Rudolstadt zeigt Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame"

Sie stehen an der Rampe und schauen sehnsüchtig den vorbeidonnernden Zügen nach. Kein ICE hält mehr in Güllen, schon seit Jahren nicht. Nur der Bummelzug aus Kalberstadt, dem der Pfändungsbeamte entsteigt. Der hat kein leichtes Spiel, denn in der verschuldeten Kleinstadt gibts nichts mehr zu holen.

Wettern, was das Zeug hält: Alfred Ill (Matthias Winde) und der Bürgermeister (Hans Burkia) schütteln die Fäuste gegen Frau Claire (Verena Blankenburg). Foto: Peter Scholz

Wettern, was das Zeug hält: Alfred Ill (Matthias Winde) und der Bürgermeister (Hans Burkia) schütteln die Fäuste gegen Frau Claire (Verena Blankenburg). Foto: Peter Scholz

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Rudolstadt. Güllen, das ist eine holzgetäfelte Wand mit abgeschabten Tapeten, hinter der sich ein Getränkegroßlager ausbreitet (Ausstattung: Fred Pommerehn). Davor hat sich der Trupp von acht Schauspielern postiert, aus denen Grazyna Kania sämtliche Figuren, die Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie "Der Besuch der alten Dame" bevölkern, hervorgehen lässt: abgestumpfte, ausgebrannte, von der Stütze, der Suppenküche, auf Pump oder in bloßem Gottvertrauen lebende Typen. Doch als eine Milliardärin im Güllener Bahnhof die Notbremse zieht, ändert sich schlagartig alles.

Die Parabel vom Geld, das den Wohlstand hebt, indem es die Bürgermoral auffrisst, hier wird sie zum künstlerischen Ereignis. Nicht in Weimar, wo die Regisseurin Furore machte und ihre Inszenierung von Schillers "Kabale und Liebe" schon in der sechsten Spielzeit läuft, auch nicht in Warschau, wo sie regelmäßig gefeiert wird, sondern in Rudolstadt. Die noch immer junge Dame mit dem klangvollen polnischen Namen in die Provinz gelockt zu haben, wo der Klassiker des Schweizer Dramatikers ja auch spielt, was für ein Glücksfall für das kleine Theater!

Denn Kania bringt frische Ideen mit und schafft lustvoll Spielräume für die Schauspieler. Die wechseln nur ihre Rollen, nie ihre Kostüme, und wachsen bei dem einen oder anderen grotesken Auftritt über sich hinaus. Zwar strapaziert eingangs das Warten auf Claire Zachanassian, geborene Wäscher, die nach langer Abwesenheit als superreiche Dame in ihr Heimatstädtchen zurückkehrt, die Geduld des Zuschauers, doch dann nimmt die Inszenierung Fahrt auf, versprüht Witz und Ironie. Zum Empfang schmettern die Güllener ein freudiges "Hello again!", was aus dem Mund von Claires Jugendfreund Alfred Ill etwas gequält kommt, denn der hat sie dereinst samt Kind schmählich verraten und zur Hure gemacht. Aber die Sache scheint verjährt, und so wird Ill zum Hoffnungsträger der Bürger, die einen Geldsegen erwarten. Tatsächlich verspricht Claire den Güllenern eine Milliarde Euro, will aber dafür - Ills Kopf.

In der Meute fallen die Masken

Grazyna Kania hat diesen Kleinkrämer, der vom Täter zum Opfer wird und sich am Ende seine Schuld eingesteht, mit Matthias Winde besetzt, der bis zur Abwicklung des Erfurter Schauspiels im Ensemble der Landeshauptstadt agierte. Winde brauchte zur Premiere eine Weile, um mit seiner Rolle warm zu werden, und steigerte sich dann von Szene zu Szene zu einer tollen Charakterstudie. Was aber tun, wenn man über keine herausragende Darstellerin verfügt, die die Dominanz der zwischen Hochmut und Verbitterung changierenden, rachsüchtigen und noch immer ihrer Liebe nachtrauernden alten Dame verkörpern kann? Die Regisseurin findet einen Trick, um die Bühnenpräsenz der als Claire agierenden Verena Blankenburg zu steigern: Sie drückt ihr ein Mikrofon in die Hand. Blankenburg, die mondän mit feuerroter Perücke, Stöckelschuhen und schwarzem Pelzmantel auftritt, moderiert so von Anfang an ihre Rolle mit leiser, süffisanter Stimme und schlägt sich bravourös.

Vorzeigbar ist auch das Rudolstädter Sparprogramm: Selten wurde hier dermaßen mit Requisiten gegeizt. Keine Möbel, keine Koffer, keine Gewehre ... Nur zwei Flaschen Pils, die Markus Seidensticker und Joachim Brunner als Polizisten genüsslich leeren. Und eine Hotelburg aus Getränkekästen, gesponsert von Brauereien der Region, in der sich die versnobte Dame verschanzt. Wer freilich den Güllener Volkschor so virtuos choreografiert, kann sich auf die Fantasie der Zuschauer verlassen. Ills Bedrohung - er steht dem Wohlstand seiner Mitbürger plötzlich im Wege - liegt förmlich in der Luft.

Famos das Simultanspiel vor und hinter der geöffneten Tapetenwand. Claire beobachtet von ihrem Bierkastenbalkon aus, wie sich die Güllener ihrer Anständigkeit versichern, nach und nach aber doch Kredit aufnehmen und schließlich in der meuchelnden Meute ihre Masken fallen lassen: Hans Burkia als hemdsärmeliger Bürgermeister, Charlotte Ronas als hyperkorrekte Lehrerin, Benjamin Griebel als himmlisch heuchelnder Pfarrer, Ute Schmidt und Laura Göttner in den Rollen unbescholtener Bürger. Dürrenmatts 1955 in einer finanziellen Zwangslage verfasste Parabel auf die Verführbarkeit des in Not geratenen Kleinbürgertums gilt - siehe Weltfinanzkrise - heute wie damals.

Weitere Vorstellungen: 30. November, 3., 13. und 17. Dezember

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