Freche Lieder und Rotwein als Mundspülung in Unterwellenborn

Unterwellenborn.  Der zweite Erzählsalon zum Kulturpalast Unterwellenborn widmet sich der Strahlkraft des Hauses in Region und darüber hinaus.

Erzählrunde: Katrin Rohnstock (links) befragt Christel Esefeld, Michael Goschütz, den letzten Kultturhaus-Leiter Reinhard Salzmann, Wolfgang Kaminsky und Pierre Wilhelm (v.l.n.r.). Rund 30 Gäste lauschten ihren Erinnerungen an den Kulturpalast.

Erzählrunde: Katrin Rohnstock (links) befragt Christel Esefeld, Michael Goschütz, den letzten Kultturhaus-Leiter Reinhard Salzmann, Wolfgang Kaminsky und Pierre Wilhelm (v.l.n.r.). Rund 30 Gäste lauschten ihren Erinnerungen an den Kulturpalast.

Foto: Jens Voigt

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Bulgarische Weinberge, das Opernhaus von Sydney, das „Hippodrom“ von Leipzig und bierlose Läden im polnischen Skierniewice – all das ist mit dem ehemaligen Maxhütten-Kulturpalast in Unterwellenborn verbunden. Zumindest in den Erinnerungen von Menschen – und in Erzählungen, die weiterleben.

Um die „Strahlkraft Kulturpalast“ sollte es gehen beim zweiten Erzählsalon, zu dem der Verein Kulturpalast und der Berliner Verlag Rohnstock-Biografien eingeladen hatten. Doch wie vermisst man die „Strahlkraft“ eines inzwischen längst erkalteten Riesen? Man könnte Statistiken aus dem Archiv bemühen, Besucher- respektive Nutzerzahlen, die Heimatorte der Gäste und auftretenden Künstler. Spannender und unterhaltsamer allemal aber ist das Erzählen derer, die damals dabei waren und es heute noch sind, weil das Haus ihr Leben geprägt hat.

„Das beste Betriebsensemble der DDR“

Christel Esefeld zum Beispiel: Mit 15 Jahren begann sie ihre Lehre in der Maxhütte, trat alsbald in die Tanzgruppe ein, später in den Chor, den sie nunmehr seit Jahrzehnten leitet. „Wir waren das beste Betriebsensemble der DDR, heimsten Preise über Preise ein“, berichtet sie. Was eben auch an der Ausstattung gelegen habe: Der große Saal mit seiner herausragenden Akustik, eigene Probenräume sogar für jede Stimmgruppe, Instrumente und Kostüme vom Feinsten sowie professionelle Gesangspädagogen und Choreografen. Mit der künstlerischen Qualität wuchs der Radius der Auftritte: Quer durch die DDR sowieso, allein dreimal bei der Fernsehshow „Alles singt“ aus dem „Hippodrom“ genannten Haus der heiteren Muse in Leipzig. All die Reisen, immer und fraglos freigestellt von der Arbeit, in die Partnerbezirke der sozialistischen Länder. Acht Tage Sliwen in Bulgarien am Stück zum Beispiel, wo sie mangels Wasser im Hotel die Zähne morgens mit Rotwein putzten und nach den Auftritten die Weinbauern besuchten, Verkostung inklusive. „Wie haben wir das nur ausgehalten?“, fragt sich Esefeld rückblickend. Doch anders herum ging es ja auch, etwa in Skierniewice, wo weit und breit kein Bier für die Herren im Chor aufzutreiben war.

SED-Kreissekretär erbost über Trinklied

Doch wie frei war die Kultur, bei allem Vergnügen? Es gab die SED-Parteigruppe im Ensemble, erwünschtes Liedgut, Hineinregieren durch Funktionäre. „Manche sagen, damals hätten wir nur Kampflieder gesungen und heute nur Kirchenlieder“, bestätigt Esefeld. Aber es gebe nun mal auch sehr schöne Arbeiterlieder. Und der Chor habe nicht aus sozialistischen Singmaschinen bestanden, sondern aus Menschen, die sehr wohl am Gesang ihren Spaß hatten. Wie bei jener Festveranstaltung zum DDR-Geburtstag, da die Männer nach dem Auftritt hinter dem vermeintlich abgesenkten Eisernen Vorhang fröhlich „Ole, wir fahr‘n in den Puff nach Barcelona…“ anstimmten – was der damalige SED-Kreissekretär Wolfgang Heiland hörte und deshalb disziplinarische Maßnahmen forderte. „Ausgerechnet der“, meldet sich Michael Goschütz zu Wort. Schließlich habe der Funktionär oft genug den Jugendklub im Palast für interne Besäufnisse belegt, die zuweilen in Orgien geendet haben sollen. Auch wegen solcher Eskapaden sei Heiland schließlich versetzt worden, in einer Art „seitlicher Arabeske“, wie es Goschütz nennt: Der Funktionär wurde Stadt-Parteichef von Gera.

