Corona stürzt Museum Reitzengeschwenda ins Besuchertief

Reitzengeschwenda  Nur 600 zahlende Gäste wurden 2020 im Volkskundemuseum in Reitzengeschwenda gezählt. Eine Umstrukturierung soll Besserung einleiten.

Der 82-jährige Hermann Hirschfeld hat mit seiner Frau einst das Museum von Reitzengeschwenda gegründet und war dessen erster Leiter.

Der 82-jährige Hermann Hirschfeld hat mit seiner Frau einst das Museum von Reitzengeschwenda gegründet und war dessen erster Leiter.

Foto: Wolfgang Schombierski / Archivbild

Nach einem leichten Zwischenhoch im Jahr 2019 haben die wegen der Corona-Pandemie verordneten Schließungszeiten und Einschränkungen zu einem tiefen Absturz der Besucherzahlen im Volkskundemuseum von Reitzengeschwenda geführt.

Laut Aufstellung des Jenaer Volkskunde-Wissenschaftlers Wolfgang Vogel, der ein Konzept für die zukünftige Entwicklung des Hauses ausgearbeitet hat, fanden im vorigen Jahr lediglich knapp 600 zahlende Gäste den Weg in das von der Gemeinde Drognitz getragene Museum. Im Vorjahr hatte man noch rund 1000 Besucher gezählt, wobei allerdings der kostenfreie Eintritt während des dreitägigen Museumsfestes zum 50-jährigen Bestehen des Hauses eine Rolle gespielt haben dürfte.

Während 2006 und 2007 noch jeweils zwischen drei- und viertausend Besucher im Museum waren, waren die Zahlen später merklich zurückgegangen und hatten ab 2017 nur noch zwischen 500 und 600 gelegen.

Da es bislang keine wirkliche Besucherforschung gibt, können nur grobe Einschätzungen durch den Museumsleiter sowie anhand von Gästebuch und Bewertungen auf Internet-Suchseiten vorgenommen werden. Demnach finden sich hauptsächlich Menschen über 40 Jahre im Museum ein, und es handelt sich weniger um Gruppen oder Familien, sondern mehr um Einzelpersonen und Paare. Das Feedback der Gäste sei größtenteils sehr wohlwollend und das Museum werde explizit weiterempfohlen.

Wandel zu Regionalmuseum für Stausee-Gegend

Gleichwohl hatte die Einrichtung, die vom Land mit 21.500 Euro pro Saison gefördert wird, in den letzten Jahren die Kasse der notorisch finanzschwachen Gemeinde mit Defiziten um rund 7500 bis über 9000 Euro belastet. Das vom Gemeinderat verabschiedete Konzept sieht deshalb eine Umstrukturierung hin zu einem Regionalmuseum für die Gegend um den Hohenwarte-Stausee mit den Schwerpunkten Ortsgeschichte von Reitzengeschwenda, bäuerliches Leben und Arbeiten, Landwirtschaft und Natur sowie mit dem Technischen Denkmal des historischen Sägewerk vor, das in einem benachbarten Gebäude untergebracht ist.

Neben der bisher fehlenden wissenschaftlichen Dokumentation soll in diesem Jahr auch ein erstes eigenes Forschungsprojekt begonnen und dazu Interviews mit den letzten zwei noch lebenden Arbeitern der einstigen Sägemühle geführt werden. „Es ist uns ein Anliegen, dieses Zeugnis zu erhalten, um deren Stimmen und Erfahrungen dann auch in der Ausstellung zu thematisieren“, heißt es im Konzept.

Denkbar sei auch eine Zusammenarbeit mit dem Berliner Rohnstock-Verlag, dessen Projekt „Handwerk erzählt“ vom Bund gefördert wird und bereits mit Zeitzeugen-Gesprächen etwa in Lehesten in der Region verankert sei.

Vor-Ort-Seminar mit Jenaer Studenten geplant

Ferner ist angedacht, im Sommersemester 2021 ein Projektseminar in Kooperation mit
dem Seminar für Volkskunde/Kulturgeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität
Jena und dem Museumsverband Thüringen zu konzipieren, um die Gestaltung eines eigenen Raumes zur Ortsgeschichte von Reitzengeschwenda in Angriff zu nehmen.

Derlei Kooperationen hätten sich in den letzten Jahren andernorts als sehr fruchtbar erwiesen. Die Studierenden würden dadurch die Möglichkeit bekommen, museumspraktisch und mit vielen Freiheiten eine Dauerausstellung neu zu konzipieren, während das Museum von der fachkundigen Arbeitsleistung profitiere.

Gelungene Beispiele seien die Aufarbeitung der Gefängniszelle im Camburger Stadtmuseum 2018 oder die museale Neugestaltung der Kompressorenhalle im Schieferbruch Lehesten 2019,
die beide mit Vogel als Seminarleiter, den Master-Studierenden und den Akteuren vor Ort realisiert wurden.

Die Gespräche zur Umsetzung eines solchen Projektes wurden noch Ende des vorigen Jahres begonnen. Mitte 2021 sollen die konkreten Planungen dann vorliegen.