Hoffen auf Trendwende: Wieder balzende Auerhähne in Thüringen gesichtet

Erfurt/Gehren  Erstmals seit 2010 wurden im Thüringer Schiefergebirge die Tiere beim Paarungsspiel beobachtet. Experten hoffen nun auf eine Trendwende bei der Rettung der Art – und setzen Wildfänge aus Schweden nach.

Balzender Auerhahn mit aufgestellten Bart- und Stoßfedern sowie mit mächtigem Schnabel. Foto:

Balzender Auerhahn mit aufgestellten Bart- und Stoßfedern sowie mit mächtigem Schnabel. Foto:

Foto: zgt

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Seit fast fünfzig Jahren versucht man in Thüringen, das Auerwild durch Aufzucht und Auswilderung zu retten – nun scheint zumindest ein Teilerfolg erreicht: Erstmals seit 2010 wurden wieder balzende Auerhähne im Thüringer Schiefergebirge beobachtet.

Drei Hähne unterschiedlichen Alters hätten sich vor wenigen Tagen ausgiebig dem Paarungsspiel hingegeben, berichtet Thüringenforst. Zudem waren schon im vergangenen Winter regelmäßig über zehn Tiere beobachtet worden – seit 15 Jahren die höchste Zahl an Sichtbeobachtungen im Freistaat. Ebenfalls wurde im vorigen Jahr erstmals Nachwuchs aus freier Wildbahn – erkennbar an fehlender Beringung – erfasst, jedoch keine Balz beobachtet. Experten sehen eine Trendwende hin zur Rettung des bis zu fünf Kilogramm schweren Raufußhuhns im Freistaat.

Aufgezogen in Station bei Langenschade

Seit den 1970er Jahren hatten sich die Bestände in Thüringen vor allem wegen wirtschaftlicher Eingriffe in ihre Lebensräume von etwa 300 auf wenige Dutzend Tiere rapide reduziert. „Einzig die jahrelangen Auswilderungen selbst gezogener wie auch wildgefangener Tiere durch die Landesforstverwaltung haben ein endgültiges Erlöschen der Population verhindert“, urteilt Thüringenforst-Vorstand Volker Gebhardt.

Aufgezogen werden die hiesigen Auerhühner vor allem in der 2013 erneuerten Station bei Langenschade (Landkreis Saalfeld-Rudolstadt). Seit 2012 wurden die Artenschutzanstrengungen deutlich ausgebaut, neben der Auswilderung wurden durch die Förster große Waldflächen nach den Bedürfnissen der Tiere umgestaltet, Wege stillgelegt und die Fressfeinde des Waldhuhns regional deutlich stärker bejagt. Mittelfristiges Ziel der Förster ist es, eine stabile Population von bis zu 100 Tieren in den Wäldern des Thüringer Schiefergebirges aufzubauen. Doch die Rettung wird nicht billig. Rund 1200 Euro je Tier kostet das Aufziehen der Küken bis zum Aussetzen, etwa 200 000 bis 250 000 Euro jährlich fließen in das Projekt. Im Rahmen der kontinuierlichen wissenschaftlichen Begleitung des Projektes durch Forst- und Artenschützer wurde 2015 die neue Auswilderungsmethode „Born-to-be-free“ eingeführt. Was bedeutet, dass für zwei Hennen und ihre Kinder jeweils eine weiträumige Voliere im Wald errichtet wird, die lediglich der Nachwuchs durch entsprechende Öffnungen verlassen kann. Damit bleibt die Mutter selbst vor etwaigen Fuchs- oder Habicht-Angriffen in Sicherheit und kann in Rufkontakt mit ihren Kindern bleiben, die auf Nahrungssuche außerhalb des Zauns gehen, um sie bei Gefahr zu warnen.

Genetische Vielfalt soll verbessert werden

Geht der Nachwuchs dann nach wenigen Monaten seiner Wege, wird die Henne wieder in die Aufzuchtstation gebracht. In Polen, wo das Verfahren seit 2009 angewendet wird, überlebten laut einer Studie 30 von 31 ausgewilderten Vögeln länger als drei Monate – eine bislang einmalige Erfolgsrate.

Im Frühjahr 2017 plant Thüringenforst nun zusätzlich die Auswilderung von in Schweden gefangenen Auerhühnern. Damit soll die Population weiter gestützt, aber auch die genetische Vielfalt des heimischen Vorkommens verbessert werden. Gebhardt bittet Waldbesucher, die auf diesen scheuen Waldvogel treffen, sich nicht weiter zu nähern, sondern unbedingt auszuweichen. Auerhähne verteidigen von Natur aus ihre Balzplätze gegen Konkurrenten und auch gegenüber dem Menschen. Zuletzt hatte im Juni 2015 ein Tier einen Radfahrer im Schwarzwald attackiert.

Restpopulation im Harz gilt als erloschen

Thüringen verfügt neben dem sächsischen Fichtelgebirge über die einzige Restpopulation außerhalb der größeren Auerhuhngebiete im Bayerischen Wald, dem Schwarzwald und dem Alpenraum. Die Restpopulation im Harz gilt seit Jahren als erloschen.

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