Kinder und Jugendliche bringen Videospielhelden auf Saalfelder Bühne

Saalfeld.  Ein viertägiger Ferien-Workshop im Christlichen Jugendzentrum verknüpfte Gaming mit Erzählkunst und Theater. Drei Stücke sind entstanden.

Einige Teilnehmer des Videospieleworkshops in der Chrisse. Sie stellen bekannte Figuren der Videospielgeschichte dar, ganz rechts zum Beispiel den blauen Igel „Sonic“ und Nintendo-Maskottchen „Super Mario“, die auch im Hintergrund zu sehen sind.

Einige Teilnehmer des Videospieleworkshops in der Chrisse. Sie stellen bekannte Figuren der Videospielgeschichte dar, ganz rechts zum Beispiel den blauen Igel „Sonic“ und Nintendo-Maskottchen „Super Mario“, die auch im Hintergrund zu sehen sind.

Foto: Robin Kraska

Ein schnauzbärtiger Klempner aus New York mit blauer Latzhose und roter Schildmütze kämpft sich tapfer durch gefährliche Fantasiewelten voller Fallen und Gegner. Wofür das Ganze? Er will die Prinzessin seines Herzens aus den Klauen einer bösen, feuerspuckenden Schildkröte mit Stachelpanzer befreien. Videospielfreunde wissen nach dieser Beschreibung längst, worum es geht: Super Mario, die populärste Videospielfigur der Welt, erfunden vom japanischen Entwicklerstudio Nintendo.

Elf Saalfelder Ferienkinder haben ihre liebsten Telespielhelden, darunter Super Mario, diese Woche auf eine ganz besondere Ebene gehoben. In einem Workshop der Stiftung für digitale Spielekultur in Berlin spielten sie im Christlichen Jugendzentrum Chrisse Videospielklassiker der neunziger Jahre, um anschließend eigene Geschichten um deren Thema zu stricken und sogar drei Bühnenstücke zu schreiben, die heute vor Eltern aufgeführt werden.

Große Kreativität bewiesen

Die beiden Schauspieler, Theatermacher und Videospielfans Mareike Kochansky und Thilo Krumeich begleiten die jungen Teilnehmer. „Mit diesem Ansatz knüpfen wir an ihre eigene Lebenswelt an“, sagt die Medienwissenschaftlerin. So werde vor einem freizeitlich geprägten Hintergrund die Mediennutzung reflektiert und -kompetenz gestärkt sowie kognitive Fähigkeiten trainiert. „Dabei geht es auch um ein Stück Mediengeschichte“, sagt Kochansky mit Blick auf die längst zu Klassikern avancierten Kulttitel.

„Wir geben einen Grundstock mit an die Hand, auf dem die Kinder aufbauen können, wobei sie sehr frei in der Gestaltung ihrer eigenen Geschichten sind“, sagt sie. Zwei Tage lang haben sie an den Skripts geschrieben und dabei große Kreativität bewiesen. In einem verbündet sich etwa besagter Super Mario mit „Sonic“, einem rasend schnellen, blauen Igel des Spieleentwicklers Sega, der zusammengerollt unbesiegbar ist und die Welt vor einem größenwahnsinnigen Wissenschaftler mit Allmachtsgelüsten retten muss.

Beide Figuren konkurrierten in den neunziger Jahren Kopf an Kopf um die Gunst der weltweiten Videospielergemeinde. Heute gelten sie beide als Ikonen des Videospiels, auch bei Anhängern des jeweils anderen Maskottchens. „Die Kinder haben zum Beispiel erdacht, dass beide ihre Schuhe im Internetauktionshaus ebay versteigern, um sich eine Rüstung gegen ihren Widersacher leisten zu können“, erklärt die Mareike Kochansky. Der ist Marios Erzfeind Bowser, der Feuerdrache. So flössen immer wieder Einflüsse aus der Internet- und Popkultur, etwa Filmen, in die Geschichten ein.

Nicht nur an der Konsole sitzen

Dieses praktische Herangehen könnte so auch Kritiker entwaffnen, die Videospiele eher kritisch beäugen. „Es wird ja gerade nicht nur an der Konsole ‘gezockt’, sondern die Teilnehmer adaptieren das digitale Umfeld der Spiele sehr kreativ ins wirkliche Leben“, erklärt die Projektleiterin, selbst bekennende „Gamerin“, wie sich Videospielfans häufig bezeichnen.

Zur Einstimmung haben sie trotzdem einige alte Spiele zu zweit gespielt und die Spiele danach den anderen in den Gruppen vorgestellt. Die erforderliche Technik stellt die Stiftung, der Workshop ist für alle Kinder kostenfrei und richtet sich auch an unterschiedlich benachteiligte Teilnehmer. Auch Kostüme und Requisiten werden selbst vor Ort hergestellt, Begleitmusik und Bühnenhintergründe gemeinsam ausgewählt.

„Die Kinder und Jugendlichen ergänzen sich mit ihren verschiedenen Stärken“, sagt Kochansky. „Während einer gut schreiben kann und andere als Darsteller stark sind, braucht es auch Verantwortliche für die Technik“. Ein Junge formuliert es in kindlicher Direktheit: „Ohne Techniker sind die Schauspieler auch nur Leute, die auf der Bühne herumhampeln!“.

„Und dabei nichts sehen“, pflichtet im Thilo Krumeich bei. Zusammen steuern sie Scheinwerfer und Musikeinspieler vom Mischpult aus an. Krumeich steht dem Künstlerförderverein Klanggerüst in Erfurt vor und leitet dort Theatergruppen mit Erwachsenen. Mit dem Gaming-Theaterprojekt reisen er und Mareike Kochansky schon seit Jahren vorwiegend durch Einrichtungen in Ostdeutschland.