Meinung: Fortschritt und Leben

Jens Voigt über vorschnellen Zukunftswahn

Porträt Jens Voigt

Porträt Jens Voigt

Foto: Lutz Prager

Zuweilen hastet der Fortschritt derart, dass er als solcher kaum zu erkennen ist. LED-Leuchten zum Beispiel, die ganz toll viel Strom sparen, die aber bei Einbaumodellen für Möbel nicht ausgetauscht werden können. Dann muss eine neue Leuchte her, zum Frommen der Umwelt und vor allem der Hersteller.

Ähnlich vorschnell war die Denke beim Zaso. Als Ende 2018 der Zorn über heftig erhöhte Gebühren aufloderte, war eines der eiligen Spar-Versprechen im Gegenzug jenes, den gedruckten Abfallkalender abzuschaffen und digital zu ersetzen. Was für Zaso-Verhältnisse fast märchenhaft schnell gelang – nämlich innerhalb nur eines Jahres und noch vor Druck durch Corona. Rund 100.000 Euro pro Jahr gedachte man so zu sparen, für die letzten Freunde des gedruckten Termins sollten Hinweise in den Gemeinde-Amtsblättern reichen oder aber die telefonische Auskunft beim Zweckverband. Soweit der Plan.

Nur war da noch das Leben, vor allem das ländliche. Das eben noch nicht immer und überall ums Smartphone kreist, sondern auch noch vom Papier liest. Oder beim Abendbrot auf den Küchenkalender schaut statt mit wurstfettigem Finger übers Tablet zu wischen.

Nun also gibt es weiter beides, die digitale und die analoge Variante. Ein Kompromiss, der indes fade wäre, sollten die Print-Bezieher tatsächlich Porto zahlen müssen. Denn noch schreibt der Gesetzgeber „ortsübliche“ Verbreitung letztlich amtlicher Nachrichten vor. Irgendwann wird ein Gericht zu entscheiden haben, ob der digitale Aushang reicht.

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.