Kommt in Rudolstadt ein Kaninchen zum Frisör

Rudolstadt.  Serie Heimat erleben: Corinna Langhammer aus Rudolstadt fertigt aus der Wolle ihrer Angora-Kaninchen flauschig-warme Utensilien.

Entspannung am Spinnrad: Corinna Langhammer mit Lotti, einem ihrer Angorakaninchen.

Entspannung am Spinnrad: Corinna Langhammer mit Lotti, einem ihrer Angorakaninchen.

Foto: Roberto Burian

Wer schon einmal Kaninchen gestreichelt hat, weiß, wie angenehm sich das Fell anfühlt. Die Rasse Angora toppt alles. Es sieht nicht nur so aus, es fühlt sich auch so an: Das Fell der Angorakaninchen ist flauschig weich.

„Wer Socken davon hat, weiß, was das Fell kann“, sagt Corinna Langhammer. Das Mitglied des Rassekaninchenzuchtvereins T 158 Heidecksburg Rudolstadt fertigt aus der Wolle ihrer Angora-Kaninchen flauschig-warme Utensilien. Die 50-Jährige aus Schwarza, einem Ortsteil von Rudolstadt, spinnt das Fell ihrer Angora-Kaninchen zu Wolle. Ein Hobby mit echtem Mehrwert, das ein Umdenken in der Gesellschaft widerspiegelt.

Spinnen ist eine der ältesten Kulturtechniken

Zum Spinnen kam sie wie die Jungfrau zum Kinde – schon lange hatte sie das alte Spinnrad ihrer Oma in der heimischen Stube fasziniert. Sie nahm die Herausforderung an, holte sich Rat bei den Frauen vom Verein „Schwarzaer Spinnstube Rudolstadt“, las in Büchern nach. Tipps gab es genug, schließlich gehört das Spinnen zu den ältesten Kulturtechniken, die mit der Zeit verfeinert wurden. Und lange habe es nicht gedauert, bis sie dann voller Leidenschaft und Kreativität die Nadeln tanzen ließ und sich die ersten Kleidungsstücke selbst strickte.

Zunächst spinnt sie aus der Wolle einen Faden. Ist die Spindel voll, wird der nächste Faden gesponnen. Danach werden beide verzwirnt. Dazu werden diese in entgegengesetzter Richtung wie beim Spinnen eines einzelnen Garns gedreht. Das Rad läuft deshalb anders als beim ersten Arbeitsschritt gegen den Uhrzeigersinn. Das alles geht Corinna Langhammer gut von der Hand.

Seit ihrer Jugend beherrscht sie das Stricken

Das Schöne am Spinnen sei, dass man das Produkt weiterverarbeiten kann, sagt sie. Sie strickt daraus Socken, Jacken, Schals und Westen. Auch das geht flott. Die Schwarzaerin weiß, wie’s geht. Denn das Stricken beherrscht sie seit ihrer Jugend. Gleichmäßig dreht sich das Rad vor Langhammer. Mit ihrem rechten Fuß tritt sie immer wieder auf ein kleines Brettchen, das über eine Kurbel mit dem Rad verbunden ist. Dieser Mechanismus, der wie ein kleiner Motor arbeitet, lässt die Spindel vor ihr drehen. Dort wickelt sich fast wie von Zauberhand ein Faden auf. Sie muss nur aufpassen, dass ausreichend Wolle nachkommt.

Mehrere Preise für Kaninchen

Die junge Frau beherrscht die Technik des Spinnens inzwischen so gut, dass sie sich entspannt dabei unterhalten kann. „Ich bin kein Profi“, sagt sie. Spinnen ist nur ihr Hobby. Und soll es auch bleiben. Denn Corinna Langhammer liebt ihren richtigen Beruf – sie ist Mitarbeiterin in einer Arztpraxis.

Mit ihrem Mann Sven züchtet sie die langohrigen Fellknäuel. Die Angoras der beiden haben schon diverse Preise gewonnen. Geduldig sitzt Lotti, das flauschige, lebendige Wollknäuel auf dem Arm und wartet. Der Garten ist die Frisierstube für ihre Kaninchen. Alles liegt bereit: elektrischer Haarschneider, Schere, Kardierbrett und eine große Plastikbox für die Wolle. Da das Fell wächst und wächst, wird auch das Angorakaninchen geschoren. Bei einem Lebendgewicht von 4,5 Kilogramm im Schnitt ergäbe sich bei vier Mal Scheren im Jahr ein Wollertrag von bis zu zwei Kilogramm insgesamt.

Wolle mit antirheumatischer Wirkung

Die Züchter wissen um die Besonderheiten der Wolle. Haupteigenschaft ist die antirheumatische Wirkung, deshalb wird sie auch oft in Unterwäsche mit verarbeitet. Ist das Angorakaninchen heute ein Exot, so war die Zucht dieser Rasse zu DDR-Zeiten gang und gäbe. Im Mangel des realen Sozialismus war das Kaninchen viel länger als im Westen eine wirtschaftliche Komponente. Wegen dem Fleisch und der Wolle.

Kein Wunder, hören die Züchter doch immer wieder, wie wunderbar sich die Wolle verarbeiten lasse. „Und dann die schöne Färbung, hier in Gelb“, so Corinna Langhammer. Sagt sie – und gibt dem Tier auch gleich ein paar Streicheleinheiten. Dem flauschigen Anblick kann eben keiner widerstehen.

Die junge Frau kommt ins Schwärmen, wenn sie vom Spinnen berichtet. Das gleichmäßige Rotieren der Scheibe erzeugt einen leisen Ton, der beruhigend wirkt. Weil die Arbeit monoton ist, kann sie ihren Gedanken freien Lauf lassen. Und das macht sie. „Ich reflektiere den Tag, plane den nächsten oder denke mal an nichts“.

Darüber hinaus gibt sie Handarbeitskurse, wo sie den Teilnehmern ihre Kenntnisse im Stricken und Spinnen vermittelt. „Das Interesse ist groß“, sagt sie. Altes Handwerk ist keineswegs Schnee von gestern. Im Gegenteil – es fasziniert noch heute!