Verzweifelter Kampf ums Auerhuhn in Thüringen

Auerhähne sind in den deutschen Mittelgebirgen vielerorts ausgestorben. Ihre Zahl ist trotz Auswilderungen zuletzt weiter geschrumpft. Trotzdem setzt Thüringen auf ein ambitioniertes Zuchtprogramm.

Ein vier Monate alter Auerhahn. Foto: dpa/Archiv

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Langenschade. Förster Matthias Schröter erinnert sich gut daran, wie er als Junge durch den Wald schlich, um stolze Auerhähne bei der Balz zu beobachten. Sein Revier, die Uhlstädter Heide bei Saalfeld, gehörte einst zu den Kerngebieten der Vögel in Thüringen. Doch selbst dort legt man sich heute vergebens auf die Lauer, um das Naturschauspiel zu beobachten. "Momentan haben wir hier keinen Nachweis von Auerhühnern", bedauert Schröter. Noch vor mehr als 100 Jahren ein Allerweltsvogel, hat sich das Auerhuhn in Deutschland heute rargemacht. Während mancherorts der Kampf zur Rettung der Vögel verloren gegeben wurde, wagt Thüringen einen letzten, verzweifelten Versuch.

Früher war das Auerhuhn ein Allerweltsvogel

Im jüngsten nationalen Bericht zur EU-Vogelschutzrichtlinie ist die Rede von 750 bis 1200 Hähnen. Die Population sei damit innerhalb von 25 Jahren um etwa 75 Prozent geschrumpft, erläutert der Vogelschutzexperte des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), Lars Lachmann.

Die Lebensbedingungen für die prächtigen, bis zu fünf Kilogramm schweren Vögel haben sich im vergangenen Jahrhundert deutlich verschlechtert. Durch intensive Forstwirtschaft gab es in den Mittelgebirgen immer weniger lichte Nadelwälder, deren Boden üppig mit Heidelbeersträuchern bedeckt ist - die Beeren sind Leibspeise der Auerhühner. Einige Experten führen auch die gewachsene Zahl an Räubern wie Fuchs, Habicht und Waschbär an.

In den vergangenen Jahrzehnten wurden Tausende Zuchttiere in Deutschland ausgewildert, um das Auerhuhn (Tetrao urogallus) zu retten. Doch ihre Überlebenschancen sind gering. Seit 1976 hat etwa das Land Niedersachsen in einer Zuchtstation im Harz rund 1000 Tiere aufgezogen und ausgewildert. Knapp 25 Jahre später wurde der Bestand trotzdem nur auf etwa ein Dutzend Vögel geschätzt. Das Programm wurde 2003 eingestellt. Auch im Nationalpark Bayerischer Wald wurde ausgewildert, auch hier haben sich die Tiere kaum weiter vermehrt. "Wir mussten feststellen, dass der Bergmischwald offensichtlich nicht der optimale Lebensraum für das Auerwild ist", erklärt Dennis Müller von der Nationalparkverwaltung. In den Lagen über 1000 Meter gibt es im Nationalpark aber eine offensichtlich überlebensfähige Population, die auf rund 500 Tiere geschätzt wird.

In Thüringen ruhen die Hoffnungen nun auf einer vor zwei Jahren in Betrieb genommenen Zuchtstation in Langenschade bei Saalfeld. Innerhalb von zehn Jahren soll damit ein Bestand von 100 Tieren in der Wildnis etabliert werden. "Der Ausgang des Projekts ist völlig offen", räumt die Leiterin der Station, Luise Stephani, ein. Momentan leben in der Anlage neun Hennen und vier Hähne abgeschirmt vom Menschen. Sie haben in diesem Jahr 15 Küken großgezogen, die Ende September ausgewildert werden sollen. Künftig sollen es 30 bis 40 Jungtiere pro Jahr werden. Wichtig ist dabei die Vorbereitung der Tiere auf die freie Wildbahn.

"Für die Tiere soll alles so sein wie draußen im Wald", erklärt Stephani. Dazu sammelt ein Mitarbeiter Beerensträucher und Reisig im Wald als Futter. Zu trinken gibt es Moosbeerensaft. Zudem wird versucht, Waldstücke in den Auswilderungsgebieten auerhuhnfreundlich umzugestalten.

Waldstücke werden für die Tiere vorbereitet

Hier kommt Förster Schröter ins Spiel. Stolz präsentiert er einen lichten Kiefernwald, an dessen Boden sich Blaubeerbüsche breitmachen. "Wir haben hier den Bewuchs am Boden weggenommen und nur noch vereinzelt ein paar Fichten stehen gelassen", erläutert er. Auf diese Weise sollen weitere Waldstücke für das Auerhuhn aufgewertet werden.

"Wenn der Wald nicht substanziell aufgewertet wird, sind die Zuchttiere nicht mehr als Futter für Füchse", konstatiert Gernot Segelbacher, Ornithologe der Universität Freiburg. Er hat anhand von DNA-Analysen belegt, dass die genetische Vielfalt der Auerhühner abgenommen hat, weil es kaum Austausch zwischen den verschiedenen Vorkommen gibt.

Segelbacher zitiert Berechnungen, wonach etwa 500 Vögel nötig seien, damit die Population mindestens 100 Jahre überleben könne. Die Erfolgsaussichten des Auerhuhnprojekts in Thüringen schätzt er daher als gering ein. Sein Resümee: "In den nächsten Jahrzehnten wird das Auerhuhn in Deutschland nur noch im Schwarzwald, dem Bayerischen Wald und den Alpen überleben."

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