Der Oberweißbacher Heinz Langbein blickt auf fast ein halbes Jahrhundert Geflügelzucht zurück – und sucht händeringend Nachfolger

Oberweißbach  Keine hundert Meter sind es vom Parkplatz an der Regelschule den Schulsteig hinauf, dort wo Heinz Langbein nicht nur ein Vierteljahrhundert als Steinmetz seinem Handwerk nachging, sondern auch sein Hobby schon von weitem unüberhörbar ist: Der Hahn ruft nämlich eher als der Hausherr nach dem Gast.

Der Oberweißbacher Heinz Langbein (auf einigen Fotos mit seiner Frau) hat sein Leben der Geflügelzucht verschrieben. Mit 82 Jahren findet er leider keinen Nachfolger für sein Hobby.

Der Oberweißbacher Heinz Langbein (auf einigen Fotos mit seiner Frau) hat sein Leben der Geflügelzucht verschrieben. Mit 82 Jahren findet er leider keinen Nachfolger für sein Hobby.

Foto: Henry Trefz

Diejenigen, die den vor wenigen Tagen 82 Jahre alt Gewordenen nicht unter seinem Spitznamen Heini kennen, kann man in Oberweißbach womöglich an einer Hand abzählen. Doch auch weit darüber hinaus hat der Name einen guten Klang, immerhin hat der dem Kreisverband Rennsteig der Rassegeflügelzüchter seinen Stempel aufgedrückt.

Keiner weiß, ob das alles so stattgefunden hätte, wäre nicht der kleine Junge mit dem als Steinmetz arbeitenden Großvater, der Vater fehlte als im Kreis Vermisster als Bezugsperson, im ersten Jahrzehnt seines Lebens, viel draußen unterwegs gewesen, hätte nicht die Liebe zur Natur ebenso in sich aufgenommen wie die zu den Steinen. Aus ersterem wurde ihm bald das Federvieh im Stall daheim vertraut, aus letzteren machte er nach der Schulzeit seinen Beruf, lernte in Bad Blankenburg das Steinmetzhandwerk und wäre beinahe in einer Baubrigade in Neuhaus versauert, hätte er nicht eine Chance ergriffen, die ihn wieder zu Meister Merbold nach Bad Blankenburg zurück führte, darauf sollte 24 Jahre werden.

Viel Freizeit blieb nicht für den jungen Mann, doch eines Tages im Jahr 1970 schaute Walter Großmann von den hiesigen Geflügelzüchtern übern Gartenzaun, als Heini sich gerade aus Allendorf ein paar Küken besorgt hatte und überredete ihn zum Mittun im Verein. Bald wurde er Mitglied, 1973 Vorsitzender und hat seitdem dem Rassegeflügelzuchtverein Oberweißbach, der sein 120. Jubiläum feierte, so viele Jahrzehnte vorgestanden, wie kein anderer.

Seine Augen leuchten, wenn er von den goldenen 70ern erzählt: „Damals war es wirklich am schönsten!” Er erinnert sich an langjährige Weggefährten wie Willy Schönheit, Edison Weiß, Herrmann Böhm-Caspar und Eberhardt Kirchner. Natürlich nicht nur, aber hauptsächlich mit ihnen hat er ungezählte Geflügelschauen organisiert und in vielen verschiedenen Orten präsentiert.

Und obwohl es in kaum einem Hobby so viel Öffentlichkeitsarbeit gibt, wie bei den Kleintierzüchtern, bleibt das Bemühen um Nachwuchs immer öfter erfolglos. Heinz Langbein kennt das Schicksal der Kaninchenzüchter im Städtchen, die schon vor fünf die Segel streichen mussten und stemmt sich mit aller Kraft dagegen. Die eigene wird derweil – nicht unerwartet - mit der Zeit schwächer.

Ohne Umschweife erzählt der Oberweißbacher, wie ihn wenige Tage, nachdem er sich mit der Wende als Steinmetzmeister selbstständig gemacht hatte und mit 20.000 Mark Ersparnissen in Kronach an der gleichen Stelle Grabsteinplatten bestellte, wo dies einst sein Großvater tat, plötzlich einen Herzinfarkt erlitt, gerade, als er eine Riesenladung Beton breitzuziehen hatte. Oder er plötzlich aus heiterem Himmel mit einer Gelbsucht wochenlang ans Krankenbett gefesselt war. Von der Vereinsarbeit in Oberweißbach und im Kreisverband hat ihn das ebenso wenig abgehalten wie von der hingebungsvollen Zucht seiner Zwerg-New Hampshires und den porzellanfarbigen Federfüßchen. Für sie macht er Weichfutter, wann immer es geht, kocht also Gemüse und macht daraus Mus, reichert es mit Gerste oder getrockneten Brennnesseln an.

„Ich habe in meinem Leben noch nie ein gekauftes Ei gegessen“, sagt er nicht ohne Stolz. Er und seine Familie selbst allerdings können nicht alle Eier essen, die seine Hühner legen, auch wenn es deutlich kleinere sind. 150 Eier legt eine gute Henne in ihren besten Jahren, eine Hand voll Kunden kommt regelmäßig und fühlt mit dem Salär die Futterkasse.

In einem aber muss Heini trotz redlichen Bemühens kapitulieren: Auch er hat keinen Nachfolger für seine Zucht begeistern können. Immerhin: Im Kreisverband Rennsteig hat Steven Schwarz vor einigen Jahren sein Amt übernommen, im heimischen Verein will sich bisher kein Nachfolger finden, er hofft weiter auf seinen Stellvertreter Uwe Büttner. Und auch die eigenen Kinder und Enkel haben nach einigen Versuchen, selbst dieses Hobby auszuüben, den Elan vermissen lassen, den Heinz Langbein voraussetzt: „Mit Tieren gibt es keine Lässigkeiten!“, setzt er selbst die Messlatte hoch. Und kann so eben wie neulich erst dann in den Urlaub fahren, wenn er jemanden gefunden hat, der seine Tiere füttert. Der Nachbar hat abgewunken, eine seiner Eierkundinnen war schließlich so nett.

Doch er macht sich nichts vor: nach ihm kommt wohl niemand mehr. Er hat es mit Aushängen bei Fachpublikum in Meura und auch in Dörnfeld an der Heide probiert – erfolglos. Bei meinem Großvater waren Hühner als „Eierscheißer“, wie es Heini ausdrückt, noch allfällige Nahrungslieferanten, heute macht es der Supermarkt bequemer. Und so schwindet hier wie andernorts mit dem langsamen Aussterben der Züchter auch ein Stück immaterielles Kulturerbe dahin.

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