Ökoprojekt

Nicht immer nur nehmen

Lichtenhain (Gräfenthal).  Auf einer Weide nahe Lichtenhain bei Gräfenthal planen Manuela Schönheit und Claudia Fiedler neue Lebensräume für seltene Pflanzen und Tiere.

Glücksgarten Lichtenhain

Glücksgarten Lichtenhain

Foto: Manuela Schönheit

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Manuela Schönheit und Claudia Fiedler haben im Wortsinne Großes vor. Wir treffen die beiden Freundinnen an einem ebenso sonnigen, wie eisigen Wintermorgen am Ortsrand von Lichtenhain bei Gräfenthal. Vor uns windet sich ein umzäuntes Band von etwa vier Metern Breite und gut 500 Metern Länge vom Dorf zum Wald, Richtung Landesgrenze und Grünes Band, hinauf. „Das wird die Wildhecke“, sagt Manuela Schönheit. Hier sollen sich seltene und bedrohte Tiere und Pflanzenarten wohl fühlen. Innerhalb des Streifens sind in regelmäßigen Abständen Erdhügel aufgehäuft oder Kuhlen angelegt, dazwischen neugepflanzte Bäume und junge Hecken, abgestützt mit Pflanzpfählen. Die geschlängelte Form begründet Manuela Schönheit damit, dass sie tierfreundlicher sei und mehr Sonne einfallen lasse. Der Zaun dient der gerade erst entstehenden Flora und Fauna innerhalb des Streifens als Schutz vor Wildschäden. In regelmäßigen Abständen ist das Band unterbrochen, um Rehen, Wildschweinen und Co. sichere Durchgangsmöglichkeiten zu bieten. Ist die Pflanzung irgendwann hoch und dich genug, kommt das metallene Geflecht weg.

Manuela Schönheit stammt aus Lichtenhain und lebt jetzt in Marktgölitz, Claudia Fiedler ist Wahl-Unterloquitzerin. Sie haben sie sich „einfach gefunden“ und arbeiten nun gemeinsam an ihrem „Glücksgarten“, einem ökologischen Projekt in Kooperation mit dem Nabu Kreisverband Saalfeld-Rudolstadt. Seit Herbst letzten Jahres sind die Arbeiten vor Ort im Gange, die Idee ist aber schon älter. „Unser Ziel ist, der Natur etwas zurückzugeben, wo der Mensch sonst immer nur von ihr nimmt“, sagt Manuela Schönheit, der die rund vier Hektar große Fläche gehört. „Geben ist erfüllender, als nehmen“, findet sie. Beruflich kommen Schönheit und Fiedler aus dem Verkauf beziehungsweise der Pflege. Die Liebe zur Natur eint sie.

„Geben ist erfüllender, als nehmen“

Ursprünglich planten die Frauen Gemüseanbau, doch die Böden stellten sich als nicht geeignet genug heraus. Schließlich reifte die Idee vom Glücksgarten: Die bis letzten Sommer als Weide genutzte Wiese wird renaturiert und zu einem großen Biotop umgestaltet, das wiederum mit dem Grünen Band korrespondiert. Geplant sind neben den schon jetzt hervorstechenden Erdhaufen und Kuhlen - sogenannten Sonnenfallen - auch Magerwiesen, Totholzbereiche, Steinpyramiden, Wildblumenflächen, Hecken und mehrere Feuchtgebiete. Sie dienen allem möglichen Getier, insbesondere Insekten, als Unterschlupf und sollen so für eine möglichst große Biodiversität sorgen. Manuela Schönheit nennt die bedrohte Biene als Beispiel, aber auch Schmetterlinge, Falter, Eidechsen, Kleinsäuger und Fledermäuse, wie das Braune Langohr und die Kleine Hufeisennase. Ihnen soll mit dem Biotopstreifen ein Leitstruktur zum Fliegen gegeben werden, gerade denen, deren Ultraschallsignal nicht weit reicht. Die Flughunde nutzen bereits den Glockenturm der Lichtenhainer Dorfkirche als Quartier.

Zusätzlich zu den Neupflanzungen von Bäumen und Sträuchern regionaler Sorten, unter anderem Wildapfel und -kirsche, haben die beiden bereits Vorhandenes gerettet, etwa einen Vogelbeerenbaum am Rand der Fläche. Ein kleines Feuchtbiotop, das schon da war, wird erhalten, ebenso wie ein einsamer Stromleitungsmast aus Beton. „Vielleicht kann man ihn ja begrünen oder als Ort für Vogelnester herrichten“, sagt Manuela Schönheit. Im Fokus der Frauen steht vor allem der streng geschützte Neuntöter, dem ein Bruthabitat geschaffen werden soll.

Eine Trauerweide ist bereits 2018 gepflanzt worden, zwei Winterlinden markieren den künftigen Eingang in das Areal. Im Faulbaum fühlen sich Schmetterlinge und Bienen wohl. An ihren Stützpfählen sowie am Zaun hängen Schiefertäfelchen mit Sinnsprüchen und Zitaten. „Wer Liebe sät, wird Liebe ernten“ ist da zum Beispiel zu lesen. Manuela Schönheit hat sie geschaffen.

Ein Ort der Begegnung

Sie und Claudia Fiedler verstehen ihren Glücksgarten - Nomen est omen - nämlich nicht nur als ökologisches, sondern auch als zwischenmenschliches Projekt. „Unser Ziel ist außerdem, einen Ort der Begegnung für alle Menschen zu schaffen, an dem man sich trifft und gerne aufhält“, sagt Claudia Fiedler. So verstehen sie auch ihren Leitspruch „Vom Ich zum Wir“. Infoschilder für Besucher sollen Wissenswertes über die heimische Flora und Fauna vermitteln, Bänke zum Verweilen einladen, ein kleiner Bauwagen als Quartier dienen, sogar ein umweltfreundliches Kompostklo ist denkbar. „Wer einen übrig hat oder uns sonst unterstützen kann, darf sich gerne melden“, sagt Manuela Schönheit, die auch pädagogische Projekte mit Kinder und Jugendlichen im Kopf hat, etwa gemeinsames Nistkästen bauen. Baumpatenschaften sind möglich, eine Familie aus Coburg etwa hat die Pflanzungen im „Engelshain“, dem nordöstlichen Teil des Glücksgartens, gesponsert. Nachahmer sind willkommen.

Auch regelmäßige Veranstaltungen soll es geben, am ersten August zum Beispiel ein Künstlertreffen von Kunstschaffenden der Region mit einem Benefizkonzert für das Projekt. Dann, im Sommer, wird sich der bisher noch eher spartanisch ausnehmende Glücksgarten freilich schon greifbarer darstellen. Spenden sind Claudia Fiedler und Manuela Schönheit willkommen; auf Facebook halten sie unter dem Titel „Glücksgarten Lichtenhain“ über ihr Projekt auf dem Laufenden.

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