Meine Woche

Meine Woche: Von Angesicht zu Angesicht

Thomas Spanier über Parteisekretäre und gechipte Reptiloide - eine Kolumne zum Wochenende.

Thomas Spanier, Leiter der OTZ-Redaktion Saalfeld-Rudolstadt

Thomas Spanier, Leiter der OTZ-Redaktion Saalfeld-Rudolstadt

Foto: Peter Michaelis

Ich bin in einem Land großgeworden, in dem man amerikanische Wissenschaftler in Anführungszeichen setzte. Was „amerikanische Wissenschaftler“ herausgefunden hatten – ob nun über das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter, das Vorkommen von Süßwasserfischen im Stillen Ozean oder die durchschnittliche Stimmlage ostdeutscher Leistungsschwimmerinnen in Interviews des DDR-Fernsehens –, war grundsätzlich zu hinterfragen. Traue keiner Erkenntnis des Klassenfeindes, lautete die Botschaft. Kombiniert gern mit der Frage: Wem nützt es?

Was nicht in Frage gestellt wurde, weil das selbst den Klassenkämpfern zu absurd gewesen wäre, waren offensichtliche Dinge, die Naturgesetzen folgten. Dass sozialistische Flüsse nach oben fließen, Unwetter um Kuba einen Bogen machen und Lenin im Mausoleum so quicklebendig wie heimlich seinen 120. Geburtstag feiert, hätten sich nicht mal Parteisekretäre getraut, unters Volk zu bringen.

Zwei Generationen, ein föderales Bildungssystem und 50 Privatfernsehsender später ist dieser Konsens längst Geschichte. Es ist völlig egal, ob neun von zehn Wissenschaftlern zwischen Sofia und Sacramento den Klimawandel für menschengemacht halten, ob Forscher weltweit das Artensterben als die derzeit größte Bedrohung der Menschheit ansehen oder sämtliche Länder der Welt, unabhängig von der politischen Ausrichtung ihrer Regierung, gegen ein todbringendes Virus kämpfen, es findet sich immer einer, der es besser weiß. Und ein Zweiter, dem das einleuchtet, woraufhin er sich erst zum Querdenker und nach 77 Likes bei Facebook zum Volk erklärt, das sich in seiner virtuellen Blase wieder und wieder bestätigt, bis es am Ende glasklar erkennt, dass die Kanzlerin in Wirklichkeit ein von Bill Gates gechiptes Reptiloid ist, das eine Pandemie eiskalt ausnutzt, um die Tabaksteuer in Deutschland zu erhöhen.

Wahrscheinlich ist es zu romantisch gedacht, aber ich wünsche mir die Zeit zurück, da man von Angesicht zu Angesicht Argumente austauschte, einander zuhörte, einen Moment über das Gesagte nachdachte und am Ende die Größe aufbrachte, zu sagen: Vielleicht hast du Recht, wenigstens ein bisschen. Stattdessen wird verbal aufeinander eingeschlagen, als gäbe es kein Morgen. Schlafschafe gegen Covidioten, Bahnhofsklatscher gegen Nazis, alle gegen alle.

Warum das so ist, wäre mal ein dankbares Forschungsfeld für Wissenschaftler. Die nicht zwingend aus Amerika kommen müssen.

Schönes Wochenende!