Sitzendorfer Turm-Geschichten: 125 Jahre schöne Aussicht

Sitzendorf  Wanderverein, Schweinskopf und Reichskanzler - oder Warum der Bismarckturm überm Schwarzatal anders aussieht als viele seiner Brüder

Der Bismarckturm bei Sitzendorf hat es selbst in seiner heutigen Höhe schwer, über den hoch gewachsenen Wald im Schwarzatal hinweg zu ragen. Historische Ansichten auf dem Archiv von Joachim Kränkel belegen, dass er vor 125 Jahren eigentlich nur halb so hoch angelegt war.

Der Bismarckturm bei Sitzendorf hat es selbst in seiner heutigen Höhe schwer, über den hoch gewachsenen Wald im Schwarzatal hinweg zu ragen. Historische Ansichten auf dem Archiv von Joachim Kränkel belegen, dass er vor 125 Jahren eigentlich nur halb so hoch angelegt war.

Foto: Henry Trefz

Eigentlich hätte die Geschichte des Bismarckturms im Jubiläumsdorf 650 Jahre nach der Ersterwähnung als Teil eines Weihnachtsgeschenks auf vielen Gabentischen liegen müssen, doch die Pandemie hat auch diese Pläne verzögert. Alt-Bürgermeister Achim Kränkel, der die Streifzüge durch die Ortsgeschichte koordinierte, hat deswegen exklusiv für unsere Zeitung eine der Geschichten herausgegriffen und erzählt gewissermaßen als Appetitmacher bis zum Erscheinen der Festschrift in gedruckter Form die Historie eines Vereins, dessen bleibender Verdienst ein berühmter Aussichtspunkt hoch über dem Schwarzatal ist: die des Thüringerwald-Zweigvereins Blechhammer/Sitzendorf. Er schreibt:

Der Thüringerwald-Verein wurde am 29. August 1880 in Ilmenau gegründet. Zum Hauptsitz wurde Eisenach gewählt. Jetzt konnten selbstständige Zweigvereine ins Leben gerufen werden. Sinn und Zweck waren damals wie heute: „Alt und Jung zum Wandern zu ermuntern“ und selbst alle Voraussetzungen dafür zu schaffen, die Natur und Landschaft in allen Facetten wahrzunehmen.

1895 bestand der Thüringerwald-Verein aus 51 Zweigvereinen mit 5508 stimmberechtigten Mitgliedern. Der Zweigverein Blechhammer-Sitzendorf zählte 41 Mitglieder. Vorsitzender war Fabrikant Carl Voigt. Er war sehr rege, auch Herausgeber einer kleinen Wanderkarte für Touristen. Wöchentlich fanden Versammlungen statt. Auch die Kegelabende in Sitzendorf und Quelitz wurden beibehalten. Letztes Jahr gab es zwei Generalversammlungen.

Schon Anfang 1894 traf der Verein Vorbereitungen auf der Anhöhe des „Schweinskopfes“ (nahe dem Sommerberg) ein Schutzhaus zu errichten. Schwierigkeiten bereitete ihnen die Namensgebung für Haus und Aussichtspunkt. Mitten im Baugeschehen kam ihnen der 80. Geburtstag des Altreichskanzlers Fürst Bismarck gerade recht. Umgehend ersuchten sie um Genehmigung für den Namen „Fürst- Bismarck- Höhe“.

Am 22. Juni 1895 kam die Erlaubnis direkt vom Alterssitz des Fürsten aus Friedrichsruh. Bereits am Sonntag dem 11. August war die Einweihungsfeier. Der große Festumzug setzte sich ½ 3 Uhr von Sitzendorf aus in Bewegung. Über Schwarzburg, wo bereits ein zahlreiches Publikum lebhaftes Interesse zeigte, ging es der Straße weiter in Richtung Allendorf. Am höchsten Punkt angelangt, am Dissauer Tor, ging es links 1 km durch den Wald zum Festplatz. Von den Eingeladenen waren 18 Vereine gekommen. Im Namen der Gemeinde Sitzendorf begrüßte Schultheiß Bock die ankommende Festgesellschaft. Nach den Weihereden bildete das Festlied „Die Wacht am Rhein“ den Schluss der Feierlichkeiten.

Danach setzte ein buntes Treiben ein, gespickt mit interessanten Vorträgen, Musik und Gesang. 40 Mädchen und Burschen in Altthüringer Tracht zeigten die Bauerntänze „Dreitratsch“ und den „Sammtmanchester“. Großer Beifall war ihr Lohn.

Vor dem direkten Rückweg nach Sitzendorf stimmten die Bauernmädchen und Bauernburschen vom Plateau des Schutzhauses das „Thüringerwald Vereinslied“ an, das von vielen fleißig mitgesungen wurde. Darin heißt es: „Ja, von der Wartburg Zinn` bis fern zum Trippstein hin, da weht dein würz`ger Hauch, stärkt Herz und Sinn.“

Um 9 Uhr abends erstrahlte die Fürst-Bismarck-Höhe abwechselnd in rotem und grünem Licht. Im Festsaal des Gasthofes „Zur Linde“ angekommen, ging es mit Tanz und Unterhaltung bis in die Morgenstunden weiter. Ein großes Bergfest war zu Ende.

Das Schutzhaus „Fürst-Bismarck-Höhe“, gebaut als kleiner Turm mit Zinnen, Aussichtsplattform, Fahnenmast und Aufgang von außen, wurde später Bismarckturm genannt. Friedhofsbesucher sollten mal links nach der letzten alten Grabstätte hochschauen. Dort steht noch der schwarze Obelisk mit den Initialen:
Carl Wilhelm Voigt ​(1856 - 1908) und Mathilde Voigt (​1859 - 1912)

Ein großes Achtungszeichen verdient die Tatsache, dass allein im Gebiet der heutigen Verwaltungsgemeinschaft „Schwarzatal“ sieben Zweigvereine existierten. So hatte der Cursdorfer Verein unter Kantor Möller 25 Mitglieder, der Katzhütter unter dem Oelzer Fabrikat C. Kämmer 54, der Mellenbacher unter Fabrikant Krannich 35, der Meuraer unter Forstassessor Dorst 13, der Meuselbacher unter Lehrer Bertuch 28 und der Oberweißbacher unter Amtsrichter Dr. Körner sogar 170 Mitglieder.

Nach dem Errichten des Fröbelturmes auf dem Kirchberg 1890 erlebte der Zweigverein Oberweißbach unter neuer Führung weiteren Zuwachs von zuletzt 20 Mitgliedern. Das freudige, stolze und selbstbewusste Auftreten der Vereine und ihr Liedgut signalisierten einen Aufbruch im ganzen Land.

Vieles, das durch den Zweigverein Blechhammer/Sitzendorf entstand, langlebig war und nicht bewusst entfernt wurde, war in der Vergangenheit noch lange sichtbar und ist es teils heute noch. Zwei metallene, nicht rostende Wegweiser, fand ich Anfang der 80iger Jahre mitten im Wald, halb im Boden liegend. Jetzt sind sie aufgearbeitet. Auf einem in das Blech geprägten Ring steht: “THÜRINGERWALD-VEREIN”

Am 22. September 1990 wurde auf der Sennigshöhe bei Coburg der „Thüringerwald- Verein 1880“ wieder gegründet. Coburg war schon immer Mitglied. Aktueller Vorsitzender ist Rolf Hesse vom Zweigverein Schmalkalden. Derzeit gibt es 27 Zweigvereine, leider keinen mehr im Schwarzatal. Wie fast allen Vereinen im Lande gehen auch die Zweigvereine mangelnder Mitglieder keiner guten Zukunft entgegen.


Die ausführliche Geschichte des Bismarckturmes, von der Aufstockung 1932 bis heute, ist in der Festschrift „650 Jahre Sitzendorf“ festgehalten.