Kein Sanatorium für „überlebende“ DDR-Bücher in Löhma

Löhma/Staucha/Erfurt Löhma/Staucha/Erfurt  In Löhma besichtigten Interessenten das Areal der einstigen Diabetiker-Kurklinik, darunter Schauspieler Peter Sodann.

Schauspieler Peter Sodann in seiner DDR-Bibliothek im sächsischen Staucha. Die Büchersammlung des ehemaligen Tatort-Kommissars wächst und wächst.Archiv-Foto: Arno Burgi

Foto: Arno Burgi

Schauspieler Peter Sodann, dereinst Bundespräsidenten-Kandidat der Linken und als MDR-Tatort-Kommissar Bruno Ehrlicher in Ostdeutschland weltberühmt, hat eine Mission: DDR-Bücher retten. Im sächsischen Staucha füllen inzwischen ein paar Millionen Bände den Dachstuhl eines alten Kuhstalls, können entliehen oder gekauft werden, fast täglich kommen kistenweise neue Bücher hinzu. Das Refugium platzt aus allen Nähten; Sodann sucht nach alternativen Rettungsorten – und war kürzlich in Löhma bei Leutenberg.

„Schöne Gegend, aber wie es da aussieht – eine Schande“, knurrt Sodann im vertrauten Ehrlicher-Sound ins Telefon. „Und jetzt wollen Sie wissen, warum ich die Bücher sammle? – Nein, eigentlich nicht. Aber er muss das trotzdem loswerden. Zitiert Heinrich Heines berühmten Satz, der zum ehernen Kommentar der Bücherverbrennung durch die Nazis wurde. Heute sei es wieder soweit, sagt Sodann, teils treffe es dieselben Autoren wie etwa Erich Kästner. Nein, kein von Parolen übergeifertes Verbrennen, aber Vernichtung durch Aussondern ins Altpapier eben doch. Weil ihre Inhalte mit dem Sozialismus verdorben sein sollen, weil ihre Helden müde geworden sind, weil manchem das einstige Einlassen auf Hermann Kant, Willi Bredel oder Erwin Strittmatter peinlich geworden ist. Oder „weil Schriftstellern zu eigen ist, auch Wahrheiten zu äußern“, wie Sodann meint.

Wie auch immer: Sodann sammelt. Aber er ist jetzt 82 geworden, das Alter zwickt, Sammlung und Bibliothek wollen geordnet sein für eine Zeit, da er nicht mehr kann. Sodanns Plan: Aus eins mach drei. Die geretteten Bücher sollen aufgeteilt und dort mitbetreut werden, wo es ähnliche Bewahrertypen wie ihn gibt – Archivare oder Bibliothekare, die bereits andere Bestände pflegen. Ein Teil könnte also in Staucha bleiben, für den von Sachsen-Anhalt führt er schon hoffnungsvolle Gespräche mit der Stadt Halle. Und wegen der eventuellen Thüringer Filiale hat er sich das ehemalige Sanatorium Löhma angeschaut.

„Frauenrelevantes Kulturgut“

Weil Ursula Sillge Sodann eingeladen hatte. Sillge führt das „Lila Archiv“, einen nach der Wende in Berlin gegründeten Verein, der laut Eigendarstellung „einmaliges frauenrelevantes Kulturgut“ bewahrt, mit Informationen über Frauen und Frauenbewegung, DDR und Osteuropa, widerständige Bewegung, Lesben etc. Man sei international vernetzt und verstehe sich als wichtige Ergänzung zu den Archiven der öffentlichen Hand. 2010 ist das “Lila Archiv“ nach Meiningen umgezogen, die Bestände sind dort in zwei Magazinen untergebracht, sicher zwar, aber mit endlichem Platz. „Wir suchen für langfristige Alternativen“, erklärt Sillge auf Anfrage; über das vormalige Sanatorium habe sie vor zwei oder drei Jahren in der Zeitung gelesen und sich nun daran erinnert. Und weil ihr beim Recherchieren schon klar wurde, dass das „Lila Archiv“ allein zu klein für Löhma wäre, hat sie Sodann und seine DDR-Bücher mit ins Boot geholt – wohl auch in der Hoffnung, ihrem Interesse so mehr Gewicht und möglicherweise öffentliche Förderung zu verschaffen.

