

Winterreifen oder Allwetterreifen?

PP: Winter.

Diesel oder Elektro?

PP: Diesel.

Pannenspray oder echtes Ersatzrad?

PP: Ersatzrad.

Und im Taxi: Lieber bar oder mit Karte?

PP: Bar.

Wie reagieren die Stammkunden auf den Nachfolger?

PP: Gefasst. Für die Kunden ändert sich ja nichts. Es ändert sich bloß der Inhaber des Unternehmens. Mein Vater wird mich in den nächsten Jahren weiter unterstützen. Irgendwann wird er sich dann zur Ruhe setzen.

Dirk Patzer (DP): Im Moment will ich das noch nicht. Ich will nur die Verantwortung in jüngere Hände übergeben. Die Jugend hat andere Ansichten und weiß, was die sozialen Medien und die Elektronik angeht, viel eher Bescheid. Und ich muss sagen, alle Achtung, er hat das Unternehmen seit ein paar Tagen und schon die Zeitung im Haus. [lacht]

Wie muss man sich so einen Übergangsprozess vorstellen?

PP: Wir müssen einen Notarvertrag aufsetzen und alle Formalitäten einhalten. Dann spielt das Gewerbeamt eine Rolle, denn wir haben ja die Taxi-Konzession. Das sind Lizenzen und im Saale-Orla-Kreis gibt es eine bestimmte Anzahl davon. Diese müssen auch weitergegeben werden. Es war viel Papierkram. Vieles ist zu beachten, Fristen müssen eingehalten werden.

Wie lang dauert das?

PP: Im letzten Sommer haben wir angefangen.

DP: Der erste Gedanke lag schon Jahre zurück. Die Umsetzung hat dann ein halbes Jahr gedauert.

PP: Wir haben darüber geredet, dass er einen Nachfolger sucht und das Unternehmen sollte in der Familie bleiben.

Was ist heute das Kerngeschäft?

DP: Unsere Haupteinnahmen kommen aus den Verträgen mit den Krankenkassen. Ich denke, das ist heute bei allen Taxi-Unternehmen gleich, gerade im ländlichen Raum. Die Leute verlassen sich bei der Krankenbeförderung auf uns. Wir haben für eine relativ geringe Zeit des Tages einen relativ hohen Aufwand. Das bedeutet für etwa fünf bis sechs Stunden einen hohen Personalbedarf. In dieser Zeit muss man Technik bereithalten, denn mitunter überschneiden sich die Fahrten um eine Viertelstunde, können aber nicht nacheinander abgewickelt werden. Das muss immer punktgenau geschehen. Die Fahrten zum Arzt, zu den Kliniken oder zur Therapie, das ist für uns ein gutes Geschäft.

Das bedeutet doch sicher viel Papierkram?

DP: Ja. Da haben wir einen extra Arbeitsplatz nur für die Bürokratiearbeit. Finanzamt, Berufsgenossenschaft, Steuerberater, alle schicken Post. Dann kommen von den Krankenversicherungen Rechnungen zurück. Da ist es nicht so, dass man sich mit uns unterhält, vielleicht sagt: „Da stimmt was nicht“, oder „Wir müssen die Kilometer kürzen“. Nein, du fährst einen Patienten zum Beispiel nach Eisenberg. Er hat die Beförderungsunterlagen, die nötigen Dokumente vom Arzt, du ermittelst auch den Eigenanteil und schickst die Rechnung ein. Nach sechs Wochen kommt die zurück, mit dem Hinweis, es sei nicht das nächstgelegene Krankenhaus. Dafür können wir doch aber nichts.

Wo liegt Entwicklungspotenzial?

DP: Wir bieten zum Beispiel auch den Behindertenfahrdienst und Rollstuhlbeförderung an. Ich gehe davon aus, dass dieser Bereich ausbaufähig ist, auch wenn er im Moment noch nicht angemessen honoriert wird. Der zeitliche und technische Aufwand hier ist immens. Es ist für uns wichtig, über diesen Zugang zu anderen Aufträgen zu kommen. Die Pflegeheime wissen, dass wir das machen und das spricht sich herum. Es gibt nicht viele, die das anbieten, auch wegen des Mehraufwands.

Wie wirkt sich der Mindestlohn aus?

DP: Der Mindestlohn stellt für uns keine Hürde dar. Zur Einführung haben auch die Krankenkassen von sich aus ein paar Pfennige drauf gelegt. Anders bekommt man ja auch gar kein Personal mehr, selbst für 10 Euro pro Stunde kommt keiner mehr und arbeitet.

Und wie war Silvester?

DP: Silvester ist eigentlich die schlimmste Nacht. Du hast kaum Hinfahrten, musst aber viel Personal vorhalten, die alle nicht trinken und feiern dürfen, um dann später viele Angetrunkene nach Hause zu bringen.

PP: Selbst in der Silvesternacht gibt es noch Anrufer, die denken, sie könnten noch spontan ein Taxi bestellen.

DP: Dann wird diskutiert nach dem Motto: In dieser Nacht müssten wir doch zig Leute mit zig Autos im Einsatz haben. Wie das gehen soll, ist dann egal. Und am nächsten Morgen kommt dann noch das Säubern der Autos dazu.

Am 1. Februar feiern Sie 30 Jahre Taxi Patzer. Welchen Rat gibt der Vater dem Sohn mit auf den Weg?

DP: Ruhig bleiben!

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