Meine Woche

Meine Woche: Die erste Lüge des Tages

Thomas Spanier über Orlamünde, Alkohol im Direktorenzimmer und die Gefahr, sich ehrlich zu machen - eine Kolumne zum Wochenende.

Thomas Spanier, Redaktion Saalfeld-Rudolstadt

Thomas Spanier, Redaktion Saalfeld-Rudolstadt

Foto: Peter Michaelis

Orlamünde ist ein guter Ort, um ein neues Leben anzufangen. Keine Lügen mehr, keine Ausreden, keine Beschönigungen. Es war in Orlamünde, als mir in dieser Woche klar wurde, ich würde es nie und nimmer pünktlich bis Neusitz schaffen, wo ich mit der Schulleiterin verabredet war. Am Ende waren es mit Zeutscher Baustellenampel und Schleicher im Hexengrund 15 Minuten Verspätung, die nicht zu entschuldigen sind. Man raubt dem Wartenden Lebenszeit.

Weil ich es selbst hasse, wenn mir Lebenszeit geraubt wird, half nur noch brutale Ehrlichkeit: „Zu spät losgefahren“ gab ich wahrheitsgemäß und zur Verblüffung meines Gegenübers als Grund für mein Zuspätkommen an. Sie sah es mir nach. Bei 42 Dienstjahren kommt es auf ein akademisches Viertel mehr oder weniger nicht an.

Ich schätze mal, dass mindestens zwei Drittel aller Zuspätkommenden nicht rechtzeitig losgefahren sind. Weil das aber niemand gern zugibt, werden jeden Tag tausende Gründe frei erfunden. Bis zu 200 Mal am Tag lügen Menschen, haben Wissenschaftler herausgefunden. Junge schwindeln öfter als Ältere, Männer nach neueren Studien häufiger als Frauen. Oft ist schon ein „Guten Morgen, Liebling!“ die erste Lüge des Tages.

Sich ehrlich zu machen, ist eine so erstrebenswerte wie gefährliche Eigenschaft. Müssten nicht Konsequenzen folgen, gesteht man sich ein, dass man einfach mal zu dick ist und nicht die Drüsen daran schuld sind, sondern ungesundes Essen und zu viel Bier? Wer hat den Mut, seinen Chef als das zu bezeichnen, was er ist? Wer entgeht der Verlockung, sich bei der ersten Begegnung mit einem Unbekannten besser darzustellen, als man ist? Und ist nicht auch Schminken eine perfide Form der Lüge?

Die scheidende Neusitzer Schulleiterin und ich hatten ein sehr angenehmes und sehr offenes Gespräch. Ich weiß jetzt sogar, wo der Alkohol steht, den sie ihren Schülern abnimmt. Ich lebe in der trotzigen Hoffnung, dass dies mit meiner anfänglichen Ehrlichkeit zu tun hat. Und mit Orlamünde natürlich.

Schönes Wochenende!