Neues Forum Rudolstadt, minutiös dokumentiert durch die Stasi

Rudolstadt  Die erste politische Gruppierung im Herbst 89 gründete sich am 7. Oktober – 30 Jahre später wird daran erinnert

Auszug aus den Stasi-Unterlagen zur Gründung des Neuen Forums Rudolstadt.

Auszug aus den Stasi-Unterlagen zur Gründung des Neuen Forums Rudolstadt.

Foto: Archiv Diethelm Offhauß

Am 7. Oktober 1989 versammelten sich um 10 Uhr auf dem Marktplatz in Rudolstadt eine Reihe von Bürgern, um die Ortsgruppe „Neues Forum“ zu gründen.

Was war vorausgegangen? Stefan Breternitz brachte am 3. Oktober von einem Besuch bei der Bürgerrechtlerin und späteren Bundestagsabgeordneten Ingrid Köppe in Berlin den Gründungsaufruf „Neues Forum“, der von 34 Erstunterzeichnern am 9. September 1989 unterschrieben war, mit nach Rudolstadt. Darin hieß es: „Wir rufen alle Bürger und Bürgerinnen der DDR, die an der Umgestaltung unserer Gesellschaft mitwirken wollen, auf, Mitglieder des Neuen Forums zu werden. … Allen Bestrebungen, denen das NF Ausdruck und Stimme verleihen will, liegt der Wunsch nach Gerechtigkeit, Demokratie, Frieden sowie Schutz und Bewahrung der Natur zugrunde.“

Noch am gleichen Tag trafen sich Andreas Steinbrücker, Ulrich Rabe, Steffen Richter und Stefan Breternitz, um auch in Rudolstadt zur Gründung „Neues Forum“ aufzurufen. Die Staatssicherheit dokumentierte dies in ihren täglichen Lageberichten minutiös.

Am 6. Oktober 1989 gemeldet: Der Gründungsaufruf „Neues Forum“ Ortsgruppe Rudolstadt ist heute 8 Uhr, „Posteingang SED-Kreisleitung über öffentliche Post, eine graue Brieftasche Format A 5, ohne Absender, Poststempel Rudolstadt. Bisher nur ein Exemplar festgestellt.“ Inhalt: „Aufruf der Ortsgruppe „Neues Forum“ Rudolstadt zur Gründung auf dem Marktplatz am 7. 10. 89 /10 Uhr sowie weiterer antisozialistischer Parolen.“

Wie besorgt die Kreisdienststelle des MfS war, zeigen die am gleichen Tag eingeleiteten und protokollierten Maßnahmen: „weitere Bearbeitung durch Kreisdienststelle und Volkspolizeikreisamt/Kriminalpolizei Rudolstadt. Schriftenfahndung und techn. Untersuchung eingeleitet. Zentraler Operativstab – Einsatzgruppe gebildet, politisch-operatives Zusammenwirken des MfS mit der Volkspolizei) eingeleitet“.

Dem Neuen Forum Rudolstadt gelang es sehr schnell, die Arbeit auf eine breitere Basis zu stellen. Es wurden Unterschriften für die Zulassung gesammelt, es fand ein erstes Treffen mit der SED-Spitze des Rathauses im „Adler“ statt. Und am 19. Oktober 89 konnte Andreas Steinbrücker nach dem Friedensgebet als Sprecher des Neuen Forums das Programm in der übervollen Stadtkirche vorstellen. Nach diesem Abend war die demokratische Umgestaltung der Gesellschaft auch in Rudolstadt nicht mehr aufzuhalten.

Dreißig Jahre nach der friedlichen Revolution wird in der Stadtkirche Rudolstadt in einem Friedensgebet an diese Großveranstaltung erinnert.

Samstag, 19. Oktober, 18 Uhr, Stadtkirche

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