Ex-Grenze als Erinnerungslandschaft und wichtiges Biotop

Am Grenzturm Probstzella soll nicht nur an die einstige innerdeutsche Grenze erinnert werden. Dort soll auch das Grüne Band als besonderer Lebensraum erhalten bleiben.

Manfred Klöppel, stellvertretender Dienststellenleiter im Naturpark Thüringer Schiefergebirge/Obere Saale, am ehemaligen Grenzstreifen am Hopfberg bei Probstzella. Foto: Klaus Moritz

Manfred Klöppel, stellvertretender Dienststellenleiter im Naturpark Thüringer Schiefergebirge/Obere Saale, am ehemaligen Grenzstreifen am Hopfberg bei Probstzella. Foto: Klaus Moritz

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Der Weg zum ehemaligen Grenzturm in Probstzella ist steinig und steil. Ursprünglich sollte hier, im ehemaligen Todesstreifen, auch nicht gewandert werden. Was vor mehr als 20 Jahren lebensgefährlich war, lohnt sich heute aber durchaus, denn zum einen eröffnet sich an diesem Knotenpunkt einiger Wanderwege ein Ausblick auf eine beeindruckend schöne, waldreiche Landschaft im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt. Und zum anderen erwartet den Wanderer ein originalgetreuer Grenzpunkt, in dem über drei Etagen eine kleine Ausstellung mit Zeitzeugendokumenten eingerichtet wurde. Und der ein Stück Geschichte bewahrt aus jener Zeit, da Deutschland hier durch die innerdeutsche Grenze geteilt war.

Entlang der ehemaligen Grenze lässt sich ein europaweit einmaliger Biotopverbund entdecken, der von Finnland bis zum Balkan reicht. Früher bekannt als "Eiserner Vorhang", handelt es sich heute um ein Grünes Band, in dem der Wanderer und Naturfreund viele Tiere und Pflanzen finden kann, die in den sonst intensiv genutzten Landschaften eher selten geworden sind. "Arten, die allesamt gefährdet sind, wie die Heidelerche, der Rauhfußkauz, die Zauneidechse, der Trauermantel, die Bechsteinfledermaus, das Braunkelchen und seltene Orchideen", erläutert Beate Schrader von der Stiftung Naturschutz Thüringen. Sie alle hatten über Jahrzehnte von der unmenschlichen Grenze profitiert.

"Doch wir wollen das Grüne Band nicht nur für die Menschen als Erinnerungslandschaft erhalten", erklärt Manfred Klöppel, stellvertretender Dienststellenleiter im Naturpark Thüringer Schiefergebirge/Obere Saale. "Wir möchten auch den besonderen Lebensraum, die selten gewordenen extensiv genutzten Offenlandflächen erhalten."

Ein schwieriges Unterfangen für die Stiftung Naturschutz Thüringen, die seit dem 1. Januar 2010 Eigentümerin der ehemaligen Bundesflächen ist. Das Grüne Band in Thüringen ist insgesamt 763 Kilometer lang, der Anteil der Stiftung umfasst 3900 Hektar und macht somit mehr als ein Viertel des gesamten Grünen Bandes in Deutschland aus, besteht aus circa 5000 Flurstücken und ist entsprechend unterschiedlich strukturiert. Es gibt Bereiche, die durch Intensivlandwirtschaft geprägt sind, und wo das grüne Band im Acker, der an die Alteigentümer rückübertragen wurde, gänzlich verschwunden ist. Im Eichsfeld ist dies häufig zu beobachten. Es gibt mehr oder weniger intensiv genutzte Grünlandbereiche, aber auch Heiden, Bergwiesen und feuchte Röhricht- und Sumpfflächen. "Im Schiefergebirge findet man auf den kargen, steilen Flächen überwiegend Wald", erklärt Beate Schrader. Sie bedauert, dass es insgesamt am Grünen Band zu einer immer stärkeren Polarisierung kommt: Intensive Nutzung als Acker, Grünland oder Forstfläche, oder es droht zu verbrachen, besonders, wenn das Gelände zu nass, zu trocken, zu mager oder zu steil ist.

Hier hat die Stiftung in den nächsten Jahren eine große Aufgabe vor sich, denn sie möchte auf ihren Flächen vor allem extensiv genutzte Wiesen, Weiden und Heideflächen etablieren. Und in zusammenhängenden Waldgebieten soll das Grüne Band als naturnaher Wald genutzt oder sogar vollständig aus der Nutzung genommen werden. Auch traditionelle Nutzungsformen wie Nieder- oder Mittelwald kommen in Frage.

Verbracht und verbuscht ist auch der Abschnitt vom Grenzturm von Probstzella ins Tal hinab – etwa 300 Meter lang und 20 bis 30 Meter breit. Hier, wo sogar noch ein Stück Grenzzaun und Grenzsäulen erhalten geblieben sind, hat sich der Wald die Fläche zurückgeholt. "Hier", so Manfred Klöppel, "geht es nicht darum, den Zustand zu konservieren, sondern durch aktives Zutun muss eine Verschlechterung verhindert werden. Eine extensive Beweidung der Flächen durch Schafe und Ziegen wäre am besten. Zur Zeit landet das bei der Freihaltung der Flächen anfallende Schnittholz auf der Deponie. Es als Energieholz zu nutzen, wäre eine weitere Möglichkeit. Doch weder für das eine noch das andere konnte ein Partner gefunden werden.

Also haben Naturparkverwaltung und Stiftung Anfang Oktober eine erste Flurberäumungsaktion durchgeführt und gemeinsam mit Freiwilligen der Volksbank Saaletal e. G. Bäume gefällt, Büsche und Gehölze entfernt, somit wieder eine Schneise für den Naturschutz geschlagen und offenen Lebensraum für zahlreiche bedrohte Tier- und Pflanzenarten geschaffen. Heideflächen sollen entstehen, wo auch Eulen, Zeisige, Goldammer und Laubsänger erwartet werden, eben jene Vogelarten, die neben Bäumen auch offene Flächen zur Nahrungssuche brauchen. "Auch Fledermäuse orientieren sich mittels Ultraschallortung an den Randstrukturen solcher Offenlandflächen", ergänzt Beate Schrader.

Ein erster Erfolg ist in Probstzella sichtbar und der wunderbare Blick bis zum Ort fast frei. Doch Partner für eine dauerhafte Pflege des ehemaligen Grenzstreifens und Grünen Bandes zu finden, ist schwierig. Naturpark und Stiftung geben die Suche danach nicht auf. Und wer sich einmal auf den Weg hoch zum Grenzturm gemacht hat, verliebt sich ohnehin in die einzigartige Landschaft und Natur und ist vielleicht gern bereit zu helfen, diese Schönheit auch artenreich zu halten.

Kontakt über: Beate.Schrader@tlug.thueringen.de

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