Optimismus im Waldparadies: Zu Besuch in Knobelsdorf

Saalfeld.  Der Landreporter traf in Knobelsdorf Leute „mit vielen Charakteren, aber alle sind liebenswert“. Über Aufbruchsstimmung und eine tolle Anekdote.

Der Landreporter in Knobelsdorf: Jens Gäbler schafft Kunst mit der Motorsäge.

Der Landreporter in Knobelsdorf: Jens Gäbler schafft Kunst mit der Motorsäge.

Foto: Guido Berg

In der Dorfmitte sind es 487 Meter über Null. Der erste Herbstregen fegt kühl durch das Höhendorf, doch das ficht einen Knobelsdorfer nicht an. Eckhardt von Rein hat gearbeitet, ein paar Holzspäne auf seiner Kluft zeugen davon, nun sitzt er an der überdachten Dorfbank und spült den Staub mit einem Bier herunter. Schon vor wenigen Tagen haben wir zusammengesessen, dabei war auch Marion Müller, die Chefin des Dorfclubs, und von Rein hat erzählt. Von der Geschichte Knobelsdorfs und was sie so auf dem Herzen haben im Ort. Doch diese Anekdote, eine wirklich gute, die hat er vergessen. Darum erzählt er sie jetzt.

Da, wo von Rein gerade sitzt, treffen sich die Knobelsdorfer im Sommer jeden Abend. Und ein Ehepaar aus Saalfeld ist mit dabei. Erst war nur der Mann aus dem Auto gestiegen, sie blieb reglos auf dem Beifahrersitz sitzen. Ihr Arzt diagnostizierte Demenz. Irgendwann stieg auch die Frau aus dem Auto und setzte sich mit zu. Jeden Tag war das so und ist es immer noch. Die Nachbarn in Saalfeld sollen schon gefragt haben, wo sie bloß jeden Abend hinfahren.

Dann begann die Frau etwas zu sagen, etwas zur Unterhaltung beizutragen, Witze zu machen. Und so kam der Tag, wie Eckhardt von Rein erzählt, da konnte ihr Arzt die Medikamente absetzen. Der 70-Jährige wirkt zufrieden. Was kann man Schöneres über die Knobelsdorfer erzählen als diese Anekdote?

Auch Jens Gäbler findet, dass sich etwas tut. In den letzten Jahren finden sie wieder enger zusammen, die Initialzündung sei 2012 gekommen. Da haben die Dorfbewohner Holz aus ihren Wäldern gebracht und in Gemeinschaftsarbeit Sitzbänke daraus gezimmert. Seither kümmern sie sich um die Bänke und Gäbler findet: „Es ist so ein richtiges Erwachen für den Tourismus im Dorf gekommen.“ Wer nach Pessimismus in Knobelsdorf sucht, der sucht vergebens.

Die Frau aus Holz ist für eine Fee etwas zu sexy

Und wird schon gar nicht fündig bei Jens Gäbler. Der 54-Jährige steht mit der Motorsäge vor einem Stamm; aus dem er die Umrisse und das Gesicht einer Frau gesägt hat. Die Schöne hat schöne Hüften und Brüste und ist für die neue Bestimmung etwas zu sexy geraten…

Aber Jens Gäblers Geschichte von vorn: Vor mehr als einem Jahr bat ihn seine Mutter, einen kleinen Engel aus Stein zu reparieren. Sie liebte Engel, sie sammelte sie. Als Gäblers Mutter starb, war das Engelchen noch nicht repariert – für Gäbler der Anlass, diesen Engel mit der Motorsäge aus einem Holzstamm zu schneiden, eine Kopie in groß und aus Holz.

Das gelang ihm so gut, dass er seinen Job als IT-Techniker im Schokoladenwerk kündigte. Nun arbeitet er drei Tage die Woche bei den Feengrotten als „Feenmeister“, als Zuständiger für das Feenwäldchen. Und zwei Tage in der Woche sägt er als selbstständiger Holzkünstler. Die Sexy-Holzfrau in seiner Garage soll nun eine Fee werden. Sie wird ein Kleid erhalten und viel Anmut ausstrahlen, wie sich das für eine Fee gehört.

Natürlich könnte es eine Midlife-Krise sein, die aus Jens Gäbler, den gutbezahlten IT-Fachmann, Jens Gäbler, den Hillbilly-Künstler gemacht hat. Dem Knobelsdorfer ist es egal, was das ist, was er da gerade mit sich erlebt. „Vielleicht ist es Sinnsuche?“ Wichtig sei: „Es tut mir gut!“

Er war zwölf Jahre alt, als ein Westpaket ihm eine Hillbilly-Cordhose bescherte, eine Hose, die ihm unverschämt gut passte. Deshalb Hillbilly (englisch für „Hinterwäldler“ oder „Landei“). Die Auftragslage für Hillbilly ist gut, eine Eule soll er machen, eine Katze und auch eine Nixe für den Neffen. Reich wird er nicht werden, aber: „Die Jagd nach Geld ist Jagd nach Wind.“

„Ein schönes Wochenende und ein doppeltes Gehalt!“

Und auch der „Knobel-Bär“ am Eingang zum Dorfclub ist von Gäbler. Chefin des Dorfclubs ist Marion Müller und es lässt staunen, was die längst unter 40 Einwohner von Knobelsdorf so alles auf die Beine stellen: Kirmes mit Tanz und Frühschoppen, Maibaum-Setzen, Walpurgis-Feuer.

Gegründet wurde der Dorfclub 1987, „die Kultur war vorher ein wenig eingeschlafen“, sagt Eckhardt von Rein, der wie Marion Müller bereit ist, über Knobelsdorf zu erzählen.

Vom Ferienheim des FDGB, das heute privat bewohnt wird von einem Knobelsdorfer, der nach einem kurzen Schwatz lachend zurief: „Ein schönes Wochenende und ein doppeltes Gehalt!“ Von der Ferienwohnung, ein ganzes Haus, das Touristen lieben, die es kennen. Einmal habe ein Niederländer seine Gitarre rausgeholt und sie haben auf der überdachten Dorfbierbank getrunken und gesungen bis morgens um zwei.

„Das hier ist ein Paradies!“

Vom Waldsterben erzählen sie und den Borkenkäfern, was allen zu schaffen mache in Knobelsdorf, denn Wald bewirtschafte hier fast jeder. Sie erzählen von den freundlichen Bauarbeitern, die die Gasleitung erneuern, die am Ort vorbei führt und deren schwere Technik der engen Straße runter nach Saalfeld schwer zusetzt. „Wir hoffen, dass die Straßenbehörde ein Auge drauf hat“, mahnt von Rein. Dass sie nun zu Saalfeld gehören, finden die Knobelsdorfer in Ordnung: „Die Befürchtungen haben sich nicht bestätigt.“

Bestätigt hat sich für den Landreporter nach zwei Besuchen im „Dorf oben im Wald“ – der slawische Ursprung des Ortsnamens –, was Holzschnitzer Gäbler über die Knobelsdorfer sagt: „Es ist ein kleines Dorf mit ganz vielen Charakteren, aber alle sind liebenswert“. Und auch das sagt Jens Gäbler: „Das hier ist ein Paradies!“ Recht hat er.