Gut eine Stunde, so erinnert sich Sillge, habe dann die Besichtigung in Löhma gedauert, die Gespräche mit einem Herrn von der Thüringer Landesentwicklungsgesellschaft (LEG), der das Areal gehört, und Leutenbergs Bürgermeister Robert Geheeb (SPD) wären auch ganz nett gewesen. Nur leider sei die Immobilie „völlig heruntergewirtschaftet, eigentlich eine Ruine“, so Sillge. Die absehbar immensen Kosten, um auch nur Teile wieder funktionsfähig zu machen, würden die Möglichkeiten ihres Vereins bei weitem übersteigen. In einem Brief an Geheeb bündelte Sillge noch einmal ihre Empörung über „verschleudertes Vermögen des Landes Thüringen“ und fordert ihn auf, einen Antrag der Linke-Fraktion zur Einsetzung eines Untersuchungsausschusses zur Arbeit der Treuhand bzw. der LEG zu unterstützen. Auch Peter Sodann wird seine Bücher erst einmal in Staucha lassen. Selbst wenn er in Löhma nur ein Zwischenlager hätte einrichten wollen, bräuchte es enormen finanziellen Aufwand. „Und mein Geld ist hopps“, resümiert Sodann. Er denkt jetzt über eine Bücher-Genossenschaft nach.

Ein dritter Interessent an der Kurklinik

Bliebe noch der dritte Interessent, der an diesem Tag Ende April die ehemalige Kurklinik besichtigte. Der habe ein sehr detailliertes Nutzungskonzept vorgelegt, das man derzeit auf Plausibilität wie auch die Seriosität des Herrn prüfe, bestätigt ein LEG-Sprecher auf Anfrage. Um mögliche Verhandlungen nicht zu belasten, wolle derzeit man weder Namen noch Profession des Interessenten nennen. Sollte es zu einem Vertragsabschluss kommen, werde die OTZ natürlich eingeladen, um die neue Zukunft des einstigen Sanatoriums vorzustellen.

Wann das sein könnte, lasse sich schwer abschätzen, meint der Mann von der LEG. Die muss in Sachen Löhma ohnehin keine Eile haben: Die für den geschätzt fast eine Million Euro teuren Abriss beantragten Fördermittel wurden abgelehnt.

Das ehemalige Sanatorium Löhma, 1958 bis 1960 für Diabeteskranke errichtet, umfasst eine Grundstücksfläche von 54.713 Quadratmetern und eine Nutzfläche von 6.390 Quadratmetern.

Bebaut ist das Areal mit vier Gebäuden und einer Reihe von Garagen. Das Kulturgebäude ist ein hallenartiger, massiver Baukörper und enthielt einen Kino- und Veranstaltungssaal inklusive Bühnentechnik und Kino-Vorführraum.

Der Zwischenbau besitzt einen unterirdischen Versorgungsgang und hat ein mit Dachpappe eingedecktes Pultdach.

Das Sozialgebäude mit Walmdach ist unterkellert und massiv gebaut.

Das Schwesternwohnhaus ist ebenfalls unterkellert und mit einem Tiefkeller ausgestattet.

Im Dachgeschoss befand sich eine Kegelbahn.

Schauspieler Peter Sodann, dereinst Bundespräsidenten-Kandidat der Linken und als MDR-Tatort-Kommissar Bruno Ehrlicher in Ostdeutschland weltberühmt, hat eine Mission: DDR-Bücher retten. Im sächsischen Staucha füllen inzwischen ein paar Millionen Bände den Dachstuhl eines alten Kuhstalls, können entliehen oder gekauft werden, fast täglich kommen kistenweise neue Bücher hinzu. Das Refugium platzt aus allen Nähten; Sodann sucht nach alternativen Rettungsorten – und war kürzlich in Löhma bei Leutenberg.

„Schöne Gegend, aber wie es da aussieht – eine Schande“, knurrt Sodann im vertrauten Ehrlicher-Sound ins Telefon. „Und jetzt wollen Sie wissen, warum ich die Bücher sammle? – Nein, eigentlich nicht. Aber er muss das trotzdem loswerden. Zitiert Heinrich Heines berühmten Satz, der zum ehernen Kommentar der Bücherverbrennung durch die Nazis wurde. Heute sei es wieder soweit, sagt Sodann, teils treffe es dieselben Autoren wie etwa Erich Kästner. Nein, kein von Parolen übergeifertes Verbrennen, aber Vernichtung durch Aussondern ins Altpapier eben doch. Weil ihre Inhalte mit dem Sozialismus verdorben sein sollen, weil ihre Helden müde geworden sind, weil manchem das einstige Einlassen auf Hermann Kant, Willi Bredel oder Erwin Strittmatter peinlich geworden ist. Oder „weil Schriftstellern zu eigen ist, auch Wahrheiten zu äußern“, wie Sodann meint.

Wie auch immer: Sodann sammelt. Aber er ist jetzt 82 geworden, das Alter zwickt, Sammlung und Bibliothek wollen geordnet sein für eine Zeit, da er nicht mehr kann. Sodanns Plan: Aus eins mach drei. Die geretteten Bücher sollen aufgeteilt und dort mitbetreut werden, wo es ähnliche Bewahrertypen wie ihn gibt – Archivare oder Bibliothekare, die bereits andere Bestände pflegen. Ein Teil könnte also in Staucha bleiben, für den von Sachsen-Anhalt führt er schon hoffnungsvolle Gespräche mit der Stadt Halle. Und wegen der eventuellen Thüringer Filiale hat er sich das ehemalige Sanatorium Löhma angeschaut.

„Frauenrelevantes Kulturgut“

Weil Ursula Sillge Sodann eingeladen hatte. Sillge führt das „Lila Archiv“, einen nach der Wende in Berlin gegründeten Verein, der laut Eigendarstellung „einmaliges frauenrelevantes Kulturgut“ bewahrt, mit Informationen über Frauen und Frauenbewegung, DDR und Osteuropa, widerständige Bewegung, Lesben etc. Man sei international vernetzt und verstehe sich als wichtige Ergänzung zu den Archiven der öffentlichen Hand. 2010 ist das “Lila Archiv“ nach Meiningen umgezogen, die Bestände sind dort in zwei Magazinen untergebracht, sicher zwar, aber mit endlichem Platz. „Wir suchen für langfristige Alternativen“, erklärt Sillge auf Anfrage; über das vormalige Sanatorium habe sie vor zwei oder drei Jahren in der Zeitung gelesen und sich nun daran erinnert. Und weil ihr beim Recherchieren schon klar wurde, dass das „Lila Archiv“ allein zu klein für Löhma wäre, hat sie Sodann und seine DDR-Bücher mit ins Boot geholt – wohl auch in der Hoffnung, ihrem Interesse so mehr Gewicht und möglicherweise öffentliche Förderung zu verschaffen.

Gut eine Stunde, so erinnert sich Sillge, habe dann die Besichtigung in Löhma gedauert, die Gespräche mit einem Herrn von der Thüringer Landesentwicklungsgesellschaft (LEG), der das Areal gehört, und Leutenbergs Bürgermeister Robert Geheeb (SPD) wären auch ganz nett gewesen. Nur leider sei die Immobilie „völlig heruntergewirtschaftet, eigentlich eine Ruine“, so Sillge. Die absehbar immensen Kosten, um auch nur Teile wieder funktionsfähig zu machen, würden die Möglichkeiten ihres Vereins bei weitem übersteigen. In einem Brief an Geheeb bündelte Sillge noch einmal ihre Empörung über „verschleudertes Vermögen des Landes Thüringen“ und fordert ihn auf, einen Antrag der Linke-Fraktion zur Einsetzung eines Untersuchungsausschusses zur Arbeit der Treuhand bzw. der LEG zu unterstützen. Auch Peter Sodann wird seine Bücher erst einmal in Staucha lassen. Selbst wenn er in Löhma nur ein Zwischenlager hätte einrichten wollen, bräuchte es enormen finanziellen Aufwand. „Und mein Geld ist hopps“, resümiert Sodann. Er denkt jetzt über eine Bücher-Genossenschaft nach.

Ein dritter Interessent an der Kurklinik

Bliebe noch der dritte Interessent, der an diesem Tag Ende April die ehemalige Kurklinik besichtigte. Der habe ein sehr detailliertes Nutzungskonzept vorgelegt, das man derzeit auf Plausibilität wie auch die Seriosität des Herrn prüfe, bestätigt ein LEG-Sprecher auf Anfrage. Um mögliche Verhandlungen nicht zu belasten, wolle derzeit man weder Namen noch Profession des Interessenten nennen. Sollte es zu einem Vertragsabschluss kommen, werde die OTZ natürlich eingeladen, um die neue Zukunft des einstigen Sanatoriums vorzustellen.

Wann das sein könnte, lasse sich schwer abschätzen, meint der Mann von der LEG. Die muss in Sachen Löhma ohnehin keine Eile haben: Die für den geschätzt fast eine Million Euro teuren Abriss beantragten Fördermittel wurden abgelehnt.

Das ehemalige Sanatorium Löhma, 1958 bis 1960 für Diabeteskranke errichtet, umfasst eine Grundstücksfläche von 54.713 Quadratmetern und eine Nutzfläche von 6.390 Quadratmetern.

Bebaut ist das Areal mit vier Gebäuden und einer Reihe von Garagen. Das Kulturgebäude ist ein hallenartiger, massiver Baukörper und enthielt einen Kino- und Veranstaltungssaal inklusive Bühnentechnik und Kino-Vorführraum.

Der Zwischenbau besitzt einen unterirdischen Versorgungsgang und hat ein mit Dachpappe eingedecktes Pultdach.

Das Sozialgebäude mit Walmdach ist unterkellert und massiv gebaut.

Das Schwesternwohnhaus ist ebenfalls unterkellert und mit einem Tiefkeller ausgestattet.

Im Dachgeschoss befand sich eine Kegelbahn.

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