Saalfeld-Rudolstadt: Der aufhaltsame Aufstieg zum Hotspot

Saalfeld/Rudolstadt  Wie Saalfeld-Rudolstadt vom Musterschüler in Sachen Corona zum Landkreis mit der höchsten Inzidenz wurde – eine Suche nach Gründen.

Die Karte des Robert-Koch-Institutes zeigt die Neuinfektionen in Deutschland. Die Liste der Sieben-Tage-Inzidenz wird seit Dienstag von Saalfeld-Rudolstadt angeführt.

Die Karte des Robert-Koch-Institutes zeigt die Neuinfektionen in Deutschland. Die Liste der Sieben-Tage-Inzidenz wird seit Dienstag von Saalfeld-Rudolstadt angeführt.

Foto: Screenshot / RKI

Die zweite Kalenderwoche des Jahres 2021 wird in die Geschichte des Landkreises Saalfeld-Rudolstadt eingehen. Zum ersten Mal steht man an der Spitze einer Statistik, die die gut 400 Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland vergleicht. Einen Spitzenplatz, auf den man gern verzichtet hätte. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog

621 der rund 102.000 Einwohner des Landkreises haben sich in den vergangenen sieben Tagen mit dem Coronavirus infiziert – in Bezug auf die Bevölkerungszahl so viele, wie sonst nirgends zwischen Nordsee und Alpen. Wie konnte es soweit kommen? Nach Darstellung des Landratsamtes liegt die exorbitant hohe Inzidenz – am Donnerstag kam kein anderer Landkreis auf mehr als 500 Fälle pro 100.000 Einwohner – an der Aufarbeitung von rückständigen Positivtests aus der Zeit um den Jahreswechsel.

Erster Todesfall in Saalfeld-Rudolstadt

Das mag stimmen, es ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Auch anderenorts ist man noch mit Altfällen beschäftigt, nirgends aber in einem solchen Umfang wie im Südosten Thüringens, der bis Oktober als Musterschüler in Sachen Corona galt. Den ersten Todesfall im Zusammenhang mit dem Virus gab es in Saalfeld-Rudolstadt erst Anfang November, danach folgten 94 weitere in weniger als 70 Tagen.

In der Tatsache, dass die „erste Welle“ im Frühjahr eher als Schwäppchen dahinplätscherte, könnte eine der Ursachen für die jetzige Situation liegen. Wo es wenige Infizierte gibt, stößt das Virus auch auf wenig Immunität. Zudem ist der psychologische Effekt nicht zu unterschätzen, wenn die Krankheit zunächst scheinbar einen Bogen um die Region macht. „Lohnt sich der ganze Aufwand?“ fragten sich viele im vorigen Jahr – und wurden darin von lokaler Prominenz noch bestärkt.

Ein Ex-Landrat in Berlin, ein Hausarzt als Verharmloser

Ein ehemaliger Landrat, der bei Querdenkerprotesten in Berlin vorübergehend festgenommen wurde und Corona zur „Fake-Pandemie“ ausrief, ein Hausarzt, der bei einer von einem Stadtrat mit CDU-Mandat angemeldeten Kundgebung auf dem Saalfelder Markt die Gefahr durch das Virus verharmloste, und ein Vorsitzender des Hospizvereins, der bei jeder Gelegenheit gegen das Tragen von Alltagsmasken wetterte, befeuerten die Zweifel jenes Teils der Bevölkerung, der ohnehin regierungskritisch eingestellt ist. Immerhin machten bei der Landtagswahl 2019 im Kreis Saalfeld-Rudolstadt 28,8 Prozent der Wähler ihr Kreuz bei AfD oder NPD.

In dieser Gemengelage entwickelte sich bei einem Teil der Bevölkerung eine Art Renitenzkultur, die es als Akt des Widerstandes gegen die Obrigkeit betrachtet, Regeln wie Abstand, Hygiene oder Alltagsmaske eben gerade nicht einzuhalten. Besonders Mutige tragen dies öffentlich zur Schau, indem sie mit „Maulkorb“ auf halb acht einkaufen gehen, privat wird eh auf alles gepfiffen.

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Dem Virus ist das egal. Hinzu kommt, dass es im landschaftlich reizvollen Kreis Saalfeld-Rudolstadt eine überdurchschnittlich hohe Zahl von Plätzen in Senioren- und Pflegeheimen gibt, nicht nur im Städtedreieck, sondern auch an der Peripherie. Es ist bis heute nicht gelungen, die dortigen Bewohner effektiv vor Ansteckung zu schützen. Die Thüringen-Kliniken mit Standorten in Saalfeld und Rudolstadt mögen ein Segen für die Betreuung der Erkrankten sein, sie sind aber selbst regelmäßig von Coronafällen betroffen.

Die Inzidenz unter den Mitarbeitern lag zeitweise noch deutlich über der des Landkreises. Nicht zu unterschätzen ist die Rolle der Administration. Als sich im Oktober/November das Virus in Schulen, Kindergärten, Alten- und Behinderteneinrichtungen ausbreitete, war das Gesundheitsamt selbst von Infektionen betroffen. Statt Kontakte nachzuverfolgen, mussten einige der Mitarbeiter in Quarantäne. Erst spät wurde personell aufgerüstet, auch mit Hilfe der Bundeswehr.

Last but not least steht an der Spitze der Kreisverwaltung mit Landrat Marko Wolfram (SPD) ein Mann des Ausgleichs, der bis heute auf Appelle an die Bevölkerung setzt, aber unpopuläre Maßnahmen offenbar scheut, wie der Teufel das Weihwasser. Während im Nachbarkreis Hildburghausen der Bewegungsradius von Bevölkerung und Gästen erheblich eingeschränkt wurde, spazierten noch am Montagabend – der Landkreis lag schon auf Platz zwei der Corona-Hotspots in Deutschland – rund 40 Verharmloser nahezu unbehelligt durch Saalfeld.

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