Röttersdorf: Schöne Abgeschiedenheit am Landkreis-Zipfel

Röttersdorf.  In Röttersdorf bei Lehesten wünscht man sich vor allem einen neuen Treffpunkt. Ortschronistin Karin Haas hat uns durch ihr Dorf geführt.

Karin Haas am Feuerlöschteich in Röttersdorf, dessen eine Hälfte immer mehr zuwuchert, was ihrer Befürchtung nach die Löschwasserentnahme gefährden könnte.

Karin Haas am Feuerlöschteich in Röttersdorf, dessen eine Hälfte immer mehr zuwuchert, was ihrer Befürchtung nach die Löschwasserentnahme gefährden könnte.

Foto: Robin Kraska

„Die Nähe zum heutigen Kernort Lehesten bedingt gute Verbindungen zu allen Bereichen des Lebens. Erwerbsquellen der 210 Einwohner des Ortsteils sind unter anderem die Landwirtschaft, die Arbeit im Schieferbruch sowie der Tourismus“. So heißt es, nicht ganz aktuell, im Internetlexikon Wikipedia über den 150-Seelen-Ort Röttersdorf. Klingt soweit nicht verkehrt.

Dass in dem Lehestener Gemeindeteil freilich nicht alles perfekt ist, erfahren wir von Karin Haas. Sie wurde hier geboren, engagiert sich unter anderem als Ortschronistin und kümmert sich überhaupt viel um ihre Heimat. Nach der Wende sei vieles verloren gegangen. „Mein Vater hatte sich so über die Wiedervereinigung gefreut. Würde er sehen, was heute – nicht nur – aus Röttersdorf geworden ist, wäre er traurig“, ist sie überzeugt. Wir haben uns mit Karin Haas zum Dorfrundgang verabredet.

Er führt uns zunächst auf einem mit etlichen Schlaglöchern gespickten Feldweg zum Friedhof. „Hier bräuchte es eine richtige Umzäunung, auch damit keine Tiere mehr aufs Gelände kommen und wühlen“, sagt sie. „Es haben schon Marder in den Gräbern gegraben“. Umgeben von dichten Fichten, vermittelt die Ruhestätte etwas Anheimelndes, beinahe Gemütliches. „Leider ist unsere grüne Wiese nicht so schön“, sagt Karin Haas. „Eigentlich wollten wir sie zentral in der Mitte, aber da hat kein Weg reingeführt“. Die kleine Trauerhalle sei hingegen in Ordnung.

Ehemaliges Kulturhaus steht leer

Karin Haas macht keinen Hehl daraus, dass es in Röttersdorf viele Baustellen gebe. Bereits 2015 erstellten sie und einige Mitstreiter ein Entwicklungskonzept für ihr Dorf. Oberste Priorität hatte darin die Schaffung eines Treffpunkts für Feste, Heimatabende, Vorträge oder Sitzungen.

Die fanden bis März vorigen Jahres im alten Kulturhaus mit Kegelbahn und Gaststätte „Zur Kastanie“ statt, doch der Wirtsbetrieb endete bereits 2011. Seitdem wurde noch der Festsaal für Veranstaltungen genutzt, die letzten waren die Jahresversammlung der Jagdgenossenschaft und eine große Veranstaltung anlässlich der Kirmes, erzählt Karin Haas. Damals gab es einen Vortrag über den nahe gelegenen Schieferbruch Kühler Morgen. „Das Haus war voll“, so Karin Haas über die Resonanz. 2009 war 500-Jahr-Feier.

Seitdem steht das Objekt, entstanden im Nationalen Aufbauwerk, leer. „Der Schimmel ist ganz schlimm“, sagt sie. Infrage kämen eine Sanierung oder ein Zweckneubau; letzterer könnte auf einem kommunalen Grundstück an der Straße zum Kühlen Morgen entstehen, neben der alten Oertels-Villa. „Wir haben uns schon einige Gedanken gemacht“, sagt Karin Haas. „Aber von der Stadt heißt es immer nur ‘wir haben kein Geld’“. In der warmen Jahreszeit sei noch ein großes Festzelt denkbar, „aber im Winter?“.

Haas glaubt inzwischen, dass bei einem Zusammengehen mit dem Saale-Orla-Kreis mehr für Röttersdorf herausgesprungen wäre. „Aber es kam nun mal anders“. Zudem sei man, anders als etwa Schmiedebach, nie in den Genuss der Dorferneuerung gekommen.

Zum Frisör ist es nicht weit

Der umzäunte Feuerlöschteich direkt neben der alten Schule wirkt mit seinem Schilfwuchs gleichsam malerisch, doch genau diese Botanik könnte Haas’ Befürchtungen zufolge bei einem Einsatz zum Problem werden. „Er müsste dringend mal wieder entschlammt und das Schilf zurückgeschnitten werden“, sagt sie. Lehestens Ortsbrandmeister Dennis Zwerrenz zufolge sind Maßnahmen im Brandschutzbedarfsplan vermerkt und im Haushalt 2021 eingeplant. „Der Wille ist da“, versichert er.

Die alte Dorfglocke im Türmchen der Schule ist seit einigen Jahren verstummt und aus Sicherheitsgründen nicht mehr zugänglich. Damit sie wieder zu besonderen Ereignissen, etwa Todesfällen, geläutet werden kann, wünschen sich die Röttersdorfer ein Glockengerüst für den Anger. Außerdem müsste die Mauer zur Straße hin instandgesetzt werden. „In gewisser Weise war zur DDR-Zeit manches besser“, bekennt Karin Haas. Rund 300 Einwohner habe Röttersdorf einmal gezählt, hatte einen vitalen Dorfclub, Feuerwehr, Kindergarten, Konsum, Poststelle – „alles weg“, sagt sie.

Aber es fehlt eben auch nicht an allem. Wir schauen kurz im „Schnitthaus“ vorbei, dem Frisör-und Nagelstudio von Vivien Sorge, das die junge Frau seit 2011 betreibt. Ihr Vater Uwe ist mit einem Malermeisterbetrieb selbstständig, des Weiteren gibt es direkt gegenüber einen Torbauservice und Stadtratsmitglied Sven Luthardt (Bürgernah) betreibt eine Spedition. Mit zwei Abgeordneten ist der 1994 eingemeindete Ortsteil im 13-köpfigen Lehestener Stadtrat vertreten.

Alte Schieferbrüche jetzt Seen

Bevor es zurück geht, zeigt uns Karin Haas noch Teile des ehemaligen Schieferbruchs Kühler Morgen, wo heute das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk eine Wohnstätte für Kinder und Jugendliche mit seelischen Schwierigkeiten betreibt. Wenige Schritte entfernt zeigt sie uns ein altes Tagebauloch.

Über die Jahre ist es mit tiefblauem und glasklarem Wasser vollgelaufen; erinnert an den deutlich größeren See im Staatsbruch, wirkt aber viel verwunschener. Eine raue, romantische Schönheit, umstanden von Birken und Nadelbäumen. Unsere Frage, ob die kühlen Fluten auch zum Wildbaden genutzt werden, erübrigt sich beim Blick auf eine Lücke im Maschendrahtzaun. Spätestens hier versteht man Karin Haas, wenn sie immer wieder die tolle Landschaft erwähnt.

Bei ihr daheim treffen wir Wolfgang Schrepel, Beauftragter für Natur- und Umweltschutz der Kreisverwaltung und Unruheständler. Er ist zuständig für Flächenpflege, beringt Wasservögel, betreut Schwarzstorchhorste, zählt Orchideen. Er und Naturfreundin Karin Haas könnten sich vorstellen, Touristen und Einheimischen Führungen zur lokalen Naturkunde und Jagdwesen anzubieten. „Wie gesagt, eine schöne Landschaft haben wir und das ist auch wichtig – aber nicht alles“, fasst sie zusammen.