"Irgendwann wird es schon noch Schnee geben in Saalfeld-Rudolstadt"

Das Wetter ist immer ein Thema! Thomas Spanier spricht mit dem Meteorologen Rüdiger Manig über Witterung, Klimawandel und das schlechte Gewissen.

Meteorologe Rüdiger Manig auf dem Messfeld der DWD-Wetterstation am Bornhügel in Neuhaus am Rennweg. Der 56-Jährige arbeitet hier seit Eröffnung der Wetterwarte 1987.

Meteorologe Rüdiger Manig auf dem Messfeld der DWD-Wetterstation am Bornhügel in Neuhaus am Rennweg. Der 56-Jährige arbeitet hier seit Eröffnung der Wetterwarte 1987.

Foto: Thomas Spanier

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Ein Gespräch nach 300 Monatsrückblicken auf das Wetter in Saalfeld-Rudolstadt, über die Ursachen für das wärmere Wetter und warum der Meterologe heute anders darüber denkt.

Herr Manig, im November 1994 haben Sie den ersten Witterungsrückblick an die OTZ geschickt. In den 25 Jahren danach gab es mithin 300 Monatsrückblicke auf das Wetter in der Region. Bekommen Sie Resonanz von Lesern?

Ja, immer mal wieder. Leute sprechen mich darauf an, mitunter auch welche, die ich gar nicht kenne. Oft erkennen sie mich an unserem Hund, der ja häufiger auf den Bildern zu sehen war. Die Resonanz insgesamt ist sehr positiv.

Was qualifiziert sie zum „OTZ-Wetterfrosch“?

Vor allem wohl die jahrelange Praxis und Erfahrung. Ich habe noch zu DDR-Zeiten eine Erwachsenenqualifizierung zum Technischen Assistenten für Meteorologie absolviert. Seit Eröffnung der Wetterstation in Neuhaus am Rennweg am 1. Januar 1987 ist der Bornhügel mein beruflicher Mittelpunkt. Inzwischen gehören wir zum Deutschen Wetterdienst, muss ich einmal im Monat in die Zentrale nach Offenbach zu meinem Team. Von 1994 bis 2015 habe ich die Wetterwarte geleitet.

Wir haben uns über die Jahre immer mal beim Ski fahren in der Rennsteigregion getroffen. Hatten Sie in diesem Winter die Ski schon dran?

Nein, das wollte ich den Skiern nicht antun. Die Schneedecke hat es selbst hier in Neuhaus bisher noch nicht hergegeben. Das ist in der Tat ungewöhnlich, folgt aber einem Trend, dass wir immer weniger Schnee bekommen. Das lässt sich über die Jahre gut nachweisen.

Als ich zur Schule ging, konnte man in den dreiwöchigen Winterferien selbst im Flachland drei Wochen Ski oder Schlittschuh laufen. Woran liegt es, dass das nicht mehr so ist?

Weil es heute im Schnitt deutlich wärmer ist als damals und weniger Niederschläge gibt. Im vorigen Jahr beispielsweise waren von zwölf Monaten elf zu warm und alle in der Vegetationsperiode zu trocken. Einzige Ausnahme war der Mai. Die vergangenen beiden Jahre sowie 2014 waren die wärmsten, seit es Wetteraufzeichnungen gibt.

Was sind aus Ihrer Sicht die Ursachen dafür?

Ich habe bis vor ein paar Jahren geglaubt, dass dies alles natürliche Ursachen hat und sich auch auf natürliche Weise wieder ändert. Ich musste mich aber eines Besseren belehren lassen. Das Wetter ist zwar prinzipiell ein chaotisches System, bestimmte Tendenzen kann man aber nicht übersehen. Das Frühjahr stellt sich total um, den April, wie wir ihn kannten, gibt es nicht mehr. Ich bin heute überzeugt, dass es einen menschengemachten Anteil an den Klimaveränderungen gibt, den man auch sehr konkret beziffern kann. Man muss sich nur mal ansehen, was inzwischen alles in der Atmosphäre ist. Das Gute an dieser Erkenntnis ist: Wenn wir als Menschen für den Klimawandel mitverantwortlich sind, können wir auch etwas dagegen tun.

Was haben wir bisher falsch gemacht?

Jede Menge. Der Mensch ist das egoistischste Lebewesen auf diesem Planeten. Kein Tier macht etwas, das nicht notwendig ist. Wir aber beuten die Bodenschätze aus, um sie zu verbrennen, fliegen um die Welt und holzen die Wälder ab. Zu unserem Vergnügen oder zu unserem wirtschaftlichen Vorteil.

Das klingt sehr nach „Fridays for Future“. Haben Sie Sympathien für die Bewegung?

Zumindest habe ich kein Verständnis für Leute, die sich gehässig über Greta Thunberg und Fridays for Future äußern. Man sollte froh sein, dass sich die Jugend für das Klima engagiert und Anstöße für einen anderen Umgang mit dem Thema gibt. Wie gesagt: Ich habe früher auch anders gedacht, aber alle Fakten sprechen dagegen.

Ein beliebtes Argument der Gegner ist, wir können in Deutschland nicht die Welt retten. Können wir doch?

Nein. Selbst wenn wir in Deutschland alles richtig machen würden, könnten wir nicht allein die Welt retten. Aber wir sind eine große Industrienation, die erstens gewaltig dazu beigetragen hat, dass die Lage heute so kritisch ist, und zweitens eine Vorbildfunktion für andere Länder hat. Ich sehe große Chancen für unsere Wirtschaft, mit Innovationen und neuen Technologien einerseits der Umwelt zu helfen und andererseits zu zeigen, wie es gehen kann.

Hat sich Ihr persönliches Verhalten in Sachen Umwelt verändert?

Na klar. Wir heizen zu Hause viel bewusster, sparen Strom. Ich fahre jetzt mit dem Zug nach Offenbach und esse weniger, dafür aber gutes Fleisch von Leuten, die ich persönlich kenne. Wir versuchen, Plastikverpackungen zu vermeiden, was nicht immer einfach ist. Geflogen bin ich ohnehin nur dreimal im Leben, dafür viel gelaufen und Fahrrad gefahren.

Wann gibt es das erste Elektroauto im Hause Manig?

Das wird ein Thema werden. Ganz ohne Auto ist man im ländlichen Raum derzeit zu unflexibel.

Zurück zum Wetter: Zu DDR-Zeiten wusste man, wenn in der „Aktuellen Kamera“ Regen für den nächsten Tag angekündigt war, dann scheint garantiert die Sonne. Heute treffen die Vorhersagen fast immer zu. Woran liegt das?

Die Wettermodelle sind hochauflösender und besser geworden. Die Rechner haben heute eine ganz andere Leistung, die Programmierung ist viel detailreicher. Windspitzen können wir sehr genau vorhersagen, bei Gewitterzellen ist es schwieriger.

Geben Sie in Neuhaus auch Unwetterwarnungen heraus?

Nein, das erfolgt von Offenbach aus als Folge von Wetterbesprechungen. Ich kenne den Vorwurf, wir würden zu oft warnen. Aber lieber einmal zu oft, als einmal zu wenig. Es gibt Lagen, die kann man nicht vorhersehen.

Eine Frage kann ich dem Meteorologen nicht ersparen: Wird es dieses Jahr noch Schnee geben?

In den nächsten sieben Tagen jedenfalls nicht. Es bleibt mild bei Hochdrucklage mit Südwestströmung. Aber irgendwann wird es schon noch Schnee geben, tendenziell haben wir ohnehin eher weiße Ostern als weiße Weihnacht.

Zur Person: Rüdiger Manig, Jahrgang 1963, wächst in Brandenburg auf und lernt dort Kfz-Schlosser. In den 1980er Jahren zieht er zur Mutter nach Neuhaus am Rennweg, holt das Abitur an der Abendschule nach, macht einen Abschluss als Technischer Assistent für Meteorologie und arbeitet seit 1987 in der Wetterwarte in Neuhaus. Seit 2016 arbeitet er für die Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in Offenbach und baut als Einzelprojekt eine Bilddatenbank für den Wetterdienst auf. Der zweifache Opa lebt mit seiner Frau und einem Hund in Ernstthal.

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