Meine Woche

Mehr Zeit für Vorfreude

Thomas Spanier über Himmelfahrt an historischem Ort und Verständnis, das keine Einbahnstraße ist - eine Kolumne zum Wochenende

Thomas Spanier, Redaktion Saalfeld-Rudolstadt

Thomas Spanier, Redaktion Saalfeld-Rudolstadt

Foto: Peter Michaelis

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Keine Ahnung, was Sie zu Himmelfahrt 2019 gemacht haben. Und ob Sie sich noch erinnern können. Es war in einem anderen Leben, zu einer anderen Zeit. Ich habe diesen Tag im vorigen Jahr an historischem Ort verbracht, auf Europas größtem innerstädtischen Strandareal, in Sichtweite zur Gedenkstätte Berliner Mauer. „Beach Mitte“ heißt die Anlage mit über 50 Volleyballplätzen, auf dem ich mit dem ältesten meiner drei Kinder und über hundert weiteren Mannschaften am Vater-Sohn-Turnier teilnahm. Das jüngste Kind kletterte nebenan im Hochseilgarten, während wir uns bis ins Viertelfinale baggerten. Es folgte ein beglückendes Berlin-Wochenende mit allem, was mir wichtig ist: Familie, Nähe, bereichernde Begegnungen. Den Rest des Jahres blitzte immer mal wieder die Vorfreude auf, das 2020 wiederholen zu können. Vielleicht mit noch mehr Turnierteams: Vater und Sohn, Mutter und Tochter, wer weiß, wer noch.

Das Coronavirus hat nicht nur diesen Traum platzen lassen. Nichts mit Beachvolleyball in diesem Frühjahr, nichts mit Großfamilie, nichts mit bereichernden Begegnungen, gleich gar nichts mit Nähe. Ich bin ein Betroffener, so wie wir alle betroffen sind. Auf unterschiedliche Weise. Mir kam nur das Vergnügen abhanden und der gewohnte Alltag, in dem die Kinder verwahrt und beschult werden, während man selbst seiner Arbeit nachgehen kann. Anderen wurde von jetzt auf gleich die Existenzgrundlage genommen, die Möglichkeit, geliebte Menschen im Krankenhaus oder Altenheim zu besuchen, das Grundrecht auf Bundesligafußball.

Wie so oft im Leben, hilft es, sich in den anderen hineinzuversetzen. Wie hart muss es sein, zuzusehen, wie das, was man sich über Jahre aufgebaut hat, den Bach runtergeht? Untätig zu Hause sitzen zu müssen, während den Menschen genau das fehlt, was man gut kann: Unterhalten, Anstöße geben, für gute Laune sorgen. Ich verstehe den Frust, der sich da entwickelt.

Aber Verständnis ist keine Einbahnstraße. Könnte es vielleicht sein, dass diejenigen, die sich an die Regeln halten, nicht obrigkeitshörig und komplett verblödet sind, sondern einfach sich und andere vor einer Ansteckung schützen wollen? Könnte es sein, dass „die da oben“ das selbe wollen wie man selbst? Dass diese Plage schnell und ohne unnötige Opfer vorbeigeht?

Das Vater-Sohn-Turnier am „Beach Mitte“ in Berlin soll in diesem Jahr übrigens am 18. Juli nachgeholt werden. Zwei Monate mehr Zeit für Vorfreude.

Schönes Wochenende!

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