Wie die Bücherei Lehesten die Lust am Lesen weckt

Lehesten.  Jeden Dienstag ist die kleine Stadtbücherei von Lehesten geöffnet. Ihr Leiter, Johannes Heyl, hat mit uns über verlorene Bücher und Ausleihfristen gesprochen.

Johannes Heyl zwischen den Romanen. Knapp 2800 Bücher hat die Lehestener Stadtbücherei im Bestand, zum allergrößten Teil leichtere Belletristik.

Johannes Heyl zwischen den Romanen. Knapp 2800 Bücher hat die Lehestener Stadtbücherei im Bestand, zum allergrößten Teil leichtere Belletristik.

Foto: Robin Kraska

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Der neueste Konsalik sollte es immer sein. Dann war Johannes Heyls wohl emsigste Kundin, nennen wir sie Frau M., glücklich. Jetzt, da sie alle ausgelesen hat, sind andere Schmöker zum Schmachten gefragt. Auswahl hat Frau M. reichlich, Johannes Heyl berät sie gern. Die Rückmeldung zur Qualität des Werkes bekommt er gratis dazu.

Auch als Rentner will Johannes Heyl Teilzeitbibliothekar von Lehesten bleiben

Jeden Dienstag hat die kleine Stadtbücherei im Lehestener Rathaus von 15.30 Uhr bis 17 Uhr für anderthalb Stunden geöffnet; auch in den Ferien. Johannes Heyl wohnt in der Schieferstadt und ist hauptberuflich noch bis Sommer Lehrer für Deutsch und Kunst am Gymnasium Lobenstein. Die Bücherei führt er ehrenamtlich seit Frühjahr 2013. „Damals gab es eine Ausschreibung, wer sie unentgeltlich übernehmen möchte“, erinnert sich der Teilzeit-Bibliothekar. Aufgrund der Haushaltskonsolidierung vermochte die Stadt sich diese freiwillige Aufgabe nicht mehr selbst zu leisten, wollte sie aber auch nicht abstoßen. „Ich hätte es schade gefunden, wenn sie gegangen wäre. Da habe ich zugesagt“. Die Einrichtung gibt es aber schon deutlich länger, saß auch einmal in der Breiten Straße, erzählt der 65-Jährige – und hat wider alle äußeren Umstände bis heute überlebt.

Familiensagas und historische Romane besonders beliebt

Nun betreut Heyl neben seinen rund 15 Stammlesern auch den Bestand von aktuell ziemlich genau 2775 Büchern, hauptsächlich leichtere Belletristik aller Genres aus DDR-Produktion und vor allem der Nachwendezeit. Dem Lehestener Lesenachwuchs steht auch eine gar nicht mal so kleine Auswahl Kinderliteratur zur Verfügung, hier dann auch Wissensbücher. Auf diesen doch sehr günstig klingenden Schlüssel aus Leser- und Bücherzahl angesprochen, zeigt Heyl die völlig analoge Benutzerkartei in einem speckig glänzenden Holzkästchen auf seinem Schreibtisch. Längliche Pappkarten enthalten die Infos zum Nutzer sowie alle Ausleihen. Eine der Leserinnen umfasst bereits mehrere Karten, Heyl kann sie wie einen Fächer zeigen. Ein Blick darauf verrät, dass die ältesten Ausleihen bereits von vor der Jahrtausendwende stammen. „Es sind nicht viele, aber dafür treue Leser. Der Großteil sind ältere Leute“.

Eine Benutzungsordnung existiert zwar, aber Heyl ist kein Prinzipienreiter. „Ausleihfristen sehe ich nicht so eng, ich kenne ja meine Leute. Bisher ist noch nichts unterschlagen worden“. Einmal ist einem Nutzer das Buch verloren gegangen, dafür brachte er ein anderes vorbei. „Deswegen mache ich doch kein Fass auf!“
Er habe immer mindestens ein Buch in Ausleihe. An manchen Tagen kommt auch gar niemand. Dann findet er Zeit, selbst zu lesen. Umberto Ecos „Das Foucaultsche Pendel“ und die Bücher zum Thüringisch-fränkischen Schieferbergbau von Siegfried Scheidig und Mitverfassern fesseln ihn momentan am meisten.

Überhaupt böten ihm Leute regelmäßig eigene Bücher als Geschenk an, sagt er. Nicht alle Angebote seien brauchbar. „Viele scheuen sich, Bücher, vor allem alte, wegzuschmeißen. Das ist aber kein Verbrechen!“. Gerne nimmt Johannes Heyl aktuelle Literatur und Bestseller an, möglichst nicht älter als fünf Jahre. Selbst kommt in dieser Frage dann aber doch der Germanist in ihm durch: „Einen Puschkin oder Ossietzky kann ich auch nicht so einfach wegschmeißen“.

Die Gaben der Besucher füllen inzwischen ein ganzes Regal und einen Tisch. Und was ist am beliebtesten, geht am besten? „Familiensagas, historische Romane, vor allem mit den Themen Flucht und Vertreibung“, sagt Johannes Heyl. Nachdem eine Leserin eine Pauschalreise nach Australien unternommen hatte, waren plötzlich auch Bücher rund um den fünften Kontinent gefragt. Mit Exotik gegen lange, dunkle Lehestener Winterabende.

Fleischermeister stiftete ganzen Chronikband

„Krimis allerdings weniger“, obwohl gerade die besonders stark vertreten sind. Heyl versteht die Bücherei „nicht als Antiquariat sondern als eine moderne Unterhaltungsbibliothek“. Einmal habe ein Besucher nach einer Brecht-Biografie gefragt. „Das war aber mehr scherzhafte Wichtigtuerei“, sagt der Büchermann grinsend. Trotzdem findet sich auch ein Chronikband und ein ganzer Satz „Meyers Lexikon“ im Bestand. Die Chronik stiftete der 2017 verstorbene Fleischermeister Hugo Munzer aus Lehesten der Bibliothek. Ein Benutzer, „der Herr Müller“, hatte sie sogar komplett gelesen. Das beeindruckte auch Johannes Heyl. Bemerkenswert: Unter dem guten Dutzend regelmäßiger Nutzer ist nur ein einziger Mann.

Am begehrtesten, bekennt Johannes Heyl offen, ist aber die Ecke mit den Saalfelder Büchern: Etwa zweimal jährlich bezieht er von der Stadt- und Kreisbibliothek in Saalfeld drei, vier Kartons mit aktueller Belletristik für die Großen. Auf diesem Wege finden auch DVDs und CDs, wie Hörbücher, ihren Weg nach Lehesten. Nach einem halben Jahr wird wieder ausgewechselt, damit der Bestand in Bewegung bleibt. Heyl schwärmt von der Kooperation mit den Saalfelder Kollegen. Von der darunterliegenden Thalia-Filiale bezieht er jährlich druckfrische Kinder- und Jugendliteratur. Für Neuanschaffungen gibt die Kämmerei der VG ein freiwilliges Budget von jährlich 100 Euro. Inhaltlich hat Johannes Heyl völlig freie Hand, er lobt die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung, die den Raum zur Verfügung stellt und heizt.

„Eine städtische Bibliothek ist zwar praktisch entbehrlich, aber kulturell obligatorisch“, findet er. Von Bereicherung kann ohnehin keine Rede sein, denn die eher symbolische Jahresgebühr brachte 2019 genau 77,50 Euro ein, die in die VG-Kasse fließen. Johannes Heyl möchte das Ehrenamt auch als Rentner weiterführen und aufsperren, so lange es geht und er Lust hat. „Ich wünsche mir sehr, dass die Bücherei Lehesten erhalten bleibt. Sie würde fehlen.“

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