Rudolstädter E-Auto-Besitzer laden meist über Nacht daheim

Rudolstadt.  Darum verzichtet Rudolstädter Stromversorger EVR auf den Aufbau von Schnellladesäulen in absehbarer Zeit in seinem Netzbereich

EVR-Marketingchef Christian Engel (rechts) hilft am 6. Juli 2017 einem der ersten Kunden an der neuen Rudolstädter Stromladesäule unter den Augen von Bürgermeister Jörg Reichl (Mitte) beim Entwirren des Ladekabels.

EVR-Marketingchef Christian Engel (rechts) hilft am 6. Juli 2017 einem der ersten Kunden an der neuen Rudolstädter Stromladesäule unter den Augen von Bürgermeister Jörg Reichl (Mitte) beim Entwirren des Ladekabels.

Foto: Henry Trefz

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Vertriebsleiter Christian Engel war wie immer gut gelaunt, als er am 6. Juli 2017 zusammen mit Rudolstadts Bürgermeister Jörg Reichl (BfR) und weiteren Offiziellen die erste offizielle E-Auto-Ladesäule der Energieversorgung Rudolstadt (EVR) eröffnete. Das wird in Bälde 1000 Tage her sein. Seitdem hat sich die Anzahl der im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt neu zugelassenen, elektrisch angetriebenen Autos - etwa im letzten Jahr - um ein Drittel erhöht.

Hohe Zeit also für eine Neuausrichtung der Strategie des lokalen Energieversorgers? Der Vertriebsleiter schmunzelt. “Die Lage hat sich für uns nahezu nicht verändert.” Er verfolgt alles, was zum Thema Elektromobilität in der Region zu lesen ist und weiß: Starker Zuwachs heißt wenig, solange die Zahlen gerade erst dreistellig geworden sind. Engel kennt zugleich auch die Übersichten öffentlich zugänglicher Ladepunkte im Landkreis: “Wenn wir die etwa hundert zugelassenen E-Autos auf die 21 Ladepunkte umlegen, dann teilen sich fünf Autos eine Säule zumindest statistisch.“

Natürlich, so räumt er ein, seien das sehr theoretische Gleichungen. Natürlich komme nicht jeder Stromsuchende aus dem Landkreis, es sei aber auch nicht wirklich erforscht, wie viele tatsächlich, dazu sei der Markt eben viel zu klein. Gerade einmal 200 Ladevorgänge hatte es 2019 an den EVR-Säulen gegeben, zwar eine Verdopplung der Vorjahreswertes und trotzdem kaum eine nennenswerte Größe im gesamten Strom-Umsatz bei EVR. Es scheint, als habe der sprichwörtliche Schwimmer 2016/17 zwar auf dem Startblock gestanden, doch niemand habe den Startschuss gegeben.

Christian Engel kennt die Ursachen, die durchaus nicht immer mit der medialen Wahrnehmung übereinstimmen: “Wir bei EVR kennen viele E-Auto-Fahrer persönlich und wissen: Sie haben ihre mobilen Bedürfnisse und die letztliche Kaufentscheidung nicht auf den öffentlichen Ladeangeboten abgestützt. Wer ein E-Auto kauft, der hat sich vorher vergewissert, dass er den allergrößten Teil seiner Ladevorgänge zuhause durchführen kann, etwa in der heimischen Garage oder am Carport, in Ausnahmefällen auch beim Arbeitgeber.”

Wer so aufgestellt hat, brauche die öffentlichen Lademöglichkeiten im Landkreis also nur im Notfall. Deswegen sei es auch kein Problem gewesen, dass die Ladesäulen bisher keine Abrechnung nach den tatsächlich “getankten” Kilowattstunden ermöglichten: Ganz egal, ob nur für eine halbe Stunde oder für maximal einen Tag: Der Vorgang kostet pauschal immerhin sieben Euro. Die Saalfelder Stadtwerke nehmen für vergleichbare Angebote sechs, die Teag in Bad Blankenburg nur fünf Euro. Diese Lösung hatte ihre Ursache in den komplexen Regeln für den Stromverkauf, die nicht nur Eichvorschriften sondern auch die Ausweisung der konkreten Energiemixes beinhalteten, Regeln, die inzwischen liberalisiert sind.

Demnächst Umstellung von Pauschale auf verbrauchsgenaue Abrechnung

“Deswegen werden wir auch in naher Zukunft unsere Ladesäulen auf die Kilowattstundenabrechnung umstellen, ohne jetzt schon genau sagen zu können, wie das neue Preismodell aussieht”, sagt Christian Engel. Eine öffentliche Schnelllademöglichkeit, wie sie derzeit in der elektromobilen Szene in aller Munde ist, ist derzeit zumindest bei EVR nicht in Sicht. Bisher können die Säulen an jeweils zwei Punkten zusammen mit maximal 22 Kilowatt Wechselstrom laden. Das bevorteilte unfreiwillig E-Autos, wie etwa den Renault Zoe, der mit diesen Vorgaben umgehen kann und benachteiligte andere, wie etwa die ersten BMW i3, die nur 7 Kilowatt Leistung aufnehmen können. Engel sagt: “Mit der verbrauchsgenauen Abrechnung machen wir einen Schritt auf mehr Markttransparenz zu.”

Bei den Schnelladern, die sich vor allem an Autobahnraststätten finden, gibt es derweil ähnliche Entwicklungen: Der Anbieter Ionity, etwa, ein Zusammenschluss von Autoherstellern, verkündete kürzlich, seine Pauschale von 7 Euro gegen eine Kilowattstundenpreis von 79 Cent für Normalkunden ohne Abonnement tauschen zu wollen und zog sich ob der damit einhergehenden Preiserhöhung heftige Kritik zu. Dort kann man allerdings auch mit Leistungen zwischen 50 und 150 Kilowatt laden.

Solche Entwicklungen tangieren die Provinz nicht. Christian Engel: “Wir sehen allzeit zugängliche Ladesäulen eher als Daseinsvorsorge für den Notfall.” Schnelllader wären nicht nur in der Anschaffung, sondern auch im Betrieb sehr kostspielig und betriebswirtschaftlich kaum darstellbar. Denkbar wäre allerdings in der Zukunft ein städtisches Kombiangebot von Parkplatz und gemächlicher Ladung aus dem Niederspannungsnetz für den täglichen Einpendler nach Rudolstadt. “Doch auch hierzu bräuchten wir Signale der ja eigentlich zu Haus gut versorgten Kunden. Solange es nicht mehr werden, gibt es auch keinen Handlungsdruck”, schätzt der Marketingchef die Lage nüchtern ein.

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