Hohenwarte: Straße schick, Wege futsch

Hohenwarte/Erfurt.  Die Landesstraße zwischen Staumauer und Abzweig nach Saalthal-Alter ist dank Sanierung breiter, glatter und sicherer geworden – aber nur für Fahrzeuge.

Die Schilder zeigen es an: Hier sollen eigentlich Wanderer die Straße passieren bzw. ein Stück an ihr entlang laufen. Dank steiler Böschung und Leitplanke werden sie nun auf die Fahrbahn gezwungen.

Die Schilder zeigen es an: Hier sollen eigentlich Wanderer die Straße passieren bzw. ein Stück an ihr entlang laufen. Dank steiler Böschung und Leitplanke werden sie nun auf die Fahrbahn gezwungen.

Foto: Jens Voigt

Eine Szene vor dem Waldhotel am Stausee nahe Bucha, beobachtet vor ein paar Tagen: Ein älteres Ehepaar in Wanderkluft, offenbar Hotelgäste, sucht auf der großen Kartentafel nach einem nahen Ziel. „Die Staumauer ist nicht weit“, sagt der Mann. Aber welchen Weg nehmen? Den über sieben Kilometer langen durch den Wald hinunter nach Hohenwarte und wieder aufwärts gen Mauer? Zu lang. Alle kürzeren Varianten aber führen an der Landesstraße L 2384 entlang, frisch saniert, aber auch dicht befahren. „Dann nehmen wir halt doch das Auto“, entscheidet die Frau, „und fahren woanders hin.“

Seit der Abschnitt zwischen Staumauer, Waldhotel und Abzweig nach Saalthal-Alter Ende August wieder für den Verkehr freigegeben wurde, schwillt Wanderern, Bürgermeistern und Tourismusanbietern in der Gegend vor Zorn der Kamm. Der Grund: Wenig bis nichts von dem, was sie über Monate vor der Sanierung bei Behörden und Landespolitikern als Wunsch vortrugen, wurde in der Bauausführung berücksichtigt. Mehr noch: Was vordem noch als Trampelpfad neben der Straße für Wanderer einigermaßen sicher nutzbar war, ist nun gänzlich verschwunden, weil die Fahrbahn verbreitert und per Leitplanke abgeschlossen wurde. Wer jetzt zu Fuß gen Staumauer strebt oder umgekehrt von dort zum Waldhotel, muss unweigerlich auf der kurvenreichen und steilen Straße gehen beziehungsweise auf der nur schmalen Bankette.

Schiffsgäste früher gern auf Wanderung um die Bucht geschickt

Mehr noch: Auch ausgewiesene Wanderwege zum Naherholungsgebiet Saalthal-Alter respektive nach Hohenwarte verlaufen nun abschnittsweise auf der Straße, ohne dass diese den Wanderern dafür einen sicheren Randstreifen bietet. Und die beiden Bushaltestellen wurden zwar sehr solide und behindertengerecht gebaut – nur eben ohne sichere Zuwegung für Fußgänger.

Falko Tiesel kann ob dieser Zustände nur noch den Kopf schütteln. Der Chef der Fahrgastschifffahrt Hohenwarte hat Gäste, die nach Zielen für einen Spaziergang fragten, früher gern zum Waldhotel oder zum Stausee-Weg rund um die Bucht bis zur Preßwitzer Spitze geraten. Auch weil er wusste, dass die Spaziergänger von dort gern die drei Schiffe seiner Flottille fotografierten. „Jetzt kann ich von der Strecke nur abraten, weil es einfach viel zu gefährlich ist“, sagt Tiesel, der nun überlegt, wo sich in Richtung Lothramühle ein attraktiver Aussichtspunkt einrichten ließe.

Für Andrea Wende ist die Bauausführung der Straße ein geradezu exemplarisches Beispiel, wie es bei der lange und vielbeschworenen Entwicklung des Tourismus am sogenannten Thüringer Meer eben nicht laufen sollte. Da mühe man sich als Gemeinde seit Jahren die oft divergierenden Interessen von Grundstückseigentümern, Campern, Bungalowbesitzern und Gewerbetreibenden sowie des Stausee-Eigentümers Vattenfall unter einen Hut zu bekommen, um schrittchenweise die Infrastruktur zu entwickeln, verweise dabei immer wieder auf die Unterstützung durch das Land – „und dann kriegst du so einen Knüppel zwischen die Beine gehauen“, ärgert sich die Bürgermeisterin von Unterwellenborn, die vor zwei Jahren mit ihren Amtskollegen aus der Region und dem Landrat die Landesregierung per Brief ersucht hatte, bei der Sanierung der L 2384 deren touristische Bedeutung zu berücksichtigen.

Verantwortlich für Planung und Ausführung der Arbeiten an der L 2384 ist das Thüringer Landesamt für Bau und Verkehr. Auf unsere Anfragen antwortet Referatsleiterin Silke Schweitzer, die Straßenbauverwaltung sei bei einer bloßen Sanierung der Strecke lediglich für die Herstellung der Fahrbahnen samt Bushaltestellen zuständig, nicht aber für Fußwege oder Zuwegungen zu Haltestellen – das obliege der jeweiligen Gemeinde. Die Leitplanken hätten „aufgrund von Gefährdungsbeurteilungen“ errichtet werden müssen. Und was die vorherigen Trampelpfade angehe, so habe in entsprechenden Gesprächen keine der Gemeinden erklärt, diese unbedingt erhalten wollen.

Drei Wanderwege von Gemeinde nun vorsichtshalber gesperrt

Manfred Drieling mag derlei Ausflüchte gar nicht mehr hören. Immer wieder hat er nach Erfurt geschrieben, mal ans Infrastrukturministerium, mal an den Wirtschaftsminister, weil der für touristische Wege zuständig ist, auch an den Ministerpräsidenten. Ramelow immerhin habe ihm geantwortet, dass er den Vorgang zu Wirtschaftsminister Tiefensee leitet. „Aber von dem kam dann nichts mehr“, erinnert sich der Bürgermeister von Hohenwarte. Und vom Landesbauamt lediglich die Auskunft, für einen Fußweg gebe es wegen der „Geometrie des Straßenraums (Querschnitt)“ keinen Spielraum. Und weil die Straße jetzt so breit und sicher ist, braucht es eben auch kein Tempolimit von 30 Stundenkilometern, wie Drieling gefordert hatte.

Der Bürgermeister hat drei der von der Gemeinde erst kürzlich hergerichteten Rundwege nun sicherheitshalber für gesperrt erklärt. „Ich kann ja die Leute nicht auf einen Weg lassen, wo ihnen Autos mit 80 Stundenkilometern begegnen“, meint Drieling, der klarstellt: Die Sanierung der Straße an sich ist sehr erfreulich, aber sie zieht Risiken nach sich, die man hätte vermeiden können bei etwas mehr Abstimmung und Pragmatismus im Vorfeld.