Der Landreporter unterwegs in Köditz

Köditz.  Die Gebrüder Paris, das Porzellan und die Postadressen: Der Landreporter schaut sich um in Köditz.

Ortsansicht von Oberköditz, von Unterköditz aus gesehen.

Ortsansicht von Oberköditz, von Unterköditz aus gesehen.

Foto: Foto: Henry Trefz

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Man könnte zunächst mal generell die Einfallsarmut der Ortsnamenvergeber rügen. Nicht nur Milbitz gibt es doppelt im Landkreis, auch Köditz. Und wenn man kurz nach der Wende Kontakt mit dem gleichnamigen Ort bei Hof in Franken aufgenommen hat und beim ersten Treffen in der heute längst geschlossenen Gaststätte „Kaiser Günther“ sich die Beine in den Bauch wartet, kann es daran liegen, dass die Wessis derweil durch das Köditz bei Saalfeld irren.

Oder man könnte sich wundern, dass Oberköditz, etwas weiter rinneaufwärts gen Königsee und Unterköditz, etwas weiter unten ab Abzweig gen Allendorf sich seit 1994 einen Ortsbürgermeister teilen. Der heißt seit diesem Jahr wieder Hans-Steffen Herbst.

Wieder? Ja, denn 1990 hatten ihn die Köditzer schon einmal, damals noch zum hauptamtlichen Bürgermeister gewählt, dann aber auf ihn verzichten müssen, weil zur gleichen Zeit ein stellvertretender Landrat in Rudolstadt gesucht und für eine Dekade auch gefunden wurde. Nun hat der Ruheständler wieder etwas Muße für das Amt und braucht noch nicht einmal offizielle Sprechzeiten. „Die Leute wissen ja, wo ich wohne.“ Zum Reden mit dem Landreporter ist er aber zusammen mit Gert Hertel, der – nicht nur, aber auch – für die Köditzer im Stadtrat sitzt, auf den Parkplatz unterhalb des Vereinshauses in Unterköditz gekommen.

Beide Gedenksteine für die Gefallenen der Weltkriege wieder restauriert

Ein schönes Beispiel für den Gemeinsinn der Köditzer ist das unscheinbare graue Gemäuer am Hang, denn es wurde als Kindergarten einst – wie so viele Sozialgebäude im Osten – von den Köditzern mit eigener Hand errichtet. An solchen Eigenleistungen hängt der Mensch im Allgemeinen und der Köditzer im Besonderen, deswegen hat die schwindende Geburtenzahl ab 1994 zwar nicht mehr für einen eigenen Kindergarten gereicht, allerdings blieb der Flachbau wenigstens als sozialer Treffpunkt erhalten und in Zeit reichlicher Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) auch als solcher darüber betrieben. Heute beherbergt der Bau den Jugendclub, der sich selbst verwaltet (und sich gerade mehrheitlich aus Königseern zusammensetzt), er ist Sitz der Köditzer Löschgruppe der Feuerwehr und zugleich einziges öffentlichen Gebäude in Köditz, was sich bei Wahlen als nötiges Minimum erweist.

Vom Parkplatz gleich darunter fällt der Blick nicht nur auf die Bushaltestelle nebenan, wo die Linie vom Städtedreieck nach Ilmenau dafür sorgt, dass auch in Köditz jeder Stunde der Bus hält. Auf der anderen Seite liegt in der tief stehenden Sonne ein Gebäude, das sich erst bei längerem Hinsehen als ein Gotteshaus erweist. Nicht im engeren Sinne eine Kirche, sondern das Albert-Schweitzer-Gemeindehaus, aber mit seinem besonderen Baujahr 1986 eine Art Nebenprodukt der Verhandlungen von DDR-Staat und Kirche beim Bau des Palastes der Republik in Berlin, der die Sanierung des Berliner Domes erzwang und so im Austausch Geld für den absolut seltenen Kirchenbau in der DDR locker machte.

Er ist spätestens seit einigen Wochen, als sich Kirchgemeinde und um die 300 Köditzer zu einem gemeinsam veranstalteten Weihnachtsmarkt neben dem Gemeindehaus trafen, auch ein Symbol des weiteren Zusammenwachsens von Ober- und Unterköditzern. Nächster Höhepunkt ist im März eine Lesung mit der Schriftstellerin Freya Klier über ihre Erinnerung an die letzten Kinder Ostpreußens.

Im früheren Zeiten wohnten unten die Bauern im ländlich geprägten Unterköditz und oben die Porzellanarbeiter, denn die Gebrüder Paris prägten mit ihrer Porzellanfabrik, die fast zeitgleich mit der Wende auch als Immobilie unterging, ein Jahrhundert lang das kleine Dorf.

In dem finden sich vielleicht die Einheimischen und alteingesessene Postboten zurecht, doch unerfahrene Paketboten verzweifeln regelmäßig: Hausnummern gab es in Köditz nämlich oft nach Baudatum und selten nach Straßenlage. Im Bürgermeisterauto ist der Rundkurs aber kein Problem, der zunächst am früheren Rittergut vorbei, wo jetzt eine Landschaftsbaufirma ihren Sitz hat, an das alte Schulgebäude führt, jenem Bau, der vor der Wende als das schlechteste POS-Schulgebäude im Kreis Rudolstadt bis auf den Schreibtisch von Margot Honecker berüchtigt war und nach der Wende als ein wichtiges Argument für den hart erkämpften Schulgebäude-Neubau in Königsee diente.

Die bauliche Hülle ist längst saniert und eine Gewerbeimmobilie. Überbaut ist auch das Gleisbett jener Bahn, die einst bis nach Königsee ging und nun nur noch für Eingeweihte sichtbar ist. Dafür haben Heimatfreunde zuletzt beide Gedenksteine für die Gefallenen der Weltkriege wieder restauriert. Und der Teich, der ungefähr den Platz der früheren Porzellanfabrik markiert, ist heute das, was andere Orte als den dörflichen Treffpunkt am Brunnen hatten.

Auf dem Gelände gibt es eine Pumpe und mit der Wandererbank ist so auch ein beliebter Treffpunkt zwischen der Stadt und den Dörfern rinneabwärts entstanden. Von hier fällt auch der Blick auf die Villa Paris, die einst den Fabrikanten einen standesgemäßen Sitz bot und das Stück für Stück zu einem restaurierten Wohn- und Geschäftshaus heranwächst.

Und nicht wirklich in Köditz ist gewesen, wer einen Besuch im Gasthaus „Zur alten Schule” verpasst hat. Gastwirtin Stefanie Herbst hat das 1907 erbaute und bis 1995 als Schule genutzte Gebäude, in dem einst auch schon Ortsoffizielle residierten, nicht nur übernommen und den Erbauungszweck an das Schild überm Eingang geschrieben, sondern gastronomische und pädagogische Zwecke liebevoll miteinander verknüpft. Ein kleines Tagungszimmer ist das zugleich auch eine Bibliothek. Im Gastraum wecken alte Erklärungsplakate nostalgische Gefühle. Weil die Köditzer lieber anlassbezogen als einfach mal so ausgehen, hat sich die Wirtin inzwischen auf Öffnungszeiten nach Bedarf spezialisiert, ist nur sonntags noch ohne Vorbestellung, sonst aber gern nach Vorbestellung für Gäste jeder Zahl da.

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