Arbeitsmarkt im Kreis Saalfeld-Rudolstadt: „Das Geschäft ist anders geworden“

Saalfeld.  Thomas Spanier im Gespräch mit Jobcenter-Chef Uwe-Jens Kremlitschka über Arbeitslosigkeit, Fachkräftemangel und die Integration von Ausländern

Uwe-Jens Kremitschka, Geschäftsführer des Jobcenters Saalfeld-Rudolstadt, auf der Terrasse des Verwaltungsgebäudes in der Saalfelder Bahnhofstraße.

Uwe-Jens Kremitschka, Geschäftsführer des Jobcenters Saalfeld-Rudolstadt, auf der Terrasse des Verwaltungsgebäudes in der Saalfelder Bahnhofstraße.

Foto: Thomas Spanier / OTZ

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Mit dem Geschäftsführer des Jobcenters Saalfeld-Rudolstadt sprachen wir über Arbeitslosigkeit, Fachkräftemangel und die Integration von Ausländern.

Herr Kremlitschka, Sie pendeln seit 20 Jahren zwischen Ihrem Wohnort Jena und dem Arbeitsort Saalfeld. Können Sie sich noch an ihren ersten Tag erinnern?

Als wäre es gestern gewesen. Ich sollte 2000 für ein Vierteljahr als Geschäftsstellenleiter in die Arbeitsagentur nach Saalfeld. Daraus wurden 20 Jahre.

Es gibt genügend freie Stellen im Kreis Saalfeld-Rudolstadt – nur nicht für jeden Arbeitslosen die passende

Was hat sich in der Zeit geändert?

Der Arbeitsmarkt hat sich komplett gewandelt. Damals war die Zahl der Menschen ohne Job im Landkreis noch fünfstellig, vor allem viele Frauen standen ohne Arbeit da. Die Arbeitslosenquote lag bei fast 17 Prozent, unter den Frauen sogar bei über 19 Prozent. Heute sind noch 2700 Leute offiziell ohne Job, die Quote liegt bei fünf Prozent.

Nicht jeder Hartz-IV-Empfänger ist auch arbeitslos. Nimmt die Armut zu?

Das kann ich so nicht bestätigen. Wir hatten hier im Jobcenter in der Spitze 8700 Bedarfsgemeinschaften, die Arbeitslosengeld II bekommen haben. Jetzt sind wir bei 3150, so wenige wie noch nie. Das ist nebenbei bemerkt auch eine erhebliche Entlastung für den Steuerzahler. Die Kosten für Unterkunft und Heizung von Hartz-IV-Empfängern, die der Staat zahlt, lagen im vorigen Jahr im Kreis Saalfeld-Rudolstadt erstmals unter zwölf Millionen Euro. Insgesamt geben wir für Regelleistungen, Kosten der Unterkunft und Integration rund 33,5 Millionen Euro aus. Da hatten wir vor ein paar Jahren noch ganz andere Beträge.

Wo sind die Arbeitslosen von einst hin? Sie lösen sich ja nicht in Luft auf…

Ein Teil ist inzwischen natürlich in Rente und so aus Altersgründen aus der Statistik gefallen. Ein anderer Teil ist der Arbeit nachgezogen, vornehmlich in die alten Bundesländer. Es hat aber parallel auch bei uns einen Zuwachs an Stellen gegeben, die immer schwerer zu besetzen sind. Wir vermitteln Jahr für Jahr tausende Arbeitslose in Jobs. Das ist unser Kerngeschäft. Zum Jahresende 2019 gibt es im Landkreis rund 1300 offene Stellen.

Eine Zahl, die gern bezweifelt wird. Traue keiner Statistik…

…die du nicht selbst gefälscht hast. Ich kenne den Satz. Es mag ja sein, dass zwei verschiedene Zeitarbeitsfirmen mitunter ein und dieselbe Stelle anbieten. Im Grunde aber kann man sich jede einzelne Stelle bei uns im Internet ansehen. Es wird quasi alles gesucht, vom Arzt über den Facharbeiter bis zum Packer. Fakt ist: Wir haben genügend Stellen, nur nicht für jeden die erwünschte.

In der Behörde wurden Stellen abgebaut

Wenn sich die Zahl der Bewerber, die im Jobcenter ein- und ausgehen, so dramatisch nach unten entwickelt hat, gab es doch sicher auch einen Stellenabbau in der Behörde.

Durchaus. Wir waren mal über 150 Leute an zwei Standorten in Saalfeld und Rudolstadt. Jetzt sind wir bei unter 100 Vollzeitäquivalenten. Ich benutze das komplizierte Wort bewusst, denn etwa zwei Drittel der Beschäftigten bei uns arbeiten in Teilzeit. Der Stellenabbau erfolgte übrigens ohne Kündigungen.

Zwei Drittel weniger Bewerber bei einem Drittel weniger Stellen klingt trotzdem opulent…

Abgesehen davon, dass wir Dinge wie Telefonie oder Coaching jetzt selbst übernehmen, die wir früher extern vergeben hatten, ist das Geschäft ganz anders geworden. Wir haben viel komplexere Fälle, manchmal arbeiten drei Mitarbeiter mit einem Bewerber.

Weil?

Weil die Problemlagen vielfältig sind. Wer heute noch länger arbeitslos ist, hat meist über Jahre keine Erwerbsbiografie, ist körperlich und seelisch gehandicapt. Es heißt nicht umsonst, Arbeitslosigkeit macht krank. Oft spielen auch Sucht und Schulden eine Rolle. Da muss Stein für Stein aus dem Weg geräumt werden.

Ist Arbeitslosigkeit ein Problem der Städte?