Künstlerischen Leiter strafversetzt ins Walzwerk

Goschütz, gelernter Schlosser, ist dem Palast buchstäblich seit Kindesbeinen verbunden. 1955, mit vier Jahren, nimmt ihn sein Vater zum ersten Mal mit zur 1.Mai-Festveranstaltung, die dem Jungen vor allem als unglaubliche Menge von Bratwürsten in Erinnerung bleibt. 1962, als Schichtarbeiter-Kind im damaligen Wochenheim untergebracht, hat er seinen ersten Auftritt im Kulturhaus – als Blindschleiche in der modernen Fassung von „Rotkäppchen“: eine Stunde stumm herumkriechen in einem mit Schuppen benähten Overall. Was Wunder also, dass es ihn als Lehrling dann zur stimmhaften Kunst drängt: Mit einem Freund und einigen „sehr scharfen Mädels von den technischen Zeichnern“ gründet er Anfang 1968 den Singeklub der Maxhütte. „Von da an war ich nur noch im Kulturhaus, mindestens einmal jede Woche“, erinnert er sich. Wie das Ensemble „gefördert von vorne bis hinten“, geht es stetig aufwärts: Auszeichnungen, Gastspiele, Fernsehauftritte. Der Singeklub setzt zunehmend auf eigene Lieder, wird immer rockiger, ungestümer, auch kritischer. 1984 kommt es zum Eklat. SED-Funktionäre fordern, zwei Lieder aus dem Programm für die Arbeiterfestspiele zu streichen, eines behandelt „offene Fragen“ eines Mädchens, dessen Freund den Ausreiseantrag gestellt hat, das andere den öden Konformismus nach dem Motto „Wäschst du meine Hand, wasche ich deine“. Das darf nach langen Diskussionen im Programm bleiben. Bei den Auftritten in Gera und Jena spielen sie auch das verbotene Stück, kein Funktionär ist zugegen, der Singeklub bekommt die Goldmedaille. Bei der Verleihung präsentiert Goschütz grinsend dem Saalfelder Propaganda-Sekretär die Trophäe. Mit der Folge, dass Goschütz ein halbes Jahr später als damals künstlerischer Leiter im Palast an die neu aufgebaute Kombinierte Formstahlstraße versetzt wird. „So kam es, dass ich die Wende in der Maxhütte erlebt habe“, resümiert der 68-Jährige.

Kulturhaus-Ikone durchaus noch präsent

Pierre Wilhelm, Jahrgang 1975, Jurist und Kulturmanager mit exzellenten Kontakten, berät den Kulturpalast-Verein seit einigen Jahren. Kürzlich hat er den Chef einer Firma, die unter anderem das weltberühmte Opernhaus von Sydney technisch ausgestattet hat, nach Unterwellenborn geholt und ihm den Kulturpalast gezeigt. „Den würde ich genauso wieder bauen, wie er dasteht – besser geht es nicht“, soll der Mann versichert haben. Noch sei die Kulturhaus-Ikone durchaus präsent, meint Wilhelm, so etwa in einer Ausstellung vor einem Jahr, die zu den am meisten besuchten im Landtag gehört habe. Rettung und Perspektive für das Haus, so vermaledeit die Situation auch derzeit ist, sei möglich, etwa durch das neue „Trafo 2“-Progamm der Kulturstiftung des Bundes für den ländlichen Raum. „Aber der Bund will wissen, ob die Region auch wirklich dahintersteht“, betont Wilhelm. Denn nicht jedem geht es so wie Esefeld, Goschütz oder Wolfgang Kaminsky vom einstigen Fotozirkel, die fast wortgleich bekennen: Der Kulturpalast war unsere Heimat – und die gibt man nicht einfach auf.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren