Das Wochenende in Saalfeld-Rudolstadt im Virus-Schatten

Landkreis.  Eine wochenendliche Tour durch den Landkreis Saalfeld-Rudolstadt zeigt: Noch gibt es ärgerliche Ignoranten der Pandemie-Regeln.

Gärtnerin Kerstin Hanke aus Tabarz (links) verkauft einer Kundin auf dem Saalfelder Markt frische Kartoffeln. Neben Obst und Gemüse waren auch Balkon- und Gartenpflanzen begehrt. 

Gärtnerin Kerstin Hanke aus Tabarz (links) verkauft einer Kundin auf dem Saalfelder Markt frische Kartoffeln. Neben Obst und Gemüse waren auch Balkon- und Gartenpflanzen begehrt. 

Foto: Foto: Jens Voigt

Nicht zwingend notwendige Fahrten vermeiden, Abstand halten zu Menschen, direkte Kontakte reduzieren, keine Hamsterkäufe tätigen – all das ist längst geboten, wird über alle möglichen Kanäle kommuniziert. Aber kommt es auch bei den Menschen an? Überwiegend ja, erschreckend oft nein, zeigt eine Tour durch den Landkreis am Sonnabend. Alle aktuellen Infos im kostenlosen Corona-Liveblog

Kurz nach 8 Uhr zeigt sich der Parkplatz am Kaufland in Unterwellenborn schon zu einem Drittel gefüllt. Keine Rücksicht auf Mutter-Kind- oder Behinderten-Parkplätze. Drinnen kaum Lücken in den Regalen, eine große jedoch beim Toilettenpapier, die Fächer mit Windeln indes prallvoll. Die Angst vorm Abwisch-Notstand scheint fokussiert auf ältere Hintern. Die Schlange zu den Kassen beginnt kurz nach den Käse- und Joghurt-Kühlregalen. Die Wagen sind tendenziell bis zum Rand beladen, oft weisen die Kassen-Displays dreistellige Euro-Beträge aus.

Gut sechs Meter vor den Kassenbändern markieren gelbe Klebelinien den erwünschten Zwei-Meter-Abstand. Kaum jemand hält sich daran, trotz der regelmäßigen Bitten via Lautsprecher. Meinem Hintermann gelingt es während der gut viertelstündigen Wartezeit, mir dreimal seinen Wagen in den Rücken zu schieben. „Trotzdem schönes Wochenende“, sagt die Frau an der Kasse und lächelt sogar.

Wachmann im Marktkauf achtet auf Vereinzelung

Bei Obi hingegen ist nichts zu spüren vom angeblichen Run auf die Baumärkte. Gut ein Dutzend Kunden verliert sich in den Gängen, etliche in Handwerkerkluft. Im Gärtnerei-Außenbereich schiebt eine Mitarbeiterin Rolltische mit Frühblühern herum und summt das Lied aus ihrem Smartphone mit.

Bei Toom in Saalfeld hingegen herrscht eine Stunde später schon ordentlich Betrieb. Farben, Baumaterial, Dünger und Mulch stapeln sich auf Schwerlast-Wagen, auffällig viele Familien schieben sich in den Baumarkt. Hier ist der Mindestabstand kein Problem: Die Gänge sind breit, sich begegnende Kunden wechseln einfach auf die andere Seite. Das funktioniert auch im Marktkauf, wo ein gefühlt zweieinhalb Meter großer Wachmann die Ströme von Ein- und Ausgehenden trennt und zudem größere Gruppen zur Vereinzelung anhält.

Im Zug nach Erfurt ein einziger Fahrgast

Menschenleer zeigen sich die Bahnhöfe. Als um 9.12 Uhr der Zug gen Erfurt anrollt, sitzt darin genau ein Fahrgast. Zwei weitere haben feststellen müssen, dass ihnen der Schienersatz-Bus weggefahren ist. Sie holen sich Kaffee in der Bäckerei-Filiale, den sie allerdings draußen trinken müssen, denn drinnen bleiben wegen Corona die Tische verwaist. Die bringen normalerweise gerade am Wochenende viel Umsatz, bedauern die beiden Verkäuferinnen, jetzt sei das Geschäft um die Hälfte eingebrochen, schätzen sie. Einfach schließen könne man aber nicht, der Vertrag mit der Bahn verpflichte zum Offenhalten während der Hauptverkehrszeiten. Wie lange das noch gelte? „Muss der große Chef entscheiden“, sagt die Ältere.

Nicht gerade Schlangen, aber doch kurze Reihen Wartender sind vor dem halben Dutzend an Verkaufswagen und -ständen auf dem Saalfelder Markt zu beobachten. Es gibt Käse, Könitzer Geflügelhof-Produkte, Obst und Gemüse, Honig und Eier, das Übliche. Gärtnerin Kerstin Hanke aus Tabarz verkauft Blühpflanzen, Kräuter und Gemüse. „Am besten gehen die Kartoffeln“, sagt sie, „und die Pflanzen, vor allem die Stiefmütterchen.“

Nein, wirkliche Sorge mache sie sich nicht; eher seien ihre Kinder beunruhigt, dass sie noch auf Märkte gehe. „Aber hier im Freien ist es allemal weniger gefährlich als in den Supermärkten“, findet Hanke. Und es sei doch wichtig, „dass die Leute es sich mit unseren Pflanzen schön machen können im Garten oder auf dem Balkon, gerade in diesen Zeiten“, ergänzt die Gärtnerin.

Paketversand von Fleischerei brummt

„Nehmse lieber jetzt noch ein paar Zweige mehr, wer weiß, wie lange wir noch verkaufen dürfen“, ermuntert auf dem Rudolstädter Markt eine Hobbygärtnerin die Kundschaft, die sich hier allerdings auf sehr vereinzelte Passanten beschränkt. Sebastian Lindig von der gleichnamigen Landfleischerei wärmt die Hände immer mal am Räucher-Aufsatz. „Viel ist es noch nicht, aber besser als nichts“, resümiert er den Ertrag von bislang drei Stunden. Normalerweise stünde er jetzt vor einem großen Möbelhaus bei Erfurt, das aber sei dicht. Also probiert er es in Rudolstadt und ärgert sich ein bisschen, trotz der verschärften Umstände noch die volle Platzmiete zahlen zu müssen.

Wenigstens brummt das Online-Geschäft: Seit etwa drei Wochen zieht der Absatz von Wurst- und Fleischkonserven, Dosenbrot von einem Hersteller bei Jena sowie luftdicht verschweißter Wurst steil an, 50 Pakete und mehr gehen laut Lindig pro Tag auf die Reise.

Lindigs rauchfrische Knacker samt Brötchen genieße ich im Heinepark, fast allein mit den zwitschernden Vögeln. Nur ein Jogger trabt vorbei, ein junges Pärchen am Saaleufer teilt sich eng verschlungen die Ohrhörer, zwei Hunde ziehen Senioren gen Bauernhäuser. Eine Großfamilie hatte schon Roller und Kinderfahrräder aus ihrem Van gehoben, dann doch wieder verstaut, als die Kleinen offenbar den kalten Wind scheuten. Vielleicht war es für längere Zeit die letzte Chance auf freies Tollen in der Stadt. Fast ist es still im Park, noch vor allem wegen der Kälte.

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