Bitte nie Friede, Freude, Eierkuchen im Advent!

Saalfeld.  Musiklehrer Jürgen Franke leitet am Mittwochabend das Adventskonzert des Saalfelder Böll-Gymnasiums - wahrscheinlich zum letzten Mal.

Musiklehrer Jürgen Franke vom Böll-Gymnasium dirigiert am Mittwochabend im Saalfelder Klostersaal ab 19 Uhr sein letztes Adventskonzert. 

Musiklehrer Jürgen Franke vom Böll-Gymnasium dirigiert am Mittwochabend im Saalfelder Klostersaal ab 19 Uhr sein letztes Adventskonzert. 

Foto: Guido Berg / OTZ

Das ist ‘ne Frage! Wertevermittlung!? Na klar hat er auch Wertevermittlung gemacht! Auch nach 1990, als vielen Ostlehrern vorgeworfen wurde, dass sie im DDR-Sozialismus die falschen Werte vermittelt hätten. Natürlich hat er sich nicht zurückgezogen damals, im Gegenteil. Jürgen Frankes Blutdruck steigt, seine Leidenschaft ist geweckt.

Wertevermittlung!? Wer, wenn nicht er? Er, der bis zum 5. Juli dieses Jahres, seinem letzten Arbeitstag, über Jahrzehnte Musiklehrer am Heinrich-Böll-Gymnasium war. Beliebt, bekannt und beneidet wie kaum ein anderer Lehrer in Saalfeld. Nun steht er vor einem weiteren Abschied: Am morgigen Mittwoch dirigiert er zum letzten Mal das Adventskonzert des Böll-Gymnasiums im Klostersaal des Stadtmuseums. 180 Sänger, Instrumentalisten und Tänzer treten auf. Die 384 Plätze werden alle besetzt sein, weiß Franke. Und ja, Wertevermittlung werde es auch geben. Er fordert: „Bitte nie Friede, Freude, Eierkuchen im Advent!“ Der „weltumspannende Friedensgedanke“ ist „bis heute Utopie“.

Sie wurden zwar „durchleuchtet“ nach 1990 - das Wort „Evaluierung“ kannten sie erst gar nicht - doch, betont er: „Wir hatten alle Narren-Freiheit“. Das Erziehungsziel sei nie der Angepasste gewesen. Oder der Wegducker. „Unangepasste Freidenker“ sollen aus den Mädchen und Jungen werden. Junge Menschen sollen aus ihnen werden, „die eine Haltung zeigen“. Denn: „Aus Erkenntnissen wachsen Bekenntnisse!“ Jürgen Franke kann Sätze sagen, die es vertragen, in Marmor gemeißelt zu werden.

„Weihnachten ist der Glaube an eine radikale Alternative“

Aber immer mit Musik! Er macht Wertevermittlung mit Musik, „denn da ist alles drin!“ Franke springt auf. Im Musiksaal des Heinrich-Böll-Gymnasiums steht ein „Steinway & Sons“, ein Flügel, auf dessen Tasten Franke Louis Armstrongs „What a Wonderful World“ intoniert: „Ich sehe grüne Bäume, auch rote Rosen. Ich sehe sie blühen für mich und dich, und ich denke mir: Was für eine wundervolle Welt.“ Natürlich ist da alles drin. Bewunderung von Natur und Einfachheit, Liebe, Humanismus.

Oder das hier. Franke spielt Holger Bieges „Reichtum der Welt“: „Die Luft, die uns erst leben lässt, hüllt den Erdball ein. Soll für alle, die nach uns kommen, sie schon vergiftet sein?“ - „Da hast Du den Umwelt-Gedanken“, ruft Franke wie zum Beweis. Auch „Another Day in Paradise“ von Phil Collins spielt er, einen Song, der Obdachlosigkeit kritisiert.

Der „Rausschmeißer“ beim Adventskonzert werde der „Tanz der Vampire“ sein, kündigt Franke an. Das ist wenig besinnlich und lässt an Bertold Brechts „Glotzt nicht so romantisch“ denken. Franke erklärt seine Apathie gegen Friede, Freude, Eierkuchen so: „Weihnachten ist der Glaube an eine radikale Alternative.“ Franke glaubt an Lieder, die verstören, die wider den Zeitgeist sind, denn „nur, wenn sie verstören, haben sie Erfolg“.

Es kommt nicht darauf an, wie hoch die Rente ist

Schwer vorstellbar, dass sich Franke mit seinen 61 Jahren aus der musikalischen Wertevermittlung zurück zieht. So wie er dafür brennt? Franke ist nicht ganz gesund. Ausschlaggebend für seine Rückzugsentscheidung war ein befreundeter Handwerker, der ihm sagte: „Du, Jürgen, es kommt nicht darauf an, wie hoch die Rente ist. Sondern wie oft du sie bekommst.“ Er selbst sagt: „Der Friedhof ist voll mit Leuten, die sich für unersetzbar halten.“ Das allerletzte Lied am Mittwochabend, es steht nicht im Programmheft, wird eine Eichendorf-Vertonung sein: „O Trost der Welt, du stille Nacht! Der Tag hat mich so müd’ gemacht...“ Es endet ganz leise, dieses Adventskonzert. Franke: „Stille ist auch Musik.“

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