Demokratiekonferenz 2019

Für eine Kultur des Streitens

Probstzella.  Die fünfte Demokratiekonferenz der Partnerschaft für Demokratie Saalfeld-Rudolstadt stand im Zeichen von Debatte und Diskussionskultur.

Nikolaus Huhn, Aktionskünstler aus Schlöben bei Jena, bei seinem Workshop. 

Nikolaus Huhn, Aktionskünstler aus Schlöben bei Jena, bei seinem Workshop. 

Foto: Robin Kraska

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Wie debattiert, diskutiert, streitet man fair und produktiv? Wie gehe ich mit anderen Standpunkten um? Zentrale Fragen bei der fünften Demokratiekonferenz des Landkreises am Freitag. Zum ersten Mal hatte die Partnerschaft für Demokratie Saalfeld-Rudolstadt dafür ins Haus des Volkes nach Probstzella und somit außerhalb des Städtedreiecks eingeladen. Rund 70 Interessierte verfolgten Impulsvorträge, beteiligten sich an Diskussionsrunden und nutzten die Workshops.

Unter dem Titel „Wertschätzende Debatten“ erörterten Publikum und Fachgäste, „wie wir wieder miteinander ins Gespräch kommen können“. Landrat Marko Wolfram (SPD) appellierte, „die jungen Leute sollen ihre Meinung mit in den Streitpool legen“. Er sei überzeugt, dass man mit konstruktivem Disput zu besseren Lösungen gelange, sah aber zu wenig Mitwirkungselan in der Bevölkerung. Er habe beobachtet, dass die Art der demokratischen Auseinandersetzung in Kommunalparlamenten und Gremien „eigentlich das sei, wonach die Leute Sehnsucht haben. Trotzdem mischen nur wenige mit“.

Das Wir uns die Anderen

Sozialarbeiter Thomas Endter vom Bündnis Zivilcourage und Menschenrechte fand, „dass wir uns zuerst über unseren eigenen Standpunkt und persönliche Grenzen bewusst werden müssen“, bevor man in die Debatte einsteige. „Wichtig ist, eine klare Sprache zu finden und die Argumente der Gegenseite mitzubekommen - ob man sie nun teilt oder nicht“.

Dass mit Gegenseite die AfD gemeint war, kristallisierte sich schnell heraus. „Wir Demokraten müssen uns rhetorisch fit für die Debatte machen“, sagte ein Besucher, „denn AfD, Pegida und Co. sind im Internet die Besseren, bespielen ihre Kanäle gekonnter, als wir“. Und: „Organisierte Diskussionsrunden wie diese führen immer auch zu Filterblasen, denn die Teilnehmer sind ja ohnehin meist einer Meinung. Wir können uns gegenseitig hochpushen, aber die Stigmata - auf beiden Seiten - bleiben bestehen.“ Seine fruchtbringendsten Gespräche, so der Zuhörer, seien immer spontan entstanden.

Ein Lehrer wünschte sich die AfD bei solchen Veranstaltungen mit unter den Diskutanten und zeigt sich über deren Bundestagseinzug froh. „Klar sind die unbequem. Aber so werden große Teile unserer Bevölkerung wenigstens repräsentiert - und das ist viel besser, als wenn sie im Dunklen bleiben“. Denn das fördere letztlich Radikalisierung. „Wir dürfen nicht verkopft sein, müssen andere Wahrheiten als unsere eigene auch mal so stehen lassen können und Verständnis für Positionen anderer aufbringen“. Das gelte vor allem gegenüber jenen Menschen, die unter widrigeren Bedingungen, als man selbst, lebten.

Farbe bekennen am blauen Seil

In seinem Workshop „Übungen am blauen Seil“ möchte Aktionskünstler Nikolaus Huhn aus Schlöben bei Jena seine Teilnehmer „thematische Polaritäten“ ausloten lassen. Sie sollen sich entlang eines am Boden ausgestreckten Seils entsprechend ihrer Haltung zu zwei gegensätzlichen politischen oder gesellschaftlichen Positionen platzieren, die die Enden des Seils repräsentieren.

Ob man die politische Rechte mit allen Mitteln bekämpfen solle, oder mit ihren Vertretern und Anhängern reden solle, lautete eine Frage. Mehrheitlich plädierten die Anwesenden für Option zwei. „Den Dialog sollte man niemandem verwehren“, obwohl er gleichwohl bei Manche „nicht mehr oder nicht immer möglich“ sei. Auch hier der Tenor: Ausgrenzung fördert Radikalisierung. „Wir werden künftig sicher auch AfD-ler bei solchen Veranstaltungen dabei haben“, so eine junge Frau. „Ausgrenzung bringt nichts“. Auch stoße ihr ein gewisses „vereinnehmendes ‘Wir’ und ‘Die’ in der allgemeinen Debatte auf.

Neben Huhns Workshop nutzten die Teilnehmer Führungen durch das Bauhausdenkmal und ließen sich die neuen Audioführer von Gräfenthaler Regelschülern zur DDR-Geschichte im Raum Probstzella vorführen.

Sebastian Heuchel von der Koordinierungsstelle der 2015 ins Leben gerufenen Partnerschaft für Demokratie (PfD) zeigt sich begeistert über Teilnehmerzahl und Diskussionsfreudigkeit. „Wir hatten viel mehr Besucher, als Anmeldungen, davon etwa die Hälfte Erstmalige, und auch die Probstzellaer selbst waren vertreten, was uns natürlich freut“. Nichtsdestotrotz stehe die Arbeit der PfD vor Herausforderungen. „Wir entwickeln derzeit neue Strategien für die Jugendbeteiligung, und wie man junge Menschen überhaupt an Ehrenamt und Engagement fürs Gemeinwohl heranführen kann“, sagt er. Geplant sei neben vielem anderen ein Jugendaustausch mit dem Saalfeld-Rudolstädter Partnerlandkreis Tier-Saarburg.

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