Saalfeld: Gestern noch Müll, heute ein Lineal

Saalfeld  Das Recyclingmobil der Leutenberger Save Nature Group hat Premiere am Heinrich-Böll-Gymnasium in Saalfeld. Die Schülern lernen dabei viel über Plastik.

Praktische Umweltbildung auf engstem Raum: Am Saalfelder Heinrich-Böll-Gymnasium hatte das Recyclingmobil der Save Nature Group jetzt seine Premiere.

Praktische Umweltbildung auf engstem Raum: Am Saalfelder Heinrich-Böll-Gymnasium hatte das Recyclingmobil der Save Nature Group jetzt seine Premiere.

Foto: Jens Voigt

Für die Böll-Gymnasiasten der 7. bis 9. Klassen ist es ein Projekttag wie üblich am Schuljahresende; für Georg Lesser, Hannah Uphaus, Lola Placby und Christian Linke indes eine lang erarbeitete Premiere: Zum ersten Mal soll das Recyclingmobil der Save Nature Group aus Leutenberg zeigen, ob das Konzept der mobilen und praktischen Umweltbildung aufgeht – und aus Plastikmüll wieder Brauchbares wird.

Am Vortag haben Schüler und Lehrer stundenlang Flaschen, Verpackungen und Tüten aus Kunststoff auf dem Gelände des Gymnasiums und in der Südstadt gesammelt, ein ganzer gelber Sack ist zusammengekommen, dazu noch reichlich Zigarettenkippen. Obwohl die Menge geringer ausfiel als in den Vorjahren, hat sie doch etliche Schüler nachdenklich gemacht, berichtet Lehrer Peter Kracik: „Selbst an scheinbar sauberen Plätzen findet sich überall Weggeworfenes, wenn man nur genauer hinschaut.“

Auch nicht eben ein pures Vergnügen war der nächste Schritt: die Abfälle waschen und nach Plastiksorten trennen: Polypropylen, Polystyrol, Polyethylenterephthalat, Polyvinylchlorid ... Und das sind längst nicht alle. Auf etlichen Verpackungen finden sich Kürzel wie „PET“ oder „PP“, zuweilen nur Nummern, die den Stoff anzeigen. Doch längst nicht auf allen. „Mit viel Energie, Wasser und Personaleinsatz lassen sich die Sorten zwar trennen, aber der Aufwand nagt eben auch an der Umweltbilanz beim Recycling“, erklärt Georg Lesser den Schülern. Werde indes Plastikmüll als Mischmasch recycelt, komme ein schlechteres Granulat heraus, das nur für relativ wenige Anwendungen taugt. Bleibt noch das Verbrennen, etwa in Zementöfen. Aber dann hätte man auch gleich das Erdöl verheizen können, ohne erst aufwendig Kunststoff zu produzieren. Klare Botschaft also: besser von vornherein Plastik vermeiden.

Im Mittelpunkt steht „Upcyceln“

Theoretisch einleuchtend, in der Praxis: nun ja. Auch auf dem Schulgelände sieht man nicht nur Jutebeutel, wird das Pausenbrot eher selten in Pergament verpackt. Und dann ist da noch das viele Plastik, das unsichtbar bleibt: Mikrokügelchen in Cremes und Shampoos, in Reinigern. Oder das Zelluloseacetat in Zigarettenfiltern – längst der größte Müllanteil in den Meeren. Über all das redet Georg Lesser mit den Schülern, erklärt Abbauzyklen, Herstellung, Ressourcenverbrauch und die Verbreitungswege von Kunststoff-Fitzelchen bis in Tiere, Nahrung und letztlich Mensch. Doch im Mittelpunkt steht das Praktische, nämlich das „Upcyceln“. Was meint, aus dem Plastikmüll nicht nur neuen Rohstoff, sondern etwas unmittelbar Brauchbares zu machen. Das geht mit Tetrapaks per handwerklicher Umformung, wie es Lola Placby den Jugendlichen an einem Tisch zeigt: Mit Schere, Falzen, Schnüren und Knöpfen verwandeln sich Getränkekartons in Geldbörsen oder kleine Taschen.

Der Clou freilich findet im Recyclingmobil selbst statt. In einer Maschine wird hier der Plastikmüll erst grob, nachfolgend per Häcksler mit Fahrradantrieb fein geschreddert. Anschließend in einer Spritzguss-Anlage verflüssigt und per mechanischer Presse in Formen gedrückt. Und am Ende kommen tatsächlich brauchbare kleine Lineale oder Wäscheklammern heraus, für den gewissen Showeffekt begleitet von Bühnennebel und rotierenden LED-Spots.

Die Idee des Recyclingmobils als quasi fliegendem Klassenzimmer für Umweltbildung beschäftigt die Save Nature Group schon länger, eigentlich kam sie bereits auf, als Lesser und Johannes Leeder an indischen Stränden mit Jugendlichen Müll zu sammeln begannen. Vor etwa einem Jahr, als Lesser im Internet das niederländische „Precious Plastic“-Projekt und seine bewusst simplen Recycling-Maschinen fand, begann mit Unterstützung der regionalen Leader-Aktionsgruppe und des Thüringer Umweltministeriums die praktische Umsetzung: Einen großen Pkw-Kofferanhänger gestaltete vor allem der gelernte Zimmerer und Save-Nature-Aktivist Leon Schneider zum mobilen Zimmer um, konstruierte und baute Schränke, Arbeitsplatten und Regale.

Voller Konzentration und mit Spaß bei der Sache

Markus Gottschald aus Reitzengeschwenda, gelernter Maschinenbauingenieur, konstruierte nach den Anleitungen im Internet sowie mit Unterstützung des Dresdener Umweltvereins Konglomerat die Schredder-, Extrusions- und Spritzgussmaschinen und brachte sie ins Laufen. Jeweils zwei Schultage für bis zu 30 Schüler umfasst das Projektangebot, das wegen der Förderung durch das hiesige Umweltministerium zunächst durch Thüringen rotiert – und bereits kräftig nachgefragt wird. „Aquila- und Marco-Polo-Schule, Eisenach, Kölleda“, zählt Lesser aus dem Kopf die nächsten Standplätze des Recyclingmobils auf – und das sind nur die bis Ferienbeginn.

Karin Kettner jedenfalls ist von Konzept und Umsetzung des mobilen Umwelt-Klassenzimmers ziemlich begeistert. „Die Schüler sind voller Konzentration bei der Sache und haben offensichtlich auch noch Spaß dabei“, hat die Lehrerin für Deutsch und Kunsterziehung beobachtet. Mit den praktischen Versuchen, der selbst betriebenen Plastikmüll-Verarbeitung bekomme die Umwelt-Projektarbeit eine ganz neue Qualität, findet Kettner. Und ist froh, im vorigen Herbst ihre Äpfel zum Mosten ausgerechnet zur Obstpresse der Save Nature Group in Herschdorf gekarrt zu haben – denn so erfuhr sie vom Recyclingmobil und konnte die Premiere ans Böll-Gymnasium holen.

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