Kindliche Welterklärungsversuche in Coronazeiten

Rudolstadt.  „Ellenbogen Ellenbogen“ von Steffen Mensching und Michael Kliefert feiert Sonnabend im Theater im Stadthaus Rudolstadt seine Uraufführung.

Intendant Steffen Mensching (links) und Chefdramaturg Michael Kliefert vom Theater Rudolstadt.

Intendant Steffen Mensching (links) und Chefdramaturg Michael Kliefert vom Theater Rudolstadt.

Foto: Anke Neugebauer/Theater Rudolstadt

„Ellenbogen Ellenbogen“ wird an diesem Sonnabend, um 17 Uhr im Theater im Stadthaus in Rudolstadt uraufgeführt. Das Corona-Stück aus der Feder von Intendant Steffen Mensching und Chefdramaturg Michael Kliefert nähert sich der Krise der Gegenwart aus der Weltsicht und mit dem Spürsinn von Kindern.

Der Titel „Ellenbogen Ellenbogen“ bezieht sich doch auf das Kindersprichwort? Welchen Zusammenhang gibt mit dem Stück?

Mensching: Der Ellenbogen hat ja eine deutliche Aufwertung in den letzten Monaten erfahren. Damit spielt das Stück ebenso wie mit den vielen anderen Bedeutungen. Es ist ein Körperteil, das wenig Sympathie ausstrahlt, steht es doch eigentlich für Aggression, Durchsetzungsvermögen, Schmerz. Ein wichtiges Gelenk, aber eigentlich nicht wichtig im täglichen Gebrauch..

Das Stück handelt von neun Kindern, die abhauen und Rat über die vielen seltsamen Veränderungen der jüngsten Zeit halten. Wie haben Sie dazu recherchiert?

Kliefert: Wir haben unsere Kinder angeschaut, uns selbst befragt und an unsere Kindheit erinnert. Wir haben Grundsituationen gesucht, in denen Kinder die gegenwärtige Lage in ihr Weltbild einbauen und von den drängenden Fragen, die uns auch bewegen, getroffen werden. Das hat uns dann auf der Bühne eine andere Möglichkeit gegeben, Dinge auszusprechen, als wenn wir Erwachsene auf der Bühne stehen hätten.

Ein cleverer Kunstgriff.

Mensching: Natürlich stellt man sich zumindest als Eltern auch die Frage, wie wirkt sich diese völlig veränderte Welt, die für uns schon absurd ist, auf jene kleinen Menschen aus, deren Weltbild sich gerade erst festigt. Gerade erst haben sie bestimmte Dinge gelernt, die plötzlich nicht mehr relevant sind. Den Leuten beim Guten-Tag-Sagen die Hand zu geben beispielsweise, war binnen zwei Wochen hinfällig. Das wirkt auf uns, die wir vernunftgesteuerter sind, die wir bestimmte Regeln fürs Leben gefunden haben, anders. Aber Kinder sehen das viel elementarer und stellen deshalb auch andere, direktere Fragen.

Gehen Kinder besser mit der Situation um als Erwachsene?

Kliefert: Der Vorteil ist, dass Kinder noch viel mehr spüren, dass sie etwas bewirken können, wenn sie etwas tun. Im positiven wie negativen Sinne. Kindliches Verhalten ist manchmal sehr forsch, genauso egoistisch und nicht nur freundlich und aufgeschlossen. Aber sie leben intensiver im Moment und das ist für die Bühne interessant und sehr fruchtbringend für solch eine Arbeit. Diese Frische und Naivität im Denken und Tun wäre sonst schwer möglich.

Mensching: Kinder sind nicht domestiziert in dem Maße. Deshalb durchbrechen sie auch Verbote. Das ist normal, weil es ihrer Grundbewegung widerstrebt. Insofern ignorieren unsere neun Kinder auch die Regeln des Kontaktverbots und büxen nachts aus. Aber sie reflektieren natürlich: Was ist mit den Alten? Wie verändern die sich? Warum kann ich nicht mehr zu meinen Großeltern? Und warum benehmen sich meine Eltern anders und sind jeden Tag zu Hause? Das hatte ja große Auswirkungen. Nicht nur die Corona-Regeln selbst, sondern auch das veränderte Sozialverhalten und die seltsamen Ängste der Erwachsenen.

Wie schwierig ist es für Schauspieler, diese Rollen zu spielen?

Kliefert: Wir wollten auf keinen Fall, dass die Schauspieler infantil Kinder imitieren, sondern eher das Wesen von bestimmten Verhaltensweisen treffen: Trotz, Trauer, Wut, Enttäuschung, Beleidigtsein, Neugier und Staunen. Die Aufgabe ist also eine Körpersprache zu entwickeln ohne in Klischees zu rutschen. Für die Schauspieler eine schöne neue Aufgabe, die wir so auch noch nicht hatten. Wir benutzen zwar die Kinder, aber es ist hauptsächlich ein Stück für Erwachsene. Ich glaube, das passiert in dieser Konsequenz eher selten im Theater.

Mensching: Zu der prägenden Frage, wie man Kind ist auf der Bühne, kommt die Besonderheit, dass hier ein Thema verhandelt wird, dass allen Schauspielern sehr nah am persönlichen Leben ist. Wenn man einen Klassiker inszeniert, ist das freilich nicht so. Einerseits haben wir also eine große Künstlichkeit, weil man etwas darstellt, was man wirklich nicht mehr ist, aber mal war, nämlich ein Kind. Und andererseits die reale und nahe Alltagserfahrung.

Was setzen Sie einer möglichen Corona-Überdrüssigkeit entgegen?

Kliefert: Den Überdruss am Thema, den wir alle verspüren, der wird hoffentlich überwunden durch eine humorvoll-emotionale Betrachtung des Ganzen. Das wäre jedenfalls unser Wunsch. Wir wollen nicht die Debatten und die Informationsflut, die jeder jeden Tag um sich herum hat, auf der Bühne wiederholen, sondern bei aller Ernsthaftigkeit einen leichteren Blick auf die Dinge ermöglichen.

Premiere: Samstag, 26. September, 17 und 20 Uhr.