Der Landreporter unterwegs: Zu Besuch im Doppeldorf Lositz-Jehmichen

Lositz-Jehmichen  Der Landreporter im Doppeldorf Lositz-Jehmichen: Über eine besondere Art, seinen Kaffee zu trinken und über „Leben und leben lassen“

Jehmichen mit seinem Dorfteich ist von schlichter Schönheit. Der Bus in die Stadt hält nur einmal in der Woche hier. „Die älteren Leute kommen nicht klar; wir sind von der Stadt abgeschnitten“, sagt ein Einwohner.

Jehmichen mit seinem Dorfteich ist von schlichter Schönheit. Der Bus in die Stadt hält nur einmal in der Woche hier. „Die älteren Leute kommen nicht klar; wir sind von der Stadt abgeschnitten“, sagt ein Einwohner.

Foto: Guido Berg

An einem Ort, den sie „Brunkel“ nennen, hat’s einen Kirschbaum umgehaun. Auf der Saalfelder Höhe, Hunderte Meter überm Niveau Saalfeld, pfeift der Wind kräftig. Und wenn der Boden brunkelig ist, feucht also, dann haben die Wurzeln wenig Halt, um sich der Kraft des Herbstwindes zu erwehren.

Da kommt ein Abzweig mit dem Schild „Frei bis Lositz-Jehmichen“, und nach ein paar Kilometern folgt die Weggabelung, die zur Entscheidung zwingt. Rechts nach Jehmichen oder links nach Lositz? Also los, zuerst nach Lositz!

Anno 1410 urkundlich erstmals erwähnt, ist das Dorf mit hoher Wahrscheinlichkeit viel älter. Dorit Gropp, eine Sächsin aus Chemnitz, die seit drei Jahrzehnten in Lositz wohnt, öffnet dem Landreporter gern die Tür zu ihrem Haus. Wohl schon im 11. Jahrhundert lebten Slawen hier oben, „auf einer Hochmulde zwischen vier Bergkuppen“, wie es auf einer Landeskunde des Herzogtums Sachsen-Meiningen aus dem Jahr 1853 heißt. Hier oben, wo das Wetter rau und der Boden karg ist, wissen sie sich zu helfen. Wenn‘s kratzt im Hals, „nehmen Sie doch einen Löffel Honig in den Kaffee“, bietet Dorit Gropp an. Ja, Honig in den Kaffee. Wunderbar!

Die große Zeit des Aufbruchs begann in Lositz in den Jahren nach dem Sieg über Napoleon und dem Wiener Kongress. Das Haus von Dorit Gropp und ihrem Mann, gekauft zu einer Zeit, „als noch niemand ein Haus mit Plumpsklo kaufen wollte“, wurde 1822 gebaut. So steht es auf dem Kamin im Wohnzimmer. 1822 stand die Scheune schon das zehnte Jahr, denn die Waldbauern dachten immer zuerst an die Tiere, von denen sie lebten.

Auch das Wohnzimmer war früher Kuhstall, die Betten der Bauern standen auf dem Dachboden. Ein Wohnzimmer brauchten sie nicht, den sie wohnten nicht, sie arbeiteten oder sie schliefen. Etwas von der alten Zeit erfuhr Dorit Gropp noch von der 1919 geborenen Bäuerin, die anfangs noch einige Jahre mit im Haus lebte.

Beim Heu machen auf den Bergwiesen zum Beispiel, da hieß es um vier Uhr morgens raus, mit Wasserflasche am Gürtel und Rechen auf dem Ast, schließlich musste „das Heu auf dem Rechen dürre werden“, wie die alte Lositzerin wusste. Tagsüber wurde das geschnittene Gras mehrmals gewendet, am Besten in der Mittagshitze, und abends zu kleinen Schobern aufgetürmt, so, das des Nachts der Wind hineinfahren kann, der Tau des Morgens aber außen vor bleibt. Mit der ersten Sonne wurde das Heu wieder verteilt auf der Wiese und wieder gewendet und gewendet und gewendet ...

Das Ganze drei Tage lang, bis es auf hoch aufgetürmten Heufuhren per Pferdewagen in die Scheunen gefahren werden konnte. Dieses Waldwiesenheu war trocken, aber noch von grüner Farbe, keine Spur von Grau oder Braun. Es roch herrlich, natürlich faulte es nicht in der Scheune und entzündete diese auch nicht, denn ohne Fäulnis auch keine Fäulniswärme.

Zuzügler sind gut für die Bluterfrischung

Dorit Gropp berichtet vom Leben im Dorf, das sich so zusammenfassen lasse: „Leben und leben lassen“. Wenn der Eine Hilfe braucht, „ist der Andere da“. Es kam schon vor, dass da ein Zuzügler Geld wollte, wenn die Tiere des Nachbarn auf seiner Wiese grasten. Dorit Gropp tippt mit dem Finger an die Stirn. Generell gelte für die Lositzer: „Sie streiten sich, sie vertragen sich.“ Zuzügler seien in Lositz ganz normal und von jeher gern gesehen, schon wegen der „Bluterfrischung“. Ganz pragmatisch holten die Bauern ihre Frauen aus den Nachbardörfern, auch nach 1945 „sind ein paar Frauen hier hängen geblieben“.

Zum Ende der DDR-Zeit standen schon mal 15 Schüler morgens am Schulbus, „dann ging‘s bergab“. Ihre 1992 geborene Tochter stand „einige Jahre allein am Schulbus“, erzählt Dorit Gropp. Und so sieht es heute aus: Auf der Schulbus warten derzeit in der Regel vier Kinder und ein Jugendlicher – immerhin 13 Prozent der Einwohnerzahl.

46 Lositzer gibt es momentan; 1853 waren es 79 und 1997 genau 77. Für Dorit Gropp sind die Kinder am Schulbus ein Zeichen dafür: „Lositz lebt!“

Wir gehen zur Kirche hinüber. Dorit Gropp erzählt, wie sie und ihr Mann zum Glauben gefunden haben. Sicher war das für die Karl-Marx-Städterin, an der Humboldt-Uni zur Dolmetscherin für Japanisch und Englisch ausgebildet, nicht der vorgezeichnete Weg. Doch es kam so und es scheint gut so. „Wir sind Christen“, sagt sie froh. Daher sorgt sie auch für die kleine Kirche, die 1796 nach einem Brand wieder aufgebaut wurde.

„Ohne Gottes Segen gibt es kein Gedeihen“, hatte die alte Bäuerin gesagt. Früher hatte jeder Hof in Lositz seine eigene Kirchenbank und sonntags, „wenn Kirche ist“, musste jede Bank besetzt sein „und wenn’s durch die Magd war“. Die Ursprünge der Kirche gehen auf das 13. Jahrhundert zurück. An der Wand hinter dem Altar ist ein frühgotisches Fresco freigelegt worden. Es zeigt Jesus als König.

Es wird Zeit für Jehmichen. Dorit Gropp – „leben und leben lassen“ – gibt ihren Regenschirm mit. „Legen Sie ihn später einfach in die Veranda.“ Der Regen, der soeben noch in den gewaltigen Dorfteich platschte, lässt nach. Das veranlasst einen Jehmenichener, der seinen Namen „aus Gründen des Datenschutzes“ nicht sagen will, sich seinen Handwagen zu schnappen und mal rüber zu gehen „zur Helga“.

Die hat ein Paket angenommen für den Mann, denn das machen sie so „auf den Dörfern“, dass sie einander helfen. Auch das gehöre für ihn dazu, das Bellen der Hunde auf den Höfen und überhaupt: Tiere! Die müssen einfach sein. Er hat „alles an Kleinvieh“ – Hasen, Ziegen, Hühner, Schafe. Ohne die Tiere kann er sich, der in der Saalfelder Stadtverwaltung arbeitet, sein Landleben nicht vorstellen. Aber auch das sagt er: „Die älteren Leute kommen nicht klar; wir sind von der Stadt abgeschnitten“. Heute fahre nur noch der Schulbus.

Der Bus, der die Leute früher täglich acht Uhr rein und 12 Uhr heim gefahren hat, fahre nun nur noch dienstags. Sein Kommentar, in der Tendenz recht eindeutig: „Das ist ein bisschen beschissen!“ – Es heißt, wer Jehmichen kennen lernen will, muss auch Leo Leipold treffen. Der aber ist nicht da, er hilft einem Freund in Gotha.

Am Telefon erklärt er, dessen Gasthaus über lange Zeit die Adresse im Ort war, er sei jetzt Rentner. Er öffne sein Gasthaus nur noch auf Anfrage. Jehmichen aber bleibe seine Liebe, es sei für ihn „der ideale Ort“ zum Leben.

Tatsächlich ist der Ort von einer schlichten Schönheit, die sich der Worte entzieht. Der Landreporter zieht weiter. Er gibt noch den Regenschirm ab und behält Lositz-Jehmichen im Herzen. Und auch die Idee, seinen Kaffee gelegentlich mit Honig zu trinken.

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