Wie radioaktiv leben die Schwarzataler?

Schwarzatal  Fragen an Verwaltungschef Ulf Ryschka, der seit 21. Dezember auch ein Radon-222-Vorsorgegebiet verwaltet

Auch im Neubau des neuen Kindergartens in Mellenbach-Glasbach (Stadt Schwarzatal) wird es in den unteren Etagen Radon222-Langzeitmessungen geben.

Auch im Neubau des neuen Kindergartens in Mellenbach-Glasbach (Stadt Schwarzatal) wird es in den unteren Etagen Radon222-Langzeitmessungen geben.

Foto: Henry Trefz / Funke

Mit der Ausweisung von Radon-Vorsorgegebieten und ihrer offiziellen Veröffentlichung im Staatsanzeiger sowie auf der Webseite des Thüringer Landesamtes für Umwelt, Bergbau und Naturschutz hat die Landesregierung ihre Pflicht erfüllt. Im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt sind außer Gräfenthal sowohl das Schwarzatal als auch Katzhütte als Vorsorgegebiete ausgewiesen. Wir haben bei der dortigen Verwaltung nachgefragt, was man darüber wissen muss.

Herr Ryschka, konnten Sie schon herausfinden, warum das Schwarzatal und Katzhütte einzeln aufgenommen sind? Ist es womöglich topografisch gemeint und das Masse- und das Katzetal, die auch zu Katzhütte gehören, wird so eingeschlossen? Und das Sorbitztal?

Das Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz hat die Ausweisung der Radonvorsorgegebiete auf der Grundlage der Gemeinden als Verwaltungseinheiten vorgenommen. Im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt ist das außer Gräfenthal und Katzhütte auch die Landgemeinde Stadt Schwarzatal. Sie ist als komplette Verwaltungseinheit formell als Radonvorsorgegebiet ausgewiesen worden. Das betrifft das gesamte Stadtgebiet in der aktuellen Verwaltungsstruktur. Also die Ortschaften Mellenbach-Glasbach, Meuselbach-Schwarzmühle und Oberweißbach mit Lichtenhain/Bergbahn. Es ist also nicht das gesamte Schwarzatal betroffen.

Wer die Veröffentlichungen dazu gelesen hat, weiß, dass es keine unverzüglichen Konsequenzen hat, sondern in erster Linie zukünftige Bauarbeiten betrifft. Können wir nochmal die Eckpunkte zusammenfassen?

In den Radonvorsorgegebieten ergeben sich Verpflichtungen für Verantwortliche für Arbeitsplätze und für Bauherren. Erstere müssen innerhalb von 18 Monaten nach Ausweisung der Gebiete an Arbeitsplätzen im Keller und im Erdgeschoss Messungen der über das Jahr gemittelten Radon-222-Aktivitätskonzentration vornehmen.

Beim Neubau von Gebäuden in Radonvorsorgegebieten müssen außerdem Bauherren bauliche Maßnahmen ergreifen, um das Eindringen von Radon in das Gebäude aus dem Baugrund zu verhindern oder erheblich zu erschweren. Details stehen im Parapgraph 154 der Strahlenschutzverordnung.

Diese 19 Gemeinden in Thüringen sind besonders durch Radioaktivität belastet

Sie und ich sind keine Geologen, unsere Leser auch nicht. Gibt es denn nicht auch eine natürliche Radioaktivität?

Grundsätzlich ist jeder Mensch auf der Erde auf natürliche Weise ionisierender Strahlung ausgesetzt. Radon-222 ist davon ein Bestandteil, es ist ein natürlich vorkommendes radioaktives Edelgas. Es ist farb-, geruch- und geschmacklos und entsteht im Untergrund durch den radioaktiven Zerfall von Uran-238 als gasförmiges Zwischenprodukt. Radon-222 hat eine Halbwertzeit von 3,8 Tagen und zerfällt weiter in feste - ebenfalls radioaktive - Zwischenprodukte der U-238 Zerfallsreihe. Manche Gesteinstypen bzw. geologische Formationen weisen einen erhöhten Gehalt an Uran-238 und bei entsprechender Durchlässigkeit des Bodens damit auch ein höheres Radonpotenzial auf...

Radon-222, so heißt also das Element, dessen Grenzwert unsere Aufmerksamkeit verlangt. Wie stellt man sich das praktisch vor? Manche älteren Männer kennen vielleicht noch die Dosimeter, die sie beim Wehrdienst in ihren Felddienstuniformen einst in den Achselhöhlen trugen?

Für Radon in Aufenthaltsräumen und an Arbeitsplätzen gilt ein Referenzwert von 300 Becquerel pro Kubikmeter Raumluft. Ein Referenzwert ist kein Grenzwert, sondern ein Referenzwert ist ein Wert zur Prüfung der Angemessenheit von Maßnahmen. Üblicherweise nutzt man zur Bestimmung der Radoninnenraum-Aktivitätskonzentration sogenannte integrierende Messungen mittels Exposimeter (passive Messgeräte – ähnlich einem Dosimeter). Diese sind nur wenige Zentimeter groß, werden in den Räumen ausgelegt und verbleiben dort üblicherweise zwölf Monate an den vorgegebenen Positionen. Danach werden die Daten von Spezialfirmen ausgewertet. Außerdem gibt es noch aktive elektronische Messgeräte, mit denen auch zeitaufgelöste meist kürzere Messungen möglich sind. Messungen an Arbeitsplätzen werden über ein Jahr gemittelt durchgeführt und dürfen nur über sogenannte „anerkannte Stellen“ nach § 155 StrlSchV vorgenommen werden, die beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) gelistet sind. Eine Messung, einschließlich Auswertung, kostet je nach Anbieter zur Zeit zwischen dreißig und fünfzig Euro.

Unsichtbare Strahlung löst ja auch Ängste aus. Die Regeln betreffen ja in erster Linie Arbeitsstätten. Was antworten Sie jenen, die sich öfter in ihrem vielleicht schon etwas älteren Eigenheim aufhalten und sich nun Sorgen machen?

Gewissheit über die Radonsituation innerhalb von Gebäuden in Radonvorsorgegebieten können nur konkrete Radonmessungen erbringen. Die einfachste Methode, um Radon in Innenräumen von Gebäuden zu reduzieren, ist das regelmäßige Lüften. Auch sollte geprüft werden, ob bei Bestandsgebäuden im Kellerbereich bzw. erdberührten Bauteilen offene Rohrdurchführungen oder Risse im Boden oder an Wänden mit Erdberührung vorhanden sind, die man abdichten könnte. Insbesondere bei undichtem Keller und undichter Kellertür wird hierdurch ein Nachströmen von Radon von unten in höhere Stockwerke verursacht.

Inwieweit ist ohnehin die Kommunalverwaltung in dieser Angelegenheit gefragt?

Die Kommunalverwaltung ist hier nur in der Pflicht, wenn sie selbst für Arbeitsplätze verantwortlich ist oder als Bauherr Gebäude neu errichten will. Damit unterscheidet sich die Gemeindeverwaltung nicht von anderen Verpflichteten.

Auch wenn die Vorschriften die Zukunft betreffen, es also einen Stichtag gibt - was würden Sie Eltern antworten, die wissen wollen, ob ihre Kinder im Erdgeschoss des neuen Kindergartens in Mellenbach-Glasbach sich ruhigen Gewissens aufhalten können oder Bademeister und Kioskbetreiber im Sitzendorfer Multifunktionsgebäude?

Sitzendorf befindet sich nicht im Radonvorsorgegebiet. Damit gibt es im Multifunktionsgebäude weder für Besucher noch für den Kioskbetreiber oder den Bademeister Probleme im Zusammenhang mit Radon.
Bei dem Kindergartengebäude in Mellenbach-Glasbach handelt es sich um ein Gebäude mit Arbeitsplätzen, also wird es im Erdgeschoss und im Keller Radonmessungen geben.’
So erhalten alle Gewissheit bezüglich etwaiger Radoneinträge am Arbeitsplatz. Im Übrigen ändert sich die Radonsituation ja nicht dadurch, dass es neue rechtliche Bestimmungen gibt. Durch die Messungen erhalten wir alle Klarheit über die konkrete Situation vor Ort. Wird der Referenzwert von 300 Bq/m³ erreicht, wird geprüft, wie da reduziert werden kann und dann umgesetzt

Die Allgemeinverfügung des Thüringer Landesamtes für Umwelt, Bergbau und Naturschutz mit Ausweisung der Gebiete nach § 121 Abs. 1 Satz 1 des Strahlenschutzgesetzes (StrlSchG) ist hier einzusehen:

https://tlubn.thueringen.de/fileadmin/umweltschutz/strahlenschutz/Allgemeinverfuegung_Radonvorsorgegebiete.pdf