Eindeutig ja. Ich schätze, dass 85 Prozent unserer Bewerber im Jobcenter aus dem Städtedreieck kommen. Das hat mit dem Wunsch nach Anonymität zu tun, auf dem Dorf kann man sich schlecht verstecken. Als Piesau und Lichte vor einem Jahr den Landkreis wechselten, gingen weniger als 25 Arbeitslose, aber jede Menge Industriearbeitsplätze.

Unternehmen, die gut bezahlen, haben kaum Fachkräftemangel

Niemand kennt den Arbeitsmarkt so gut wie Sie. Gibt es wirklich einen Fachkräftemangel?

Ich würde nicht von Mangel sprechen. Es gibt Bedarfe, im Pflegebereich beispielsweise erhebliche. Hier versucht die Agentur für Arbeit, gemeinsam mit den Verantwortlichen des Landkreises, möglichst Familien in die Region zu holen…Osteuropa ist ein Thema, auch Vietnam. Aber wer von Tschechien oder Polen über die Autobahn nach Deutschland kommt, der biegt nicht ausgerechnet in Triptis oder Blankenhain ab. Die Leute wissen ganz genau, wo wie bezahlt wird. Es gibt auch bei uns Unternehmen, die kein Problem mit fehlenden Fachkräften haben, weil sie gut bezahlen. Das sind aber noch zu wenige.

Was ist mit den potenziellen Fachkräften, die 2015 über die Balkanroute zu uns kamen?

Hier gilt, was ich schon damals gesagt habe: Erstens, wir brauchen einen langen Atem. Und zweitens, sie werden unser Fachkräfteproblem nicht lösen. Die Sprache ist zum Teil auch nach drei Jahren noch ein Vermittlungshemmnis. Trotzdem haben wir bis heute 163 Leute aus Flucht- und Asylländern in reguläre Beschäftigung gebracht. 90 Prozent von ihnen sind bei Zeitarbeitsfirmen angestellt, verdienen aber ihr eigenes Geld und fallen aus dem Leistungsbezug beim Staat. Wenn man sich nämlich erstmal daran gewöhnt hat, dass man 800 Euro fürs Nichtstun bekommt, wird es schwierig. Das gilt für Ausländer wie für Deutsche.

Wollen die Flüchtlinge überhaupt arbeiten?

Der Großteil der Leute, mit denen wir es zu tun haben, ist arbeitswillig. Es gibt aber nicht „die Flüchtlinge“. Das ist bei Syrern anders als bei Afghanen oder Eritreern, bei Männern anders als bei Frauen. Auch der Aufenthaltsstatus spielt eine Rolle. Das Entscheidende ist der Wille, sich in der deutschen Gesellschaft zu integrieren. Der ist beim überwiegenden Teil vorhanden. Wir versuchen, das zu fördern. Auf der anderen Seite mussten auch manche Unternehmen erst die Akzeptanz schaffen, dass Ausländer beschäftigt werden.

Ausländische Familien erhalten die gleichen Sozialleistungen wie deutsche Familien – „es gibt nur ein Sozialgesetzbuch“

Ist Ausbildung bei Flüchtlingen ein Thema?

Bisher leider kaum. Die meisten wollen schnell Geld verdienen, gehen lieber in die Fabrik, als in den Handwerksbetrieb. Ich denke aber, das wird sich in den nächsten Jahren ändern, wenn diejenigen, die jetzt unsere Schulen besuchen und die Strukturen kennen lernen, in das Ausbildungsalter kommen. Wir staunen da manches Mal, was für selbstbewusste junge Frauen da heranwachsen, die sich von ihren Traditionen trennen, ehrgeizig sind und in kurzer Zeit viel schaffen.

In sozialen Netzwerken kursieren Leistungsbescheide der Jobcenter für ausländische Großfamilien mit horrenden Beträgen. Gibt es so etwas bei uns auch?

Was heißt horrende Beträge? Es gibt auch bei uns einige Familien mit mehreren Kindern. Zwei Erwachsene mit Regelbedarf a 400 Euro plus sechs Kinder a 250 Euro plus eine Wohnung für acht Personen – da kommt schon was zusammen. Das bekommen deutsche Familien in derselben Lage aber auch. Es gibt nur ein Sozialgesetzbuch, das für alle gilt.

Zum Schluss noch der Blick auf 2020. Nach drei guten Jahren hintereinander: Wie geht es mit dem Arbeitsmarkt weiter?

Es gibt aktuell keine Anzeichen für eine Eintrübung. Die Industrie als das Rückgrat des Landkreises macht einen stabilen Eindruck. Wenn ich aber nach Jena gucke, was dort gerade an neuen Arbeitsplätzen entsteht, wird man sich etwas einfallen lassen müssen, um gut ausgebildete Leute hier zu halten. Der Wettbewerb um die besten Köpfe wird zunehmen.

Zur Person:

Uwe-Jens Kremlitschka ist 1962 in Jena geboren, wo er auch aufwächst. Nach der Schulzeit studiert er an der Ingenieurschule für Lebensmittelindustrie im sächsischen Dippoldiswalde und arbeitet nach dem Abschluss bis 1990 als Braumeister in der Jenaer Brauerei.

Ende 1990 beginnt er als Sachbearbeiter für Reha und Schwerbehinderte im Arbeitsamt Jena, wird anschließend Vermittler und Arbeitsberater, ehe er im Jahr 2000 als Geschäftsstellenleiter der Agentur für Arbeit nach Saalfeld geht. Seit 2005 ist er Geschäftsführer des Jobcenters Saalfeld-Rudolstadt.

Kremlitschka ist verheiratet, Vater von vier Kindern und zweifacher Großvater. Er lebt in Jena.

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