Lesung in Saalfeld: Eine Kindheit im Schatten von Krieg und Umsiedlung

Saalfeld  Mona Krassu liest in der Saale-Galerie aus ihrem neuen Roman „Freitagsfische“, der das Schicksal ihrer Familie verarbeitet.

Autorin Mona Krassu signiert für Besucher der Lesung ihren Roman „Freitagsfische“.

Autorin Mona Krassu signiert für Besucher der Lesung ihren Roman „Freitagsfische“.

Foto: Jens Voigt

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Unbeschwertes Spielen, Ausflüge mit den Eltern, das eigene Zimmer entdecken und ausfüllen – so sollten Kindheitsberichte sein. Dies aber ist ein anderer Bericht mit längst versunkenen Begriffen: Lebensmittelmarke. Bezugsschein. Heimkehrerzug. Und: Umsiedlerkinder.

„Warum nennen sie uns Umsiedlerkinder, Flüchtlinge?“, fragt die sechsjährige Sieglinde. „Sind wir nicht Menschen wie sie, mit zwei Armen, zwei Beinen, einem Kopf?“. Weil ihr keinen Vater habt, heißt es in der Schule. „Umsiedlerkinder, das sind die von woanders her“, schnaubt der Sohn des Bürgermeisters. „Woanders“, was ist das, denkt Sieglinde. Ein leerer Ort, dem die Menschen abhanden gekommen sind?

Mona Krassu, 1969 geboren in Weida, seit 1999 in Gera lebend, schaut in ihrem Roman „Freitagsfische“ auf die Jahre kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs zurück – und auf die Geschichten ihrer Mutter und Großmutter. In der Saale-Galerie trifft sie am Sonnabend auf ein teils weit gereistes und intensiv aufmerksames Publikum. Was wohl nicht nur an Krassus Verbindung zu Saalfeld liegt – sie hat einst in der Maxhütte gelernt, gehört dem hiesigen Kunstverein an, hat im gebürtigen Saalfelder Horst Sakulowski einen kongenialen Illustrator ihres Buches.

Es ist auch ihr Lesen und Sprechen, das fasziniert, die fast szenischen Dialoge, in denen sie den Protagonisten jeweils eigene Stimmen gibt. Und es ist diese Zeit, die sie mit ihren Geschichten aufruft, längst vergangen scheinbar und doch in manchen Dingen Parallelen aufwerfend zu Heute: Der billige Hochmut derer, die schon immer hier waren, in dieser Kleinstadt, deren Beschreibung mit Lohgerberei, Zipfelturmburg und feuchten Gassen am Fluss an das Nachkriegs-Weida gemahnt. Das eilfertige Mitschwimmen im Strom der vermeintlichen Mehrheit.

Die Selbstverpanzerung gegen jene, die man als unwerte Gäste gerade noch duldet. Einmal, als Sieglindes Mutter Irma, die mit vier Kindern lediglich durch Vorhänge abgetrennt im zugewiesenen Zimmer der Wohnungswirtin Ottilie lebt, aus lauter Hunger gestohlene Kartoffeln und Möhren zu einem Brei mengt, der dann doch nicht reicht, reagiert Ottilie: „Sie hätten doch was sagen können!“ Als wüsste sie nichts von der Scham einer Mutter, deren Arbeit keinen Brotkorb füllt. Und die darunter leidet, stehlen zu müssen, um nicht um einen Vorschuss auf ihre Arbeit peinlich bitten zu müssen.

„Ein wunderbares, wundersames Buch. Mona Krassu erzählt meisterlich eine Geschichte, die lange nachbrennt.“ So urteilt der Schriftsteller Feridun Zaimoglu über „Freitagsfische“. In der Saale-Galerie signalisieren teils tief versunkene Zuhörer, dass es ihnen ähnlich geht.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren