Saalfelds Wirte leben aktuell von „Luft, Liebe und Rücklagen“

Saalfeld  Wie die Saalfelder Frank Kotzschmar vom „Champ“ und Petra Wenzel vom Hotel „Am Hohen Schwarm“ die Corona-Zeit überstehen.

Frank Kotzschmar und Petra Wenzel vor der geschlossenen Saalfelder Kultkneipe "Camp".

Frank Kotzschmar und Petra Wenzel vor der geschlossenen Saalfelder Kultkneipe "Camp".

Foto: Guido Berg

Frank Kotzschmars legendäre Kneipe „Champ“ in Saalfeld hat seit dem 1. November geschlossen. Die Einnahmen liegen bei null, die Kosten laufen weiter. Der Chef des Saalfelder Wirte-Vereins zählt auf: Pacht, Heizung, Strom, Krankenkasse, Versicherung, Altersvorsorge, GEZ-Gebühr, das Sky-Abo, Telefon, Internet, Kartengeräte-Gebühren, Lohnsteuer, Steuerberater… Der 60-Jährige rechnet, dass er etwa 3000 Euro weiterlaufende Kosten im Monat hat. Seinen Koch und seine Reinigungskraft, beide geringfügig Beschäftigte, bezahlt er sogar weiter – „damit die mir nicht abspringen“.

Bei Petra Wenzel, Inhaberin des Hotels am Hohen Schwarm in Saalfeld, sind es sogar 5000 Euro im Monat. „Kurzarbeit kann ich meinen Leuten nicht antun“, sagt die Vorsitzende des Fremdenverkehrsvereins, „wir sind im Niedriglohnsektor“.

Die Wirte und auch die Hotelbetreiber in Saalfeld und Rudolstadt haben zu kämpfen. Davon wissen sowohl Frank Kotzschmar als auch Petra Wenzel einiges zu berichten. Kotzschmar: „Die Stimmung ist mies!“ Die Hotel-Inhaberin: „Wir verbrennen unsere Altersvorsorge!“

Kein Kredit mehr im hohen Alter

Bei den Wirten könnten die insgesamt bald sechs Lockdown-Monate sogar zu Geschäftsaufgaben führen, glaubt der Champ-Wirt. „Unsere Gastwirte sind alle in den 60ern“, sagt er. Die wenigsten hätten noch Lust, in diesem Alter Kredite aufzunehmen, um über die Corona-Zeit zu kommen. Und junge Wirte stehen kaum bereit. Er selbst versichert jedoch standhaft: „Ich werde wieder aufmachen!“ Wann das sein wird, sei freilich unklar. Vielleicht im März?

In der Hotel-Branche ist der Generationswechsel laut Petra Wenzel vielfach schon erfolgt. „Da denkt niemand ans aufhören.“ Doch die Lage sei beängstigend: In der Vergangenheit seien die Auftragsbücher zum Jahresanfang für den Sommer bereits voll gewesen. Und jetzt? Wer buche den bei der derzeitigen Unsicherheit ein Hotel?

Einige Restaurants halten sich in der Corona-Zeit mit Außerhausverkauf über Wasser. Die regionale Wirtschaftsförderung unter Geschäftsführer Matthias Fritsche bietet dafür sogar eine zentrale Internet-Seite an. Unter www.saalegast.de können Interessenten Speisekarten einsehen und beim Restaurant ihrer Wahl per E-Mail bestellen. Doch die Zahl der mitmachenden Restaurants ist noch recht überschaubar. „Wir wünschen uns mehr Partizipation“, erkläre Fritsche am Montag dieser Redaktion. Viele Restaurants würden ihre Bestellung lieber per Telefon entgegennehmen. Allerdings: „Die, die bei uns mitmachen, sind recht zufrieden“, betont der Wirtschaftsförderchef.

Mangelnde Transparenz der Hilfen

Als Kneipenwirt sieht Frank Kotzschmar im Außerhausverkauf für sich keine Lösung. Wie er erzählt, hat er auch staatliche Hilfe bekommen, so die Hilfen des Landes Thüringen für März und April. Für den November hatte die Bundesregierung 75 Prozent des November-Umsatzes des Vorjahres in Aussicht gestellt. Erhalten hat der Champ-Wirt von der Bundeskasse in Trier aber bisher nur 35 Prozent. Davon, dass dies vielleicht nur ein erster Abschlag ist, stand in den Bescheid kein Wort.

Petra Wenzel beklagt die Bürokratie und die mangelnde Transparenz der Hilfen. Was sie für Januar beantragen könne, sei immer noch nicht klar.

Aber ist am Anfang des Jahres 2021 wirklich alles schlecht? Frank Kotzschmar lacht und bekennt, dass nach 40 Jahren als Wirt, sieben Tage die Woche, nie Feierabend, die jetzige Zwangspause auch einen erholenden Effekt hat: „Nervlich tut mir das gut.“