Suchtberatung kämpft für Unterstützung

Pößneck.  Um Beratung bieten zu können, braucht die Stelle eine kostendeckende, verlässliche und stabile Finanzierung

Mirjam Kupfer und Katharina Schwalbe (von links) von der Suchtberatungsstelle in Pößneck wollen auf den Aktionstag aufmerksam machen.

Mirjam Kupfer und Katharina Schwalbe (von links) von der Suchtberatungsstelle in Pößneck wollen auf den Aktionstag aufmerksam machen.

Foto: Dominique Lattich

„Suchtberatungsstellen haben keine kostendeckenden, stabilen Finanzierungen“, erklärt Mirjam Kupfer, Leiterin der Suchtberatungsstelle des Diakonievereins Orlatal. Dabei sind die Beratungsstellen gleichsam Pflichtaufgaben für die Landkreise. Der finanzielle Anteil des Trägers, also des Diakonievereins, liege aktuell noch bei mehr als 20 Prozent - ein vergleichsweise hoher und inzwischen unrealistischer Wert.

„Die meisten Träger haben schon seit Jahren nur zehn Prozent aufzubringen“, sagt die Leiterin. Ein erster Schritt in die richtige Richtung sei getan: „Wir haben endlich Gehör gefunden“, sagt sie, wenngleich der Weg noch lang sei. Ab dem kommenden Jahr soll der Diakonieverein nur noch 15 Prozent aufbringen müssen. Das Ziel sei am Ende einen ähnlich geringen Anteil wie andere Träger aufbringen zu müssen.

Erst die Spitze des Eisberges

Die Aufgabe, mit der der Diakonieverein beauftragt ist, zeichnet derzeit veränderte Tendenzen ab. „Die Coronazeit verdeutlicht die prekäre Situation“, sagt Mirjam Kupfer. „Wir haben zu viele Menschen mit Suchtproblemen und zu wenige Mitarbeiter, die für sie da sein können.“ Aktuelle Zahlen gibt es noch nicht, aber „Wir haben alle das Gefühl, dass es mehr und mehr Suchtkranke werden.“ Durch Unsicherheit im Job oder andere veränderte Arbeitsbedingungen greifen mehr Menschen zu Suchtmitteln. „Und wir denken, dass das erst die Spitze des Eisberges ist.“

Dazu kommt, dass die Vermittlung durch Einschränkungen schwieriger wird. Wartezeiten für Entgiftungen werden indes länger.

Wie die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) aufschlüsselt braucht es auf 10.000 Einwohner eine Fachkraft für diesen Bereich. „Wir bräuchten also um die acht. Die haben wir aber nicht, um den Bereich sicher und zuverlässig abdecken zu können“, sagt Mirjam Kupfer. „Wenn wir mehr Sprechstunden und Angebote personell stemmen könnten, könnten wir noch viel mehr erreichen.“ Vorteilhaft wären dabei auch die Außenstellen im Saale-Orla-Kreis.

Probleme mit Drogen hier so groß wie in Großstädten

Im Landkreis sei das die einzige Einrichtung für Suchtkranke. Umso wichtiger sei eine kostendeckende, stabile und verlässliche Finanzierung. „Die Drogenprobleme die hier herrschen, die Menschen, die darin stecken – so geht es meist nur in Großstädten zu“, sagt Mirjam Kupfer und ergänzt, dass Suchtprobleme in allen gesellschaftlichen und sozialen Schichten auftreten. Keineswegs sei nur der Hartz-IV-Empfänger.

Ihre Erfahrungen zeigen aber: Je eher eine Behandlung beginnt, umso geringer werden die Folgekosten, beispielsweise für Krankenkassen. Auch kann man mit einer rechtzeitigen Behandlung besser einen Ausweg aus der Sucht finden, noch bevor Jobverlust, Probleme in der Familie oder im sozialen Umfeld eintreten.

Für die Menschen, die zur Suchtberatung gehen, seien alle Angebote kostenlos. „Es gibt keine Gebühren, wie bei einem Psychiater oder manch anderen Anlaufstellen“, erklärt die Leiterin. All das gelinge aber nur mit einer stabilen Finanzierung. Das ist immer wieder der Dreh- und Angelpunkt in jedem Bereich der Suchtberatung.

Aktionstag Suchtberatung am 4. November

Um auf diesen Punkt aufmerksam zu machen, hat die DHS für den 4. November erstmalig den bundesweiten Aktionstag Suchtberatung ins Leben gerufen. Sie teilen mit, dass viele Suchtberatungen derzeit mit dem Rücken zur Wand stehen und Corona die Situation zusätzlich verschärft habe.

Zum steigenden Konsum von Suchtmitteln, war außerdem die Beratungsstelle zum Teil nur eingeschränkt geöffnet. „Wir hatten kurz nach dem Lockdown schon schnell ein Hygienekonzept, sind auf Telefonberatungen umgestiegen und mussten später dann auch unsere Selbsthilfegruppen verkleinern“, erzählt Mirjam Kupfer. Erneut ein Mehraufwand, den kaum jemand sehe, der aber dennoch gestemmt werden musste.

DHS formuliert: „Corona legt den Finger in die Wunde“. Mehr und früher am Tag sei während des Lockdowns konsumiert wurden. „Bei den illegalen Drogen verändern sich riskante Konsummuster“, heißt es weiter.

Informationen zum Aktionstag auch online unter: www.dhs.de