Heute vor 30 Jahren begann in Rudolstadt der Dialog 89

Rudolstadt  Heute vor 30 Jahren am Theater: Mit einem Aufruf des Schauspielensembles begann, was zum „Dialog 89“ führte

Frank Michael Wagner zeigt die Schreibmaschine, auf der er vor 30 Jahren den Aufruf der Rudolstädter Schauspieler schrieb, der am Abend des 9. Oktober 1989 im Anschluss an die Aufführung "Du bist der Richtige" verlesen wurde.

Frank Michael Wagner zeigt die Schreibmaschine, auf der er vor 30 Jahren den Aufruf der Rudolstädter Schauspieler schrieb, der am Abend des 9. Oktober 1989 im Anschluss an die Aufführung "Du bist der Richtige" verlesen wurde.

Foto: Heike Enzian

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Heute vor 30 Jahren zogen Zehntausende Leipziger mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ durch ihre Stadt. In Rudolstadt wusste man davon zunächst nichts. Doch auch hier wurde an diesem Tag Geschichte geschrieben. Schauplatz war das Rudolstädter Theater. Mittendrin im Geschehen Frank Michael Wagner, der damals in der Dramaturgie des Theaters arbeitete.

Am Abend des 9. Oktober 1989 stand die Premiere des Stückes „Du bist der Richtige“ von Gustav von Wangenheim auf dem Programm. Geschrieben 1950 für das Deutschlandtreffen in Berlin und eine Huldigung Stalins. Aufgeführt wurde es als Projekt von sieben jungen Schauspielern, alle Absolventen der Hochschule für Schauspielkunst Berlin, die an das Rudolstädter Theater delegiert wurden. Im Publikum saß auch die damalige örtliche Politprominenz.

Und allen zitterten die Knie

„Diese Aufführung hatte eine besondere Vorgeschichte“, erinnert sich Frank Michael Wagner. Die Zuschauer wurden von „FDJ-Funktionären“ empfangen, die harsch nach dem Ausweis fragten. Man hatte sich für eine Inszenierung so nah am Urton entschieden, dass es grotesk wirkte. Auf der Bühne spielten die Akteure unter einem Banner „Entfaltet noch energischer eure Kritik und Selbstkritik“, darüber ein Bild Stalins. „Wer nur halbwegs zwischen den Zeilen lesen konnte für den war klar, was damit bezweckt werden sollte“, so der Rudolstädter.

Schon in den Tagen zuvor herrschte eine Stimmung am Theater, die zwischen Angst, Unruhe, Aufbruch und Hoffnung schwankte. Die Schauspielern waren im Land unterwegs und berichteten von den Ereignissen, die sich in anderen Städten zutrugen. „Man hat gemerkt, da gärt es gewaltig“, so der Zeitzeuge. Dann tauchten die ersten Schriftstücke auf. Der Aufruf des Demokratischen Aufbruchs, der Aufruf der Mitglieder des Berliner Ensembles am 18. September, der Problemkatalog des Neuen Forums. An einer Erika-Schreibmaschine – die er von zu Hause mitgebracht hat – schreibt der junge Dramaturg in seinem kleinen Kabuff im Schminkkasten ab, was ihm in die Hände kommt. Die Mitschriften machen die Runde. Man spricht darüber. Wenn auch erst im kleinen Kreis.

In seinen Aufzeichnungen über den Heißen Herbst am Theater Rudolstadt hält Frank Michael Wagner fest:

„Am Vormittag des 9.Oktober herrschte außergewöhnliche Unruhe unter den Beschäftigten des Theaters. Eine kleine Gruppe um Schauspieler Uwe Schmieder und Oberspielleiter Axel Vornam sagte, was andere nur zu denken wagten: Wir müssen auch in Rudolstadt etwas tun. Um 17 Uhr wird im Schminkkasten eine außergewöhnliche Spartensitzung des Schauspiels einberufen. Axel Vornam unterbreitete den Vorschlag, eine scharf verfasste Resolution der Karl-Marx-Städter Theaterkollegen zu verlesen. Allen im Raum stand die Aufregung ins Gesicht geschrieben. Für und Wider werden abgewogen. Intendant Horst Liebig spricht sich dagegen aus, warnt vor Randale. Andere Zettel mit ähnlichen Willenserklärungen machen die Runde. nach heftigem Streit um Formulierungen kommt es zur Abstimmung, ob der Aufruf der Berliner Volksbühne verkündet werden soll. Die Mehrheit ist dafür. Der Intendant sagt, dass er die SED-Kreisleitung und den Rat des Kreises informieren wird.“

Die Vorstellung verläuft wie geplant. Nach der letzten Szene betrifft das gesamte Schauspielensemble die Bühne. „Da war wohl niemand unter uns, dem nicht die Knie zitterten. Wir hatten lange vorher darum gerungen, wie wir es machen. Wer trägt den Text vor? Wer geht mit auf die Bühne? Werden wir womöglich verhaftet?“, gibt Frank Michael Wagner die Stimmung von damals wider.

Was aber dann passierte, gilt als Überraschung. Zunächst herrschte spannungsvolles Schweigen im Zuschauerraum. Dann war ein erstes zaghaftes Klatschen zu vernehmen, schließlich ein Riesenbeifall. Im Anschluss drängten sich um die 250 Menschen im Schminkkasten, um zu diskutieren. „Spürbar befreit und dennoch mit weichen Knien reden sich Besucher und Theaterleute aufgestauten Frust von der Seele. Kein niveauloses Gemecker, kein vorsichtiges Stammeln, sondern klare Sätze, mit zitternder Stimme von ganz normalen Bürgern geäußert. Erste Schritte im aufrechten Gang“, so ist es in seinen Aufzeichnungen nachzulesen.

Was folgte, war die Reihe „Dialog 89“, die im Herbst vor 30 Jahren regelmäßig im Schminkkasten stattfand. „Damit war auch in Rudolstadt ein öffentliches Forum geschaffen, um sich mit dem Problemen im Land und in der Stadt auseinanderzusetzen“, so der heutige Pressesprecher im Rathaus.

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