Saalfelder Jazztage starten hochklassig

Saalfeld.  Mit Martin Kohlstedt kam ein Star der deutschen Komponistenszene nach Saalfeld. Doch Corona fordert auch von den Jazztagen Tribut.

Die Gruppe „Chazzon“ sorgte für das Eröffnungskonzert am Freitagabend in den Räumen von Augenoptik Schier in der Saalstraße. Es musizierten Akkordeonist Valentin Butt, Frank Kaiser (Gitarren) und Sängerin Claudia Wandt.

Die Gruppe „Chazzon“ sorgte für das Eröffnungskonzert am Freitagabend in den Räumen von Augenoptik Schier in der Saalstraße. Es musizierten Akkordeonist Valentin Butt, Frank Kaiser (Gitarren) und Sängerin Claudia Wandt.

Foto: Robin Kraska

Sie singen vom Herbst, von der Liebe und vom Abschied. In ihren Texten stecken die Lebensfreude und Melancholie des Tangos, schwarze Mustangs, die Muttergottes Maria von Buenos Aires, spanische Sommerhitze, Licht und Schatten in der Welt: „Chazzon“ haben das Publikum bei Augenoptik Schier überzeugt. In der Filiale Saalstraße besorgte die Leipziger Gruppe am Freitagabend den Auftakt der 35. Saalfelder Jazztage.

Chazzon ist die namentliche wie musikalische Verschmelzung von Chanson und Jazz und noch mehr Stilen, allem voran Latin. Seit gut zehn Jahren arbeitet Sängerin Claudia Wendt mit Gitarrist Frank Kaiser zusammen. Verstärkt vom Berliner Valentin Butt am Akkordeon war es eine Premiere in dieser Konstellation. An diesen Instrumenten begleiteten Butt und Kaiser Claudia Wendts warme Stimme.

Ihren Eigenkompositionen auf Deutsch und Spanisch nimmt man sofort ab, dass sie nach eigener Aussage ein „Kind des Sommers“ ist. Ganz besonders bei den reinen Instrumentalstücken offenbart sich dann die enorme Spielfreude der Männer.

Eine Absage und kein Frühschoppen im Pappenheimer

Veranstalter ist der Kulturbetrieb Meininger Hof, dessen Leiter Tobias Fritzsche vor allem froh ist, dass es die Traditionsveranstaltung doch geben kann. „Wir wollten Kultur stattfinden lassen, wo sie möglich ist“, sagt er. „Da musste der wirtschaftliche Aspekt in den Hintergrund treten.“

Rund anderthalb Jahre Vorplanung wurden durch die bekannte Situation gründlich durcheinander gewirbelt. „Trotzdem hatten wir etwas, auf dem wir aufbauen konnten“, sagt Fritzsche. Dennoch fordert die Krise ihren Tribut.

Der Frühschoppen im Pappenheimer mit Musik am Sonntag muss ausfallen, das Duo Peabody & Mudrich hatte seinen für diesen Freitag geplanten Auftritt im Franziskanerkloster abgesagt. „Sie gehören selbst zur Risikogruppe, wir verstehen das natürlich“, meint Tobias Fritzsche.

Maximal 40 Besucher waren bei Schier erlaubt. „Die Leute sind momentan sehr spontan und entscheiden sich oft kurzfristig“, weiß der Organisator. Trotzdem seien die 400 Karten für alle vier Konzerte ausverkauft.

Auf der Bühne wieder Kind

„Das wird jetzt vor den Baum gehen“, kündigt Martin Kohlstedt seinen Zuhörern tags darauf im Meininger Hof an, als er zum nächsten Stück überleitet. Ein Satz, der aus dem Mund eines professionellen Musikers mindestens befremdlich klingen mag.

Doch bei seiner Livemusik ist Improvisation, Intuition und Interaktion mit dem Publikum wesentlicher Bestandteil der Kunst. Unvorhergesehenes darf hier ausdrücklich passieren. Der 32-jährige Weimarer ist die größte Nummer der Jazztage; schon vor drei Jahren füllte er den großen Saal der Elbphilharmonie.

„Auf der Bühne werde ich wieder zum Kind“, bekennt er vorm Auftritt. „Ich glaube, ich bin ein bisschen überengagiert heute Abend“, sagt er kurz darauf auf der Bühne. „Es kann sein, dass Fehler passieren. Aber das ist okay, das macht mich freier und vielleicht auch Sie.“ Kein Konzert gleicht dem anderen, eine vorbestimmte Abfolge gibt es nicht.

Abschluss mit „Echoes of Swing“ am Samstag

Mittels Klavier und Synthesizern erfüllt Martin Kohlstedt den Saal mit sphärischen Klängen, mal kraftvoll, beinahe bedrohlich wirkend, dann wieder ganz filigran. Eigentlich stünde er jetzt vor einer Europatournee mit 70 Auftritten, Saalfeld wird voraussichtlich der letzte Termin für unbestimmte Zeit gewesen sein.

Kohlstedt wirkt nicht so, als würde er zwischen einer ausverkauften Elbphilharmonie und den coronabedingt licht besetzten Reihen im Meininger Hof unterscheiden. Nur ein Viertel der Plätze durfte hier belegt werden. Martin Kohlstedts Improvisation ist übrigens nicht vor den Baum gegangen, wie ihm sein begeistertes Publikum versicherte.

Am Sonntagabend spielte noch das Duo Stiehler/Lucaciu im Stadtteilzentrum Gorndorf einen instrumental geprägten Pop. Den Abschluss bilden am Samstag, 31. Oktober, „Echoes of Swing“, wiederum im Meininger Hof. Das Programmheft verspricht „verblüffende Arrangements, virtuose Solobeiträge und ein enorm abwechslungsreiches Repertoire“.