Rudolstädter Wandertheater „Reaktionsraum“ verabschiedet sich mit Faus-Inszenierung nach zehn Jahren aus der Region

Rudolstadt  Wohl jeder kennt Goethes Faust. Was für viele Unterrichtsstoff ist, bedeutet für das Team des Wandertheaters „Reaktionsraum“ Rudolstadt, Herausforderung und Faszination zugleich. „Wir widmen uns 2019 der Geschichte um den berühmten Doktor und seinen teuflischen Gegenpart. Damit feiern wir auch das zehnte Jubiläum unseres Wandertheaters“, so Gründer und Kopf der Gruppe Stefan Kreißig.

Das Wandertheater „Reaktionsraum“ aus Rudolstadt tourt wieder - nach zehn Jahren zum letzten Mal. Faust steht auf dem Programm. Premiere ist am 19. Juli um 19 Uhr in Gräfenthal.

Das Wandertheater „Reaktionsraum“ aus Rudolstadt tourt wieder - nach zehn Jahren zum letzten Mal. Faust steht auf dem Programm. Premiere ist am 19. Juli um 19 Uhr in Gräfenthal.

Foto: Stefan Kreißig

„Nach den großen Romanen ‚Moby Dick‘ und ‚Don Quijote‘ zeigen wir 2019 wieder einen kurzweiligen, dichten Theaterabend. Dabei machen wir die Reise des unruhigen Geistes Faust und seines teuflischen Gegenpartes Mephisto auch für Nichttheatergänger sinnlich erlebbar. Durch die Verwendung von Livemusik, Akrobatik, Performance, Tanz und vielem mehr kreieren wir Bilder, welche die Geschichte auf mehreren Ebenen erzählen“, kündigt er an.

Regie führen wieder der künstlerische Leiter des Berliner Theaters „Brotfabrik“ Nils Foerster und der Schauspieler Stefan Kreißig. Es spielen die bereits bekannte Akrobatin Rixa Rottonara, Robert Martin, der nach Goetz von Berlichingen zum zweiten Mal dabei ist, und das Reaktionsraum-Urgestein Anton Pohle. Die Musik wird komponiert und live vorgetragen von der studierten Akkordeonistin Annika Hein. Sie wird diesmal mit elektronischer Verfremdung live eingespielter Musikparts experimentieren. Team vor Ort sind Lydia Weber für die Organisation, Anton Rein für die Technik und viele freiwillige Helfer und Unterstützer.

Allerdings verwandelt die Gruppe in diesem Jahr letztmalig Schlösser und Burgen im Landkreises Saalfeld-Rudolstadt und der Umgebung zu Kulissen für die Inszenierung.

Warum? „Dafür gibt es viele Gründe. Zum einen wird es Zeit, Platz für Neues zu schaffen. Das Format des Wandertheaters mit professionellen Schauspielern vor improvisierter Kulisse ist erst mal erfolgreich auserzählt. Unser und speziell mein Traum ist es, ein institutionelles Theater mit eigenem Ensemble zu leiten. Hier könnten wir all unsere Erfahrungen einfließen lassen und auch weiterentwickeln. Es ist spannend für mich herauszufinden, ob es möglich ist unser Theater der Nähe zum Zuschauer auch in einer Institution zu rezipieren“, so der Schauspieler.

Um mit dem Ensemble weiterzuarbeiten, würde ein anderer finanziellen Hintergrund benötigt. „Dieser ist mit der freien Arbeit nicht zu erreichen. Das Wandertheater beansprucht inklusive Antragstellung, Projektorganisation, Projektdurchführung, Abrechnung sehr viel Zeit, Energie und finanzielle Reserven. Für andere Dinge bleibt in einem Zeitraum von sechs Monaten jährlich wenig Raum“, so der junge Mann, der vor zwei Jahren Vater geworden ist.

Das Wandertheater verabschiedet sich nach insgesamt zirka 80 Aufführungen – öffentliche Proben in Jugendclubs und Flüchtlingsheimen nicht eingerechnet. Rund 5000 zahlende Besucher haben die Vorstellungen besucht. „Wir habe die Zeit dazu nutzen können, um unsere eigene Theatersprache zu entwickeln. Diese ist eine Mischung aus interdisziplinärer Arbeitsweise (Raum, Körper, Sprechtheater, Puppenspiel, Akrobatik), Anforderungen des jeweiligen Stückes und den Ansprüchen unseres Publikums“, zieht Stefan Kreißig eine positive Bilanz. „Unser Publikum besteht zu einem Drittel aus Nicht-Theatergängern, einem Drittel aus Zufallsbesuchern und einem Drittel aus Menschen, die dem Theater vertraut sind. Hatten wir anfangs in der Region um Anerkennung zu kämpfen, freuen sich die Menschen in vielen Gemeinden jetzt, wenn wir kommen. Das Lernen in Bezug auf Darstellung und Rezeption ist gegenseitig, der Kontakt zu unserem Publikum sehr direkt“, ergänzt er.

Bei der Entscheidung über die Zukunft habe auch die schwieriger gewordene Fördersituation eine Rolle gespielt. „Kulturelles Arbeiten vor Ort fordert ganzjährige Präsenz. Auch mussten wir Professionalität in den Strukturen erst lernen. Wir sind ein sehr kleiner Apparat und hatten keine Erfahrungen. Dabei sind auch Fehler passiert, die nicht bei allen Förderern gut ankamen. Grundsätzlich ist es uns gelungen, etwas mehr Verständnis für die freie professionelle Theaterarbeit zu erreichen. Das liegt vor allem an der Qualität unserer Arbeit. Viele Institutionen haben unser kreatives Chaos akzeptiert und begleiten uns wohlwollend. Dafür sind wir sehr dankbar“ so sein Fazit.

Die Suche dreht sich nun um neue künstlerische Herausforderungen. Im Zentrum steht die Frage: Welche Form muss Theater heute haben, um in einer sich zunehmend digitalisierenden Gesellschaft noch eine Relevanz zu besitzen? Muss man es neu denken oder zu seinen Wurzeln zurückkehren? „Um darüber nachzudenken brauche ich persönlich etwas Abstand. Ich möchte wieder Zeit haben zu gucken, wie andere den Weg des Theaters gehen, um meinen eigenen weiter beschreiten zu können. Das ist in den letzten Jahren zu kurz gekommen“, schaut Stefan Kreißig nach vorn.

19. Juli, 19 Uhr: Pfarrgarten Stadtkirche St. Marien, Gräfenthal; Premiere

20. Juli, 19 Uhr: Hoher Schwarm, Saalfeld

21. Juli, 19 Uhr: Schloss Schwarzburg, Schwarzburg

24. Juli, 19 Uhr: Bergbau- und Heimatmuseum, Könitz

25. Juli, 19 Uhr: Friedrich-Adolf-Richter Schule, Rudolstadt-Schwarza

26. Juli, 19 Uhr: Schloss Eichicht, Eichicht

27. Juli, 19 Uhr :Burg Ranis, Ranis

28. Juli, 19 Uhr: Pfarrgarten St. Jakob, Leutenberg

Reservierungen unter Telefon 01575/5843646

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