In Schwarzburg Mahnung ans Wagnis der Demokratie

Schwarzburg  Verfassungsfest in Schwarzburg erinnert an Friedrich Eberts Unterschrift unter Weimarer Verfassung vor 100 Jahren

Referenz an Geschichte: Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, Thüringens SPD-Landeschef Wolfgang Tiefensee sowie der Friedrich Ebert mimende Schauspieler Nicolas-Jan Tosch mustern den Artikel 150 der Weimarer Verfassung.

Referenz an Geschichte: Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, Thüringens SPD-Landeschef Wolfgang Tiefensee sowie der Friedrich Ebert mimende Schauspieler Nicolas-Jan Tosch mustern den Artikel 150 der Weimarer Verfassung.

Foto: Jens Voigt

Wo genau hat Reichspräsident Friedrich Ebert denn nun die Weimarer Verfassung unterschrieben? Im Jagdzimmer des Hotels „Weißer Hirsch“, wie lange geglaubt? In der „Villa Paula“ nebenan, wie es Landrat Marko Wolfram aus einem Buch erfuhr? Oder doch im heutigen Wäschelager des Hotels? So bezeugte es am Sonntag Eberhard Preiß aus Göttingen, dessen Großmutter Helene Hübner die Tischdecke im damaligen Lese- und Schreibzimmer auflegte, der Ebert beim Signieren einen mächtigen Tintenklecks verpasst haben soll.

Im Laufe des Nachmittags werde man zu einer Einigung finden, meint Wolfram, als er im Reigen der Eröffnungsreden zum Verfassungsfest an der Reihe war. Und merkt an, wie gut es seiner SPD vor 100 Jahren ging: Im Freistaat Schwarzburg-Rudolstadt hatten die Wähler mit 54 Prozent den Genossen zur absoluten Mehrheit verholfen. „Vorbildlich“, so Wolfram. Aber auch lange her. In Thüringen sehen Umfragen die SPD bei elf Prozent, im Bund steht sie nur ein Prozent besser da.

Als eine ihrer Hoffnungsträgerinnen gilt Franziska Giffey. Wäre da nicht ihre unter Plagiatsverdacht stehende Doktorarbeit, würden viele Genossen der 41-Jährigen aus Frankfurt (Oder) den Parteivorsitz zu Füßen legen. In Schwarzburg kann, wer es unbedingt will, in Giffeys Rede Anspielungen hören, die vermuten lassen, sie bereite sich zumindest darauf vor. Sie betont Eberts unbedingten Teamplayer-Anspruch, sein ehernes Prinzip, als Führung zu einmal gefundenen Kompromissen zu stehen. Die Bundesfamlienministerin mahnt, Frauen müssten endlich auch die Hälfte der Führungspositionen in Politik und Wirtschaft einnehmen. Und die Ostdeutschen insgesamt dürften sich nicht kleinreden lassen, sollten durchaus stolz sein auf das, was seit der Wiedervereinigung hier geschaffen und überstanden wurde. „Wir sind mehr als die Summe unserer Probleme“, ruft die Ministerin den gut 500 Versammelten im Schlosspark zu. Und dass Demokratie auch in der besten Verfassung nicht zu konservieren sei, sondern auch kritische Verteidigung durch die Gesellschaft brauche.

Der Rest des Tages ist eine Art unterhaltsames Geschichtsbildungs-Seminar. Es gibt eine Ausstellung zum Frauenwahlrecht, Stände mit allerlei Ebert-Literatur, einen Ebert-Vortrag und eine Talkrunde über „Verfassung und Demokratie“. Dazu einen Schlossbaustellen-Rundgang und das Finale diverser Wanderungen und Radtouren von Weimar nach Schwarzburg. Zwischendurch spielt die „Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot“ eher zurückhaltend das Lied „Wann wir schreiten Seit an Seit‘“. Hört man auch nicht mehr oft.

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