Landreporter unterwegs in Garsitz bei Königsee

Garsitz  Landreporter In dem Königseer Ortsteil wünschen sie alle eine Lösung für die Altbrache Porzellanfabrik

Blick auf Garsitz, Ortsteil der Stadt Königsee-Rottenbach, der 2014 sein 725. Jubiläum feier

Blick auf Garsitz, Ortsteil der Stadt Königsee-Rottenbach, der 2014 sein 725. Jubiläum feier

Foto: Michael Graf

Dem neuen Ortsteilbürgermeister Knut Kummer fällt durchaus kein Zacken aus der Krone, wenn er auf seine Mitbürger Ingolf Heinze und Matthias Trapp verweist, die als Fremdenführer für den Landreporter ebenso geeignet sind. Und schon bei der Terminwahl wird ein Garsitzer Spezifikum offenbar. Hier arbeiten natürlich viele auswärts, weswegen man sich erst in der Nachmittagsstunden treffen kann. Die haben am Freitag aber noch einmal einen Hauch goldenen Herbst über das Rinnetal, das hier oben seinen Ausgang hat, gelegt und bevor der Regen beginnt, sind wir längst fertig.

Was macht Garsitz lebenswert? Auf die traditionelle Startfrage müsse die beiden weder überlegen, noch sich abstimmen: die zentrale Lage und die Sackgasse!

Die Verblüffung gelingt. Die Abgeschiedenheit in einem Tal, hinter dem nur noch Wege durchs Land gehen und auch nicht die Abwesenheit vieler Dinge, die man zum Leben braucht, ist nicht etwa ein gefühlter Nachteil. Durch unser Dorf fährt niemand unbeobachtet, sind die beiden sich sicher und bis zum Supermarkt an der Bundesstraße 88 ist es vom Ortsausgang weniger als ein Kilometer. Auch bis ins Zentrum nach Königsee laufen viele oder nehmen freitags den Marktbus, falls kein Auto mehr zur Verfügung steht. Und auch die zentrale Lage definieren die Garsitzer sehr überraschend: Nach Rudolstadt ist es ebenso nah wie nach Ilmenau! Wenn man solche Sichtweisen im oberen Schwarzatal hören könnte.

Garsitz aber – 2020 werden es 70 Jahre seit der Eingemeindung nach Königsee – hat längst seinen Platz gefunden. Der Altersdurchschnitt steigt, die Zahl der Einwohner sinkt, aber ein großer Einbruch blieb zum Glück aus. Hier steht kein Haus länger leer, als ein Besitzerwechsel dauert, kommen jungen Familien nicht nur, um zu bleiben, sondern auch sich weiter zu vermehren.

Beim Rundkurs kommt die Rede bald auf die Geschichte. Das früher natürlich ländlich geprägte Dorf veränderte schon bald seinen Charakter, weil das nahe Königsee seine Wirkung hatte. Streit mit dem großen Nachbarn gab es selten, weil beispielsweise die Quellen für das Städtchen häufig auf Garsitzer Gebiet lagen. Doch mussten die Menschen nicht nur zur Arbeit fahren, sondern sie kam auch zu ihnen. Um 1880 begann die große Porzellanfabrik mit ihrer Arbeit und hielt sie bis zur Wende. Seitdem dominieren trotz erster Teilabrisse noch immer große aber fast durchweg seit vielen Jahren verlassene Gebäude die Ortsmitte.

Viel, sehr viel verdanken die Garsitzer dem aus ihrem Dorf gebürtigen Königseer Bürgermeister Karl-Heinz Hoppe, der nach der Wende ein großes Herz für die Dörfer und natürlich noch einen Bonus für seine „Gaaarschter“ hatte und jedes Förderprogramm anzapfte, das er kriegen konnte.

Damit haben wir eine prima Grundlage dafür, die bis heute nachwirkt. Den Abriss der Fabrik aber schaffte auch er nur zum Teil. Er bleibt als ein großes Anliegen der Garsitzer für den aktuellen Amtsinhaber. Immerhin aber wurde aus der alten Schule, die auch schon Kirche und Kindergarten war, schon 1991 eine Gaststätte. Doch leider steht auch sie seit einem Jahrzehnt leer und wird nur kurzfristig für Feiern genutzt. Ein fester Pächter wäre ein weiterer Wunsch, sagen die Garsitzer, die zugleich wissen, dass es letztlich an ihnen selbst liegt.

Wer Garsitzer Geschichte konsequent erzählen will, muss freilich erst einmal hinauf zum Gebörne fahren, einer Erhebung, die das Dorf deutlich überragt. Unterwegs kann man noch den überaus aktiven Sportverein erwähnen, der hier oben eine der recht raren ebenen Flächen in der Gemarkung für einen Sportplatz und ein Gebäude bekommen hat. Doch weiter hinten steht das Vereinshaus der Höhlenforscher, wie man die Fachgruppe Höhlen-Karstforschung Ur- und Frühgeschichte Königsee im Kulturbund Deutschland abkürzt. Sie betreuen die Querlichslöcher, kleine Höhlen, von denen das große Querlichsloch, wegen der hier gefundenen Knochen auch Bärenkeller genannt, fast direkt unterhalb der Hütte liegt. Und so ist belegt, dass im Rinnetal die Vorfahren der Garsitzer vor 16.000 Jahren lebten. Ingolf Heinze könnte stundenlang von den interessanten Fakten rund um die Höhlenforschung schwärmen, denn er ist seit Jahrzehnten dabei und macht sich gerade Sorgen um das im Keller der alten Porzellanfabrik verbliebene geologische Schaukabinett „mit originalen Vitrinen aus dem früheren Goethemuseum in Weimar“. Doch die Reise geht weiter wieder ins Tal und vorbei an etlichen Anwesen, die zugleich auch Firmenstandorte sind. Und an der Minikirche, die eigentlich nur ein Glockenturm ist, weil beim reihenweisen Kirchenbau im Kirchspiel vor fast 130 Jahren irgendwie die Luft ausging, als man bei den Garsitzern ankam. So stellte man ihnen wenigstens einen Glockenturm hin, die Gottesdienste aber legte man ins Schulhaus.

Kinder ziehen täglich die Uhr für das Dorf auf

Matthias Trapp zeigt zum Abschluss einen seiner Schätze: ein Kinderporzellan-Service, das zum Schluss in der Porzellanfabrik hergestellt wurde – natürlich und wie an der Verpackung zu erkennen nur für den Export.

Sie beide wollen, dass Elvira Müller erwähnt wird, die frühere Vorsitzende des Sportvereins, die nicht nur in diesem Amt sondern auch als Chronistin viele Verdienste hat. Und den Feuerwehrverein, ohne dessen Organisationstalent es im Ort weder Feste, noch Kirmes, Traktortreffen oder die Walpurgisnacht gäbe.

Und sie schließen mit einem Detail, an dem sich ablesen lässt, wie zuversichtlich Garsitz in die Zukunft schaut: die Uhr am alten Schulhaus im Dorf muss täglich aufgezogen werden, nachdem ein Senior das jahrelang erledigte und es nun nicht mehr schafft, hat Ortsteilbürgermeister Knut Kummer eine Truppe Jungs rekrutiert, die das übernehmen. Die 12- bis 13-Jährigen nennen sich „Time-Keeper”.

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