Saalfelder Literaturgeschichte

Einen Weg für Thomas Bernhard

Saalfeld.  Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard lebte als Schüler in einem Saalfelder NS-Heim. Es war für ihn eine traumatische Zeit.

Das Steigerheim in Saalfeld, in dem der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard (1931-1989) als Schüler untergebracht war. Heute erinnern eine Plakette und die "Thomas-Bernhard-Bänke" an den Autoren von Weltrang.

Das Steigerheim in Saalfeld, in dem der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard (1931-1989) als Schüler untergebracht war. Heute erinnern eine Plakette und die "Thomas-Bernhard-Bänke" an den Autoren von Weltrang.

Foto: Guido Berg / OTZ

Für die Germanistin Annelie Morneweg steht außer Frage, dass die Stadt Saalfeld mit dem Schriftsteller Thomas Bernhard (1931-1989) mehr anfangen könnte, als ihm nur eine Plakette am Steigerheim zu widmen. „Bernhard hat Weltrang“ sagt sie, seine Werke sind in 45 Sprachen übersetzt worden, nachdem er starb bezeichnete sich der namhafte Theater-Regisseur Claus Peymann als „Bernhards Witwe“… Wenn also dieser Bernhard einst in Saalfeld lebte und die Saalfelder Zeit sehr prägend für sein Leben und für sein Werk wurde, dann, so Annelie Morneweg, könnte Saalfeld auch einen Weg nach Thomas Bernhard benennen. Oder auch einen Literaturpreis stiften, der seinen Namen trägt. Sie würde als Jury-Mitglied zur Verfügung stehen. Schließlich: „Auf der ganzen Welt kennt man den Ort Saalfeld“, vor allem in der Literaturwelt. Es sei „wie Goethe in Weimar“, meint die Literatur-Expertin.

In Saalfeld wird ihr Anliegen unter anderem von Maren Kratschmer-Kroneck unterstützt, der Leiterin der Saale-Galerie in der Brudergasse. Für sie ist Thomas Bernhard „einer der bedeutendsten österreichischen Roman- und Theater-Autoren“, dessen „Lebensweg Saalfeld auf markante Weise gestreift hat“. Der „Thomas-Bernhard-Weg“, den ihr und Annelie Morneweg vorschwebt, heißt heute noch „Am Steiger“. Er führt von der Knochstraße hoch zum Steigerheim, betrieben von der Bildungszentrum Saalfeld gGmbH.

Saalfeld mit Saalfelden verwechselt

Dort wird bereits mit den „Thomas-Bernhard-Bänken“ und einer Gedenktafel an den Schriftsteller erinnert, die OTZ berichtete. Thomas Bernhard ging den Weg vom Bahnhof hoch zum Steigerheim als Schüler. 1941 war er von seiner Familie in das damalige nationalsozialistische Erziehungsheim Saalfeld geschickt worden, wobei er Opfer einer tragischen Verwechslung oder hinterhältigen Absicht wurde: Eigentlich sollte er als Bettnässer und problematisches Kind ins salzburgische Saalfelden geschickt werden...

In Saalfeld erwartete den Jungen kein wunderschönes Erholungsheim, so Annelie Morneweg, sondern „ein Nazi-Heim“ mit Drill und Fahnenappell: „Er wurde jeder Liebe und Geborgenheit verlustig.“ Nässte er dort ein, wurde sein nasses Bettlaken öffentlich präsentiert, auch wurde er mit dem „Entzug der süßen Suppe“ bestraft. Beschrieben hat Bernhard seine Saalfelder Zeit im fünften Band seiner Biografie „Ein Kind“. Für Bernhard-Experten ist es unstrittig, dass die harte Kindheit des Schriftstellers auch prägend war für sein Werk. Noch in seinem 1988 von Peymann inszenierten Stück „Heldenplatz“ löste Bernhard einen der größten Theaterskandale in der Geschichte Österreichs aus - und schob laut Annelie Morneweg maßgeblich die NS-Aufarbeitung in Österreich an. Auch am Saalfelder Steigerheim „ist noch Einiges aufzuarbeiten“, bemerkt die Germanistin.

Auf das Ansinnen einer Weg-Umbenennung angefragt, teilte die Stadt Saalfeld zwar mit: „Thomas Bernhard gehört mit Sicherheit zu den großen deutschsprachigen Schriftstellern.“ Jedoch verweist die Stadt auf die Gedenktafel, die „Thomas-Bernhard-Bänke“ und eine Lesung in der Stadt- und Kreisbibliothek in diesem Jahr anlässlich des 30. Todestages Bernhards. Daher die Feststellung: „Aktuell sind keine Straßenneu- oder -umbenennungen geplant.“

Friedhelm Eberle liest aus Bernhard-Texten

Das Landratsamt Saalfeld-Rudolstadt verweist auf einen Beitrag von Dr. Renate Reuther in den Rudolstädter Heimatheften, den es so zusammenfasst: „Die Faktenlage – Bernhards trauriger Aufenthalt als Kind in Saalfeld – gibt dabei keinen Anlass zu Jubel oder besonderem Stolz. Wie sollen wir an ihn erinnern oder wie sollen wir ihn sehen? – Darauf gibt es nur eine sinnvolle Antwort: Wie es wirklich war.“ Dem habe sich die Autorin sehr gewissenhaft gewidmet. Im Übrigen seien „für Straßennamen ausschließlich die Kommunen zuständig“.

Maren Kratschmer-Kroneck formuliert die Situation so: „Die Stadt Saalfeld hat da eine Möglichkeit, von der sie bisher keinen Gebrauch gemacht hat.“ Sie selbst bleibt mit „ihrer“ Saale-Galerie indes nicht untätig: Unter der Überschrift „Ist es eine Komödie - ist es eine Tragödie?“ liest der Leipziger Schauspieler Friedhelm Eberle am kommenden Samstag, dem 9. November, ab 17 Uhr in der Saale-Galerie aus persönlich ausgewählten Texten Thomas Bernhards.